Zeitung Heute : "Produkte, die man nicht einordnen kann"

Als Jason Olim vor einigen Jahren in einem Plattenladen vergeblich nach bestimmten Miles-Davis-CDs stöberte, war das der Anfang einer erstaunlichen Karriere.Verärgert über das lückenhafte Angebot, gründete er kurzerhand seinen eigenen CD-Handel - im Internet.Mittlerweile ist seine Firma "CDnow" drei Jahre alt und höchst erfolgreich: 173 000 Einkäufer registriert der virtuelle Musikhändler tagtäglich.Sein Erfolg gründet auf gutem Service, zahlreichen Rezensionen, Ratschlägen und Empfehlungen rund ums Produkt.An einem überzeugenden Suchsystem arbeitet der 29jährige noch.Tagesspiegel-Autor Henry Steinhau hatte am Rande der "Multimedia-Tage" in Frankfurt am Main kürzlich Gelegenheit, mit Jason Olim zu sprechen.

TAGESSPIEGEL: Mister Olim, Sie haben als entscheidenden Impuls für die Gründung von "CDnow" beschrieben, daß die stationären Plattengeschäfte einen schlechten Kundenservice bieten.Was ist so schlecht daran - und was machen Sie besser?

JASON OLIM: Meistens stimmt die Auswahl nicht.Die Menge der verfügbaren Titel wird in einem Plattengeschäft etwa nur zu einem Zehntel abgedeckt.Bei uns finden Sie zu bestimmten Künstlern nicht nur eine Selektion von fünf bis sechs Alben, sondern alle 20, die diese Band schon veröffentlicht hat.Dazu kommt bei uns das informative Umfeld.Wie oft bin ich in einem Plattenladen gewesen, habe ein Album in die Hand genommen und mich gefragt: ob das wohl gut ist? Wenn an dieser Stelle eine Rezension griffbereit wäre, die die CD empfiehlt oder auch kritisch bewertet - so etwas ließe ein Musikgeschäft besser sein.Daher gibt es bei uns zu jedem Act Empfehlungen für ähnliche Musik und zu vielen Platten Besprechungen, die wir aus unseren Kooperationen mit dem "Rolling Stone" und MTV übernehmen.

TAGESSPIEGEL: Wenn ich weiß, was ich will, kann ich bei "CDnow" per Suchdialog schnell ans Ziel kommen.Aber das Bummeln und Stöbern scheint mir am Bildschirm doch etwas spröde.

JASON OLIM: Das ist die größte Herausforderung, vor der wir stehen.Ich finde ja, daß es schon schwierig genug ist, in einem normalen Musikladen zu stöbern.Man kommt in eine Abteilung, sagen wir Jazz, und überall stehen Stapel von irgendwelchen CDs, scheinbar beliebig.Oder man muß sich durch die Regale blättern und sieht so viele Produkte, die man überhaupt nicht einordnen kann.Das kann sehr unbefriedigend sein.Bleiben wir mal bei Jazz.Bei uns finden Sie eine Menge Besprechungen und ausführliche Artikel zu den jeweiligen Jazz-Spielarten, sogenannte Guides.Die Guides beschreiben das Genre, wie Cool Jazz, Bigband Jazz oder Vocal Jazz, erläutern dessen Geschichte und nennen dabei die wichtigsten Alben.

Vor kurzem haben wir darüberhinaus den Service "My CDnow" gestartet.Hier kann der Kunde auf Wunsch ein Geschmacksprofil von sich anlegen, in dem er seine Lieblingsbands oder bevorzugte Genres und ähnliches eingibt.Außerdem kann er bestimmte Platten bewerten und so seinen Geschmack spezifizieren.Unser System ergänzt dieses Profil automatisch, wenn der Kunde etwas kauft.Und wenn er vom System eine Platte empfohlen bekommt, die er bereits besitzt, kann er Feedback geben: das eine Album fand ich gut, die andere Empfehlung eher nicht so gut.

TAGESSPIEGEL: Sind für eine derart personalisierte Kundenansprache ihre Kategorien in musikalischer Hinsicht nicht etwas oberflächlich? HipHop wird bei ihnen beispielsweise unter "Rock" subsummiert.

JASON OLIM: Wir haben im Moment sechs Hauptkategorien, und das dürfen Sie gerne als zu oberflächlich bezeichnen, das wird gerade echte Musikfans nicht zufriedenstellen.Wir haben deswegen mit den Buyers Guides angefangen, die in jeder Kategorie und sehr spezifisch angelegt sind.Außerdem werden wir unsere sechs Kategorien weiter aufsplitten.Das Ganze wird eine Baumstruktur bekommen und der Lexikografie der Musik mehr und mehr ähneln.

TAGESSPIEGEL: Stimmt es, daß Sie private Nutzer dafür bezahlen, wenn diese auf ihrer Homepage einen Banner-Link auf "CDnow" schalten?

JASON OLIM: Ja, das ist unser sogenanntes Cosmic Credit-Programm.Wir richten uns damit an alle Musikliebhaber, an Fans, Discjockeys und Musiker, die im Netz aktiv sind.Auf deren Homepages geht es um Musik, wir verkaufen welche.Die Bezahlung erfolgt auf Provisionsbasis.Außerdem bezahlen wir Fanmaganzine dafür, daß sie Inhalte produzieren und anliefern, etwa Rezensionen und andere Informationen.Dazu linken wir von unserer auf deren Seite, jeweils in der Nähe der betreffenden Künstler oder Genres.Dieses Programm ist überaus erfolgreich, wir haben bereits 120 000 Partnerschaften.

TAGESSPIEGEL: Sie bieten auch den digitalen Verkauf von Musik, sprich: die Kunden können sich Dateien von Ihren Servern herunterladen.Die Plattenindustrie steht "Music on Demand" aber sehr ängstlich gegenüber - zu Recht?

JASON OLIM: Die Musikindustrie denkt zuweilen, sie ist im Geschäft, um Platten zu pressen, doch worin sie eigentlich besonders gut ist, ist das Aufspüren von Talenten und Aufbauen von Künstlern, das Bekanntmachen und Vermarkten von Musikern.Ob ihr Produkt nun auf einer CD verkauft wird oder digital, sollten ihnen eigentlich egal sein.Letztlich ermöglicht der Verkauf der digitalen Waren der Musikindustrie sogar noch mehr Profit, denn sie muß nicht ihr Geld in physikalisches Equipment investieren, muß kein Geld mehr für das Herstellen einer CD ausgeben, und sie muß sich vor allem nicht mit Remissionsware herumplagen.

TAGESSPIEGEL: Aber "Music on Demand" würde der Piraterie Tür und Tor öffnen, heißt es.

JASON OLIM: Das Gegenteil ist der Fall: Wenn Sie heute eine CD kaufen, erhalten Sie eine Scheibe mit Musik, die nicht verschlüsselt ist.Es ist sehr leicht, diese Musik in den Computer zu überführen und diese Musik in alle Welt zu verteilen.Per digitalem Vertrieb aber kann man die Musik verschlüsselt und mit digitalem Wasserzeichen versehen zum Kunden senden.Wenn ein solcher Track auf Ihrem Computer eintrifft, können Sie diesen nicht kopieren und Sie können davon auch nur eine CD-ROM anfertigen, nicht mehr.Und selbst wenn Sie einen Weg finden, weitere Kopien anzufertigen, wird dieser Track durch das digitale Wasserzeichen stets die Information in sich tragen, wer die Urheber sind und wer der ursprüngliche Käufer war.Solange die Plattenfirmen also den digitalen Vertrieb nicht unterstützen, bieten Sie auch keine vernünftige Alternative zu dem an, was momentan passiert, nämlich illegales Raubkopieren im großen Stil, was schrecklich für alle Beteiligten ist - für die Künstler, die Plattenfirmen und die Händler.

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