Zeitung Heute : Programm bis in den späten Abend

Die Seeschule Rangsdorf bietet Ganztagsbetreuung – auf Wunsch auch mit Übernachtung

Stefan Jacobs

Der heutige Tag geht in Schwarz-Weiß zu Ende, den roten Sonnenuntergang überm See gibt es erst bei besserem Wetter wieder. Während draußen kaum eine Laterne die Nacht erhellt, bemalen im AG-Raum der Rangsdorfer Seeschule zwei Mädels von der Theatergruppe die Bremer Stadtmusikanten. Der Katze fehlt der Rücken, aber bis zur Premiere sind noch ein paar Tage Zeit.

Rangsdorf liegt ein paar Kilometer südlich von Berlin-Tempelhof im so genannten Speckgürtel. Zur Seeschule muss man über das Gelände einer ehemaligen Sowjetkaserne. 1936 wurde das Areal für die olympischen Kunstflieger bebaut, 1944 startete Stauffenberg mit der für Hitler bestimmten Bombe in der Tasche von hier Richtung Wolfsschanze, 1945 kamen die Russen, 1989 die Wende und 2001 die Schule. 6,5 Millionen Euro hat der Trägerverein investiert. Zurzeit läuft Unterricht für die Klassenstufen sieben bis elf; 2007 sollen die ersten Abiturienten die Seeschule verlassen und eine Grundschule eingerichtet werden.

410 Euro plus Mittagessen zahlen Eltern, die ihre Kinder nur zum Unterricht herschicken. Dafür haben sie die Gewissheit, dass ihre Sprösslinge zumindest tagsüber keinen Blödsinn machen. Das volle Programm mit Internat montags bis freitags inklusive Vollpension kostet 1330 Euro monatlich. Viele Eltern schicken ihre Kinder her, weil sie keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern oder sich um deren Leistungen sorgen. Gerade bei Jungen um die achte Klasse herum seien Durchhänger häufig, sagt die pädagogische Leiterin Christiane Goltz. Es könnte daran liegen, dass gute Zensuren in einem gewissen Alter als uncool gelten. An der Seeschule hat man damit kein Image- Problem, das macht die Sache leichter.

Fürs Schulgeld werden den Schülern täglich acht Unterrichtsstunden geboten, von denen nach Angaben der Leiterin noch keine ausgefallen ist. 130 Schüler sind zurzeit angemeldet, 20 pro Klasse sind die Obergrenze. Disziplin ist Pflicht; Pöbeln und Prügeln sind streng verboten. Auch ordnungsgemäß erzeugter Krach, etwa vom Schlagzeug im Musikraum, ist nur während der Mittagspause oder mittwochs in der AG-Stunde erlaubt.

Heute ist Mittwoch. Vorhin dröhnten Bass und Beat aus dem Musikraum, dass die Wände wackelten: Christian am Schlagzeug, Tim an der Metal-Gitarre, der Lehrer am Mischpult. Nebenan bumperten die Basketbälle übers Turnhallenparkett. Im Nachbargebäude klickerten die Computertastaturen, im Keller surrte die Schleifmaschine, mit der der alte Lack von den Ruderbooten geholt wurde. Um kurz vor vier gingen wie auf Kommando die Lichter aus: Der Bus zum Bahnhof stand vor der Tür und nahm die meisten Schüler mit. Zurück blieben nur die reichlich 30 Internatskinder sowie die schuleigenen Schafe und Kaninchen.

Abgesehen von der Ruhestunde bis 17 Uhr herrscht Vollbeschäftigung im Internat: Arbeitsgemeinschaften oder Nachhilfe, Tischdienst, Abendbrot. Danach ist Hausaufgabenzeit und manchmal noch gemeinsames Programm bis fast zur Nachtruhe. Geschlafen wird im Doppelstockbett; die Zweierzimmer mit großem Schreibtisch und Schrank sind schlicht eingerichtet, aber geräumig und hell.

Patrick aus Tempelhof hat sein Privatreich mit einer bunten Lichterkette aufgehübscht. Seit eineinhalb Jahren wohnt er die Woche über hier, er geht jetzt in die achte Klasse. Früher hat er sich, wenn er nach Hause kam, als Erstes mit seinem großen Bruder geprügelt, so dass sich sein Heimweh in Grenzen hält. Jetzt verbringt er den Montagnachmittag mit Holzbau, dienstags kann er im Sommer golfen, mittwochs ist sein freier Tag, donnerstags spielt er Volleyball und freitags fährt er nach Hause. Er hat sich nicht verschlechtert mit dem Umzug. „Es ist okay hier, wir sind eine Familie.“ Patrick hat eine Lese-Rechtschreibschwäche, um die sich vorher niemand so richtig gekümmert hat. Jetzt ist er von Diktaten befreit und bekommt Nachhilfe.

Max, der gerade bei Patrick im Zimmer vorbeischaut, kann das bestätigen. Er will nicht weg, aber er muss: Irgendwie hat er sich wohl nicht gut genug benommen. In die Ecken gespuckt und Lärm gemacht oder so, genau weiß er es auch nicht, sagt er. Er vermutet außerdem, dass der angekündigte Rauswurf mit seiner Aufmüpfigkeit zusammenhängt: Er habe sich nämlich beschwert, dass sie an ihrem letzten Wandertag in Berlin Werbezettel für die Schule hätten verteilen müssen, anstatt etwas Interessanteres zu machen. Patrick fand die Sache mit dem Wandertag auch doof, aber er macht keinen Wind deswegen. Bei Max hat wohl der Ton die Musik gemacht. Er ist nicht der Erste, den die Seeschule wegschickt: Etwa zehn Kündigungen wegen Disziplinproblemen oder Ärger mit Drogen habe man bisher ausgesprochen, hat die Leiterin erzählt.

Jedenfalls hat die Schule Max’ Eltern den Vertrag gekündigt. An die Lichtenrader Gesamtschule, an der Max vorher war, will er nicht zurück: Dort kam und ging man besser nicht allein, sagt er. Jetzt wird er auf eine Realschule wechseln – und auf seine drei Sportkurse pro Woche und den Seeblick verzichten müssen.

Unten im AG-Raum trocknen die Bremer Stadtmusikanten auf dem Tisch. Die Schüler sind in ihren Zimmern. Es ist ein bisschen wie im Ferienlager. Nur leiser.

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