Zeitung Heute : Programme zur Computerausstattung von US-Schulen kritisiert

HANNS-JOCHEN KAFFSACK (dpa)

Fünf Milliarden Dollar fließen allein 1997 in neue Technologien / Einige Experten warnen jedoch vor überzogenen HoffnungenHANNS-JOCHEN KAFFSACK (dpa)Mehr als fünf Milliarden Dollar (fast neun Milliarden Mark) fließen in diesem Jahr in den USA in modernste technologische Ausstattung der Schulen.In Texas prüfen die Schulverantwortlichen, ob alle Schüler ihre Lehrbücher gegen Laptops eintauschen sollen.US-Präsident Bill Clinton will als Pfeiler seiner Brücke ins 21.Jahrhundert jetzt in alle Klassenzimmer der Nation einen Computer neben die Tafel stellen. Während dieser PC-Enthusiasmus zwischen 40 bis 100 Milliarden Dollar kosten dürfte, warnen Experten eindringlich vor großen Illusionen.Nichts beweise, daß der Computer auch das halte, was er verspreche. "Die meisten Schulen wären wahrscheinlich besser dran, wenn sie ihre Computer auf den Müll werfen würden", lautet das vernichtende Fazit eines Computer-Wissenschaftlers an der Victoria University in British Columbia."Computer im Klassenraum sind die Filme der 90er Jahre", so warnt auch der Autor Clifford Stoll vor zuviel Enthusiasmus in Sachen Computer-Technologie und Lernerfolg."Wir mochten Filme, weil wir eine Stunde lang nicht zu denken brauchten.Unsere Lehrer mochten sie auch, weil sie in der Zeit nicht unterrichten mußten." Skepsis kommt also von Computer-Wissenschaftlern selbst.Sie halten eine ganze "Internet-Generation der Clickerati" für eine Fehlentwicklung.Ein Sommerkurs reiche aus, um aus einem Laien einen richtigen PC-Kenner zu machen."Computer selbst sind in Ordnung", sagte David Gelernter, Professor für Computer-Wissenschaft an der renommierten Yale University, der "New York Times"."Wir stecken aber mitten in einer Katastrophe: Die Kinder lernen nicht, wie man liest, schreibt und rechnet.Da jetzt ein schickes Spielzeug in die Klasse zu bringen, das scheint mir einem Desaster gleichzukommen." Die Computer-Wirtschaft, viele Lehrer und Politiker sehen das allerdings anders.Von 25 Prozent auf etwa 50 Prozent sei die Zahl der Jobs in den USA angestiegen, die PC-Kenntnisse erfordern.Und im Jahr 2000 sollen es schon 60 Prozent sein.In einer Umfrage nannten US-Lehrer im vergangenen Jahr den richtigen Umgang mit dem PC und Medien-Technologien "wesentlicher" als das Studium der europäischen Geschichte und der Naturwissenschaften.Studien zeigen in den höheren Klassen Lernerfolge durch Computer in der Mathematik ­ und eine Befreiung von mechanischem Lernen sowie anderen Zwängen. Offensichtlich ist es viel zu früh, in dem Streit um den Einsatz von Computern ein klares Bild zu bekommen, da umfassende und seriöse Langzeitstudien fehlen.Allerdings haben Bundesstaaten, Behörden und Schuldistrikte bereits massiv begonnen, in die schöne PC-Zukunft zu investieren ­ und dafür am Musik- und Kunstunterricht oder selbst am Sport zu sparen.Den Schulen der Weltmacht fehlen etliche Milliarden, nur um dringliche Reparaturen zu bezahlen.Es tropft durch so manche Schulhausdecke.Toiletten sind nicht zu benutzen.Schulen sind geschlossen, weil dort die Sicherheit der Schüler und Lehrer nicht gewährleistet ist. "Es ist keine Lösung, die Computer ganz aus dem Klassenraum zu verbannen", meinte der Internet-Kenner Todd Oppenheimer unlängst in der Zeitschrift "Atlantic Monthly".Bundes-Milliarden sollten allerdings nicht vorschnell in eine solch "überhitzte Kampagne" gesteckt werden, sondern in das Lesen, Schreiben und Rechnen, Nachdenken, Zuhören und Sprechen.

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