Zeitung Heute : Prominenten begegnen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

In seiner süddeutschen Heimat begegnete der Neu-Berliner einige Male Prominenten, was kein Wunder ist, denn das kurpfälzische Heimatstädtchen gilt weithin als eine der schönsten Städte des Landes, und auch die Prominenten lassen sich dort ab und zu blicken. Ein berühmter schizophrener Dichter bezeichnete die Hauptstadt der Kurpfalz einmal als „der Vaterlandsstädte Ländlichschönste“, was grammatisch schwer nachzuvollziehen ist, nicht aber inhaltlich.

Darüber dachte vielleicht der Schriftsteller Peter Handke nach, als er an einem Frühlingstag vor ein paar Jahren in einem sonnenuntergangsdurchfluteten Gässchen der Heimatstadt des Neu-Berliners in einem Straßencafé eine Tasse Tee trank. Der Neu-Berliner, damals noch kein Neu-Berliner, schlenderte gerade seine Lieblingsgasse entlang, als er plötzlich direkt in das sonnenblinzelnde, prominente Peter-Handke-Gesicht schaute.

Instinktiv blieb der Neu-Berliner stehen, was Peter Handke sicherlich merkwürdig vorkam, wenn es ihm auch im Grunde schmeicheln musste. Der Neu-Berliner hielt dem Blick zunächst nicht stand und schaute in die rote Sonnenkugel, die am Ende des Gässchens über den Häusern flimmerte, also in die Richtung, in die auch Peter Hanke geschaut haben musste, bevor er dem Blick des Neu-Berliners begegnete. Dann betrachtete der Neu-Berliner wieder einige Sekunden das Peter-Handke-Gesicht, aus dem heraus der prominente Peter Handke ihn immer noch anstarrte. Das Gesicht war von kleinen Falten übersät, wie das eines Almbauerns oder eines Bergsteigers. Dann wurde dem Neu-Berliner plötzlich klar, warum Peter Handke ihn so fixierte. Der Autor, der in seinen Werken die Erleuchtungen des Lebens feiert, Erleuchtungen, die man etwa beim Betrachten von Nudeln erleben kann (die „andersgelben Nudeln“ des Peter Handke sind schon fast sprichwörtlich geworden) – dieser Autor war gerade dabei, eine Erleuchtung zu haben, vielleicht eine kleine, aber ganz gewiss eine Erleuchtung, eine Erleuchtung angesichts seiner Tasse Tee und des sonnenbeschienenen Altstadtgässchens. Und Peter Handke wollte dabei eben beobachtet, nein vielmehr: erkannt werden, deshalb suchte er den Blick des Neu-Berliners. Dieser grüßte mit: „Guten Abend Herr Handke“, Peter Handke nickte freundlich, und der Neu-Berliner ging seines Wegs.

Viele Jahre später in der großen Stadt begegnet der Neu-Berliner Judith Hermann, die zum Geldautomaten Schönhauser Ecke Eberswalder geht. Ihm fällt nicht mehr auf, als dass Judith Hermann sich die Haare blond gefärbt hat – auf den Klappentext-Fotos waren sie noch dunkel. Eigentlich steht ihr das Blond auch ganz gut, denkt der Neu-Berliner. Aber im Vergleich zu seinem Peter-Handke-Erlebnis in der Provinz ist das Judith-Hermann-Erlebnis weniger aufregend, weniger prominent irgendwie. Liegt das an der Stadt? Wenn die große Stadt nicht mehr so neu für ihn sein wird, dann wird er die Erleuchtungen der Prominenten besser erkennen können, denkt der Neu-Berliner.

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