Zeitung Heute : Promovieren mit System

Die Dahlem Research School an der Freien Universität Berlin

Michael Weiss

Die Promotion stellt das Scharnier zwischen dem Ausbildungs- und Forschungsauftrag der Universitäten dar und besitzt zunehmende Bedeutung für die berufliche Laufbahn eines Wissenschaftlers in- und außerhalb der Hochschule. Es ist daher eine Frage von weit reichender Konsequenz, die entsprechend heiß diskutiert wird: Wie reformbedürftig ist das deutsche Promotionswesen?

„Immer wieder tauchen in der mittlerweile breit geführten Diskussion um die Reformierung des Promotionswesens in Deutschland Forderungen auf, sich nicht mehr allein auf das traditionelle ,Lehrlingsmodell‘ zu beschränken“, sagt dazu Helmut Keupp, Vizepräsident der Freien Universität Berlin und zuständig für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. „Weiterhin besteht zwar grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die Promotionszeiten verkürzt werden sollten und über mehr Verbindlichkeit und stärkere Strukturierung letztlich auch im internationalen Vergleich eine bessere Wettbewerbsfähigkeit erzielt werden muss“, so Helmut Keupp weiter, „aber ebenso klar ist es, dass die wissenschaftliche Qualität als Kern einer Promotionsleistung in keiner Weise unter solchen berechtigten Reformbestrebungen leiden darf“. Die Gretchenfrage lautet also: Wie können die hohen Ansprüche an wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn in einer Doktorarbeit in Einklang gebracht werden mit weitergehenden Forderungen nach Vermittlung von breiteren Fachkenntnissen, die über das jeweilige Spezialgebiet der Dissertation hinausreichen, sowie zusätzlichen Schlüsselqualifikationen, die für den weiteren Berufsweg zunehmend an Bedeutung gewinnen?

Die Freie Universität Berlin hat diese Frage mit Beschluss des Akademischen Senats vom 13. Juli 2005 über die Einrichtung der Dahlem Research School (DRS) beantwortet. Mit Hilfe der Dahlem Research School sollen strukturierte Promotionsprogramme an der Freien Universität Berlin gefördert und unter einem Dach zusammengefasst werden: „Die Dahlem Research School wird sich zum zentralen Anlaufpunkt für den wissenschaftlichen Nachwuchs an unserer Universität entwickeln“, umschreibt Helmut Keupp das Ziel. „Durch die Vernetzung der Promotionsprogramme wird die Kommunikation zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen erleichtert und auf diese Weise ein optimales wissenschaftliches Umfeld für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereitgestellt. Einerseits werden sich vielfältige Synergien unter den einzelnen Programmen ergeben, anderseits stellt die Dahlem Research School selbst in zentralen Bereichen wie Sprachkompetenz oder Wissenschaftstheorie Module von allgemeinem Interesse bereit und sorgt so für eine Einlastung der einzelnen Studienprogramme.“

Zur Unterstützung der Kommunikation über die „fachlichen Tellerränder“ hinweg ist die Einrichtung einer fest lokalisierten Informationsbörse vorgesehen, in der durch regelmäßige Treffen der Kontakt der Promovenden untereinander, aber auch zu Vertretern aus Öffentlichkeit und Wirtschaft hergestellt wird. Weiterhin steht die Dahlem Research School für hohe Qualitätsstandards der unter ihrem Dach gebündelten Promotionsprogramme – ein wichtiger Aspekt, um gerade auch ausländische Studierende an die Freie Universität Berlin zu locken. Dies betrifft zum Beispiel ein transparentes und wettbewerbliches Auswahlverfahren oder die Sicherstellung einer „Mehr-Fach-Betreuung“ durch ein Team aus drei Professoren oder Professorinnen, die aus unterschiedlichen Fachdisziplinen kommen. „Die Einbindung in ein solches strukturiertes Promotionsstudium bietet den Promovenden klare Vorteile: es besteht Planungssicherheit hinsichtlich Zeitdauer, Betreuungsumfang und Qualitätssicherung des Promotionsvorhabens“, so Helmut Keupp weiter. Nur auf diese Weise können die Wettbewerbschancen um die „besten Köpfe“ des wissenschaftlichen Nachwuchses erweitert werden, denn die zunehmende Vereinheitlichung des europäischen Bildungsraumes wird eine wachsende Mobilität unter den Spitzenabsolventen und damit zwangsläufig auch einen härteren Wettbewerb unter den Universitäten nachsichziehen.

Im nächsten Schritt werden von der Gründungsmitgliederversammlung die fachübergreifenden Grundsätze für die Arbeit der Dahlem Research School erarbeitet, die sich in Musterstudienordnungen niederschlagen werden. Die Dahlem Research School kann jedoch lediglich den institutionellen Rahmen bereitstellen – mit Leben gefüllt werden muss die Konstruktion durch die Beteiligung der Professorinnen und Professoren der Freien Universität Berlin, die rund um ihre innovativen Forschungsprojekte attraktive Studienprogramme auf die Beine stellen müssen. „Der jüngst von Bund und Ländern ausgeschriebene Exzellenzwettbewerb hat gezeigt, dass es an der Freien Universität Berlin an ausgezeichneten Ideen und Konzepten nicht mangelt“, sagt Helmut Keupp und ist sich sicher, dass die Konzeption der Dahlem Research School auf breite Akzeptanz stoßen wird: „Natürlich wird es noch das eine oder andere Problem zu lösen geben, das schlicht und einfach mit den doch zum Teil sehr unterschiedlichen Fächerkulturen zusammenhängt“, meint er, „aber in vielen Fachbereichen rennen wir mit unserer Konzeption offene Türen ein oder stoßen zumindest auf solche, die neugierig einen Spalt weit geöffnet sind.“

Der Autor arbeitet als Referent im Präsidium der Freien Universität Berlin.

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