Zeitung Heute : Prosa mag die Lyrik nicht

2525 Anzeigen, 2518 Mal davongekommen. Doch nun wird es ernst für Helmuth Seethaler, den Zettelpoeten von Wien

Antje Hildebrandt[Wien]

Sein Leben, das ist ein Klebeband, 66 Meter pro Rolle, 400 Rollen jährlich, seit 25Jahren. So lange schon zieht Helmuth Seethaler durch den Wiener Untergrund und spannt Klebeband zwischen Säulen in U-Bahnhöfen, um daran seine Gedichte zu befestigen. 2525 Anzeigen hat er deswegen schon kassiert, wegen Sachbeschädigung zumeist. In 2518 Fällen ist nichts passiert, in den anderen kam er mit geringen Strafen davon.

Die Geschichte des Zettelpoeten erzählt von einem Mann, der nach der Veröffentlichung seines ersten Buches befand, wenn der Mensch nicht zur Lyrik komme, müsse die Lyrik eben zum Menschen kommen. Und die Geschichte erzählt von der Wiener Bürokratie und von einem Streit, der sich an Papier entzündet hat.

Man könnte darüber schmunzeln, wenn nicht alles auf ein trauriges Ende zuzusteuern drohte: Inzwischen zweifelt das für Seethaler zuständige Bezirksgericht Wien-Leopoldstadt dessen Zurechnungsfähigkeit an. Die Behörde prüft, ob der Zettelpoet, 1953 in Wien geboren, staatlich anerkannter Alltagsphilosoph und Lyriker, alimentiert vom Sozialfonds für Künstler, einen amtlichen Vormund benötigt. Schon zum zweiten Mal wurde er jetzt aufgefordert, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Der Brief kam von derselben Richterin, die ihm vor einigen Jahren nach einem ähnlichen Test bescheinigt hatte, er sei nicht nur überdurchschnittlich intelligent, sondern, wie die Wiener sagen, auch keineswegs „deppert“. Diese Richterin lässt ihn jetzt also wissen: „Wenn Sie Ihre Angelegenheiten nicht selbst besorgen können und dadurch Nachteile erleiden, würde Sie die Bestellung eines Sachwalters schützen.“

Seethaler lächelt: „Eigentlich ist es köstlich, oder?“ Allerdings hat sein Anwalt gesagt, die Sache sei ernst zu nehmen. Seethaler sitzt an seinem Schreibtisch, inmitten eines Arbeitszimmers, zwischen Bergen von Papier. Ein freundlicher Mann in ausgefransten Jeans. Aus einem Ordner angelt er ein Din-A4-Blatt. Es ist eine Art Ausweis, er trägt ihn bei sich, wenn er die Stadt wieder mit seinen Gedanken plakatiert. Das Schreiben stammt vom Verwaltungssenat der Stadt Wien. Auf dem Höhepunkt einer Welle von Anzeigen gegen Seethaler urteilte der Senat 1998, „dass eine Bestrafung des Berufungsbewerbers wegen dem geringfügigen Eingriff in die von der Reinhalteverordnung geschützten Rechtsgüter… als unverhältnismäßiger Eingriff in die grundrechtlich garantierte Freiheit der Kunst anzusehen ist“.

Man tritt Seethaler nicht zu nahe, wenn man sagt, er sei kein begnadeter Lyriker. Er schreibt keine Gedichte, sondern Aphorismen. Alltagsweisheiten, mit der Schreibmaschine auf Notizzettel getippt: „Hat man sich zu sehr anpassen lassen, sind eigene Gedanken nicht zugelassen.“

Neulich hat ihm eine Wienerin geschrieben, er bringe viel Blödsinn zu Papier, aber dieser Spruch sei so gut, dass sie ihn sich in ihr Portemonnaie gesteckt habe. Sie hat ihm auch zehn Euro in den Briefumschlag getan. Davon lebt der Zettelpoet. Der Staat zahlt ihm Miete und Krankenkasse, doch seinen Lebensunterhalt finanziert Seethaler mit Spenden. Er bekommt sie weniger für sein Werk als für seine Chuzpe im Kampf gegen die Behörden.

Die Fanpost hat er in Schuhkartons in seiner Bude sortiert. Schon als Student hat er hier gelebt. Damals kam immer seine Mutter vorbei, um ihm den Kühlschrank zu füllen. „Ich habe das brutal ausgenutzt“, sagt er. Kartoffeln schälen hätten ihm erst seine Töchter beigebracht. Sie wohnen bei seiner Lebensgefährtin.

Die 15-jährige Judith begleitet ihn gelegentlich, wenn es ihn wieder hinaus zieht. Heute sind sie auf dem Westbahnhof unterwegs. „Die Stadt gehört Dir“, steht auf einem amtlichen Plakat. Hier ist der Zettelpoet schon einige Male verhaftet worden, die Fahrgäste begrüßen ihn wie einen alten Bekannten.

Seiner Tochter ist das peinlich. Besorgt wirft sie einen Blick hinter die getönte Scheibe der Stationsaufsicht. Auf ihren Monitoren haben die Beamten den Zettelpoeten offenbar schon entdeckt. Aus unsichtbaren Lautsprechern kriechen plötzlich merkwürdige Töne. Es ist ein schräger Sound. Subtiler als der Griff eines Sicherheitsbeamten, aber mindestens ebenso unangenehm.

Offiziell gehört die Musik zu einer Installation, die ein Kunstprofessor hinter der Rolltreppe zur Linie 3 aufgebaut hat. Aber, sagt Judith, das Geschrammel erklingt nur, wenn ihr Vater seine Gedichte klebt. Sie fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut, ihr Blick geht immer wieder zur Stationsaufsicht. Nach ihrem Berufswunsch gefragt, flüstert sie: „vielleicht Polizistin.“

Ihr Vater hat es gehört und starrt sie entgeistert an. Seine Tochter. Philosophie hat er studiert. Am liebsten die Existenzialisten, Sartre, das ist sein Gott. Nein, versichert er, nach 2525 Anzeigen habe er keine Angst mehr: „Entweder, man scheitert – oder man setzt sich durch.“ Er sieht sich als Gewinner, nicht als Opfer.

Seethaler ist in Wien beinahe so bekannt wie der Maler Friedensreich Hundertwasser. Polizeipräsident Peter Stiedl, dessen Beamte den Zettelpoeten regelmäßig aufgreifen, ist daran vermutlich nicht unbeteiligt. Seethaler ist kein Krimineller, sagt Stiedl. „Aber wenn man ihm hundert Mal sagt, er soll es endlich sein lassen, und er macht es trotzdem immer wieder – das ist doch nicht normal.“

Doch was ist normal? Diese Frage soll der Zettelpoet regelmäßig in Talkshows beantworten. Ein Fan hat vorgeschlagen, ihn als Hochgeschwindigkeitsgedichtekleber bei „Wetten, dass..?“ anzumelden. Ein Angebot, das Seethaler ausgeschlagen hat. Er habe schließlich eine Botschaft, sagt er. Fragt man ihn, welche, murmelt er etwas von Rücksicht auf Menschen und Natur. Was einer eben so sagt, der gar keine Botschaft mehr braucht. Die Botschaft, das ist er selbst.

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