Zeitung Heute : Protestieren, aber sanft

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

Nach den Feiertagen habe ich ein bisschen aufgeräumt. In einer braunen Pappschachtel, in die ich lange nicht hineingeschaut hatte, fand sich ein kleiner weißer Button zum Anstecken: „Peace!“ steht darauf und auf einer kleinen Schleife „Kein Blut für Öl“. Merkwürdig, dass ich gerade jetzt auf das kleine Relikt der Friedensbewegung stieß, jetzt, zwölf Jahre danach und wieder in der selben Situation: vor dem Krieg am Golf.

Erinnert sich noch jemand? Damals waren wir Kriegsgegner. In weiten Teilen Berlins, besonders in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg waren die Hausfassaden mit weißen Laken und Kopfkissenbezügen beflaggt. Ganze Häuserzeilen hatten sich dem stillen Protest gegen den Krieg angeschlossen. Da es wie jetzt Winter war, hingen dicke Eiszapfen an den Tüchern herab und tropften, als es später taute, auf die Köpfe der Passanten.

Dieses Mal hört man nur wenige Stimmen gegen den Krieg, kaum jemand plant Protestaktionen. Die amerikanischen Soldaten haben ihre Einsatzbefehle erhalten, und wir alle wissen, dass es keine Waffeninspektoren braucht, um die Bush-Regierung von ihrem Kriegswillen abzuhalten. Aber aus irgend einem Grund nehmen wir das alles hin.

Nur die PDS hat ihre Parteizentrale, das Karl-Liebknecht-Haus am Rosa-Luxemburg-Platz schon vor Weihnachten mit weißen Fahnen behängt. Aber wer weiß schon, warum? „Die wollen sich wohl ergeben“ vermutete ein Spaziergänger vor ein paar Tagen beim Anblick der weißen Fahnen. Kein Wunder, dass man beim Zustand dieser Partei ans Aufgeben denkt.

Abgeschrieben hat die PDS ein altes Vorhaben: Sie wollten mal ein Restaurant in ihrem Haus etablieren. Kaum ein Ort in Berlin hat in den letzten Jahren so viele Gastwirte verschlissen wie das Haus der Sozialisten. Was hatten sie nicht für Ambitionen und kesse Namen für ihre Lokale: „Mephisto“, „Rotköpfchen“ und „Neuss Deutschland“. Alle pleite, alle dahin.

Jetzt sind die Vermieter konsequent geworden und haben einen Laden für Ostprodukte in das ehemalige Restaurant gesteckt. Dort, wo früher der ungenutzte Flügel stand, gibt es jetzt Schwedter-Tapeten, Narva-Lampen und Bürstenmann-Pinsel. Aber das ist längst nicht alles. Die Ladenbetreiber haben auch Quellen aufgetan, bei denen es noch Schreibwaren in Original-DDR-Aufmachung gibt. So den Zettelkasten zum Preis „EVP 0,90 M“, jetzt 1 Euro, oder das „Bordbuch für das Kraftfahrzeug“ (eine Art Fahrtenbuch). Szenegänger und Berlintouristen, die so gern die Alte und Neue Schönhauser wegen der bunten Krims-Krams-Läden besuchen, dürften von diesem Ostpro-Geschäft begeistert sein. Vor allem von Schnatterinchen und Pittiplatsch, der Butzemann-Schokolade mit DDR-Radio-Logo und dem knallbunten Plastikgeschirr. Und vielleicht greift der eine oder andere im Antiquariat nebenan zu einem Buch über „Imperialismus und Krieg“ und plant anschließend eine Abrechnung mit dem System. Mut antrinken kann man sich mit dem Wodka in der Verpackung eines Hunderterscheins, Mark der DDR.

„OST-PROdukte“ im Karl-Liebknecht-Haus, Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte, Mo-Fr 10-18h, Sa 10-14h.

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