Zeitung Heute : Protokoll einer Verrohung

Eine Maori-Familie quält und foltert eine Dreijährige – es ist kein Einzelfall. Nun will Neuseeland erstmals Konsequenzen ziehen

Anke Richter[Rotorua]

Die Luft riecht immer leicht nach Schwefel. In Rotorua sprudeln Geysire aus der Erde. Touristen reisen täglich zu Hunderten in Bussen an, um sich in nachgebauten Hütten und vor großen Bühnen Tänze der Maori anzusehen. Das ist die eine Seite der neuseeländischen Ureinwohner-Kultur. Von der anderen sehen sie nichts.

Vor einem einfachen Holzhaus in der Frank Street lehnt ein Kinderfahrrad neben Müll, im Gras liegt eine leere Whiskey-Flasche. Drinnen im Flur zieht sich eine dünne Blutspur über den Boden. Hier wurde die drei Jahre alte Nia Glassie über Monate gequält und gefoltert. Hier lebte sie im Haus ihrer Mutter mit einem zusammengewürfelten Clan aus Gang-Mitgliedern, Trinkern, Arbeitslosen, Schulabbrechern, zum Teil kaum volljährig.

Den Höhepunkt ihrer Qualen erlebte Nia Glassie vor zwei Wochen. Was genau passierte, ist im Moment noch unklar. Einer der jungen Männer feierte in der Frank Street seinen 21. Geburtstag. Es gab Prügeleien, die Nachbarn hörten Gebrüll und das Reifenquietschen abfahrender Autos. Louise Kuka, eine Tante der Dreijährigen, wurde von einem der Kinder um vier Uhr früh geweckt: Nia müsse sich übergeben. „Sie hatte Schaum vor dem Mund“, erzählt Louise Kuka. Ihre Schwester Lisa – Nias Mutter – beteuerte, die Kleine habe nur Grippe. „Sie sagte: ‚Versprich mir, dass du sie nicht ins Krankenhaus bringst.’“ Doch die Tante war alarmiert und lieferte sie sofort ein. Die Ärzte stellten schwere Misshandlungen fest und ließen das Mädchen ins Kinderkrankenhaus von Auckland fliegen, wo es in ein künstliches Koma versetzt wurde. Mittlerweile ist Nia Glassie über die akute Todesgefahr hinweg. Aber ihre Gehirnverletzungen sind so gravierend, dass sie für den Rest des Lebens schwer behindert sein und im Rollstuhl sitzen wird.

Der Fall wirft in Neuseeland Fragen auf – wieder einmal: Das kleine Land steht seit Jahren unter den OECD-Staaten an der dritten Stelle, wenn es um Kinder geht, die an Misshandlungen gestorben sind. Und diese traurige Rate ist unter den Maori mehr als doppelt so hoch wie bei den Pakeha, den europäisch-stämmigen Einwohnern. 15 Prozent der vier Millionen Bewohner des Landes sind Maori. Die polynesischen Ureinwohner haben sich in den letzten 30 Jahren ihre Würde und ihren Einfluss zurückerobert, nachdem ihre Sprache und Kultur lange unterdrückt worden waren. Im Gegensatz zu Australien vermischen sich die Ethnien im modernen Staat. Diskriminierung ist auf den beiden Inseln ein seltenes Wort geworden. Entschädigungszahlungen der Regierung für den Landraub der Kolonialmacht im vorletzten Jahrhundert haben einigen Stämmen zu wirtschaftlichem Wohlstand verholfen: Die sozialen Probleme sind damit allerdings nicht gelöst.

Nia Glassie ist ein „liebes Mädchen“, sagt ihre 52-jährige Großmutter. Die Dreijährige habe gerne mit Karten gespielt und ihren großen Brüdern nachgeeifert, „ganz normal“ . Ganz normal muss es für das Kind auch irgendwann geworden sein, dass es zum Spielball all der Menschen wurde, die in dem Haus in der Frank Street lebten. Nias Mutter Lisa, 34 Jahre, hat noch fünf weitere Kinder von verschiedenen Vätern. Die Kiwi-Pflückerin ist selber eines von 17 Geschwistern. Ihr momentaner Freund, Wiremu Curtis, ist erst 17. Mit im Haus leben unter anderem Curtis’ Bruder, dessen Freundin und ein weiterer Freund. Alle wurden verhaftet – zusammen mit Curtis’ Vater. Die Polizei hat rekonstruiert, was sich über Wochen in dem Haus abgespielt haben soll. Es ist ein Protokoll der Verrohung.

Die jungen Hausbewohner verbuddelten Nia in einem Sandkasten und bewarfen sie mit Holzscheiten. Ihre Hände und Füße erlitten Verbrennungen, als ihre Peiniger sie ins Kaminfeuer hielten. Sie schickten sie stundenlang nackt vor die Tür – und das bei Außentemperaturen um die zehn Grad, denn auf der Südhalbkugel ist gerade Winter. Schließlich wurde das Mädchen Opfer einer besonders sadistischen Folter: Nia wurde in einen Wäschetrockner gesteckt, während ihre Geschwister zuschauten. Johlend sollen die Halb-Erwachsenen davor gestanden sein, als sie in der rotierenden Trommel weinte und schrie. Zuvor hatte jemand das Mädchen in ein eiskaltes Bad getaucht. Danach wurde Nia mit Klammern an der Wäscheleine aufgehängt. Irgendwann fiel sie herunter. Und dann kam jene Nacht, in der Nia so schwer misshandelt wurde, dass sie es beinahe mit dem Leben bezahlte.

Die Nachbarn hatten in all den Monaten angeblich nichts mitbekommen – obwohl sie zugaben, die verängstigte Kleine einmal auf dem Dach sitzen gesehen zu haben. Was die Anwohner dagegen zunehmend störte, war der Lärm der getunten Schrottautos, mit denen die Jugendlichen die Straße auf und ab bretterten, und die ausufernden Partys.

Während Nia auf der Intensivstation um ihr Leben rang, war ihre Mutter am vergangenen Freitag in den Nachtclubs von Auckland unterwegs. Auch ihre ältere Schwester Louise war dabei. Doch jetzt ist sie wütend auf die Jüngere: „Sie wusste, was mit dem Kind passierte. Sie wusste es. Ich werde sie nicht mehr schützen. Sie sollen sie ins Gefängnis stecken.“

Im Krankenhaus hatte Lisa Kuka behauptet, das Mädchen habe während der Party bei ihrem Freund auf der Schulter gesessen und sei heruntergefallen. In einer SMS an eine Sonntagszeitung behauptete sie: „My gurl and me r fine“, meinem Mädchen und mir geht es gut. Auf die Frage, ob sie gewusst habe, was in ihrem Haus vor sich gegangen sei, antwortete sie trotzig: „Blive wot u wnt 2“ – Believe what you want to, also: „Glaubt, was ihr wollt.“

Die Polizei befürchtet, dass innerhalb des Familienclans eine Mauer des Schweigens entstehen könnte. So ist es vor einem Jahr im Falle zweier zu Tode misshandelter Zwillinge geschehen. Die Säuglinge, ebenfalls Maori-Kinder von kaum erwachsenen Eltern, waren mit gebrochenen Knochen und schweren Schädeltraumata ins Krankenhaus eingeliefert worden. Der Vater, der bald als mutmaßlicher Täter vor Gericht steht, wird bis heute von der Familie gedeckt. Die Diskussion über die Gewalt in Maori-Familien – seit Jahrzehnten ein wunder Punkt im Inselstaat – kam damals in Gang und ist jetzt wieder neu entfacht.

Die meisten Fälle schwer misshandelter Kinder, die mit Gehirnverletzungen und Brüchen ins Krankenhaus kommen, sind Maori. Insofern zeigte sich der Vorsitzende der Maori-Partei, Pita Sharples, vom Schicksal der lebensgefährlich verletzten Nia Glassie besonders betroffen. „Woher kommt dieses Verhalten?“, fragte er letzte Woche öffentlich. „Wie fühle ich mich, wenn ich höre, dass das Maori sind? Ich schäme mich, ich fühle mich schuldig.“ Wogegen Sharples sich allerdings verwahrt, ist die grassierende Meinung, dass die Nachfahren der polynesischen Krieger brutaler seien als europäisch-stämmige Neuseeländer: „Es ist lachhaft, das Problem auf ethnische Herkunft zu schieben. Und es ist genauso lachhaft zu glauben, dass Maori nichts dagegen tun.“ Als Ursache sieht er eine „dysfunktionale Kultur“ – Menschen, die arm und ohne gesellschaftlichen Status sind. Schuld daran seien alle Neuseeländer, nicht nur eine Minderheit.

Michael Laws, prominenter Bürgermeister von Wanganui und politischer Kommentator, sieht dagegen nur eine einzige Lösung, um die schockierende Zahl der schwerst oder zu Tode misshandelten Kinder zu reduzieren. „Entfernt diese Kinder nach der Geburt aus dieser Subkultur,“ fordert er. „Sie ziehen sonst die nächste Generation von Opfern und Tätern heran.“

Es sind Töne, die an die Zwangsadoptionen erinnern, die die Regierung im Nachbarland Australien bis in die 70er Jahre hinein in Aborigine-Familien durchsetzte und die inzwischen als Menschenrechtsverletzungen betrachtet werden. Müttern wurden die Kinder weggenommen, weil man die Frauen nicht für stabil oder zivilisiert genug hielt, sie aufziehen zu können. Die Zwangsmaßnahme, die Aborigine-Kinder zu besseren Mitgliedern der weißen Gesellschaft machen sollte, schlug in den betroffenen Generationen von Ureinwohnern schlimme Wunden, die bis heute nicht verheilt sind. Die Zustände in den Ghettos sind desolater denn je. Besonders auffällig auch dort: die Gewalt gegen Kinder.

Als Australiens Premierminister John Howard vor wenigen Wochen drastische Maßnahmen ergriff und Militär einsetzte, um der Kriminalität in den Ghettos Herr zu werden – und nebenbei konservative Wählerstimmen zu fangen –, zog er sich heftige Kritik aus dem Nachbarland Neuseeland zu. Als „rassistischen Dreckskerl“ beschimpfte ihn gar ein Mitglied der Maori-Partei.

Nach solch starken Worten steht jetzt niemandem in Neuseeland mehr der Sinn. Angesichts des Schattens, der sich angesichts des neuen Beispiel brutaler Grausamkeit über Aoteroa, das „Land der langen weißen Wolke“ legt, sind Lösungen gefragt.

Eine davon: Ab sofort soll jede Frau, die sich in einem neuseeländischen Krankenhaus behandeln lässt, gefragt werden, ob sie zu Hause Gewalt erlebt hat. Ein Standardverfahren, egal ob bei Infektionskrankheiten oder Autounfällen. Damit soll das Schweigen gebrochen werden. Elf Millionen Neuseeland-Dollar, rund sechs Millionen Euro, wird Premierministerin Helen Clark von September an in eine flächendeckende Kampagne gegen familiäre Gewalt stecken. „Ich kann nicht glauben, dass ein Kind diesem Grad von Schrecken, Sadismus und Folter ausgesetzt wurde – und dass niemand davon wusste“, sagte die erschütterte Staatschefin zum Fall Nia Glassie. „Es wird Zeit, dass diese Menschen, die unsere Kinder verkrüppeln und umbringen, von anderen angezeigt werden.“

Vor wenigen Tagen bauten sich wütende Menschen vor dem Gericht in Rotorua auf, in das die mutmaßlichen Kinderquäler zur ersten Anhörung gebracht wurden. Sie hielten Transparente hoch: „Direkt ins Gefängnis – keine Gnade“, stand auf einem, „lebenslänglich!“ auf einem anderen. Alle, die protestierten, waren Maori.

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