Zeitung Heute : Protzige Herrenhäuser statt mächtiger Burgen

MARGOT GRANITSAS

Der Hudson gilt als "amerikanischer Rhein" VON MARGOT GRANITSASAls Henry Hudson 1609 im Auftrag der Dutch West Indies Company auf seinem Schiff den Fluß hinaufsegelte, berichtete sein Begleiter, Robert Juet, daß dies "das beste Ackerbauland ist, das ich je gesehen habe...Ein schöneres Land läßt sich kaum finden." Der nach seinem Entdecker benannte Fluß, der in der New Yorker Bucht in den Atlantik fließt, ist weder in Länge noch Breite einer der bedeutendsten des amerikanischen Kontinents.Aber geschichtsträchtig ist er.Und auf seinem 500 Kilometer langen Lauf ist er ein geradezu majestätischer Strom, an Stellen von schroffen Bergen gesäumt, oder breit ausufernd in große Buchten. Die Berge im südlichen Teil, von den Palisades zu den Catskills im Norden, bescheren ihm Dramatik, und hier wird der Hudson oftmals "der amerikanische Rhein" genannt.Mit seinem dreimal so langen europäischen Vetter hat er nicht nur die Schleifen und Windungen gemeinsam.Weinberge decken weite Flächen am Westufer um Marlboro. Was dem Rhein seine Burgen sind, das sind dem Hudson seine "Great Houses", die Herrenhäuser der prominenten Familien.Die ersten Herrensitze der Beekmans und der Livingstons waren noch bescheiden, viel üppiger und geradezu protzig die der nachfolgenden Jahrhunderte.Sie stehen allesamt am Ostufer. Nur in wenigen Gegenden auf diesem großen Kontinent läßt sich auf einer so kurzen Strecke wie im Tal des Hudson die ganze Geschichte des Landes erleben.Schlösser und Villen wie die der Vanderbilts, das Hyde Park der Roosevelts, das Clermont der Livingstons, liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt, und überall eingesprenkelt unzählige historische Häuser, Dörfer, die ihre Traditionen pflegen, Landgasthäuser, in denen schon die holländischen Kaufleute vergangener Zeit übernachtete. Die dramatische Landschaft war aber auch für Künstler Anreiz.Im späten 19.Jahrhundert stellten die Maler der Hudson River School dort ihre Staffeleien auf, allen voran Thomas Cole und Frederick Church.Die malerische Landschaft zieht bis in unsere Zeit eine besonders große Zahl an Künstlern an, deren Kreativität die Orte mit prägen. Galerien und Studios, und mehrere renommierte Universitäten wie Vassar, Bard College und die State University gruppieren sich um Poughkeepsie, New Paltz, Saugerties und sorgen für ein lebhaftes intellektuelles Leben.Woodstock, Anfang dieses Jahrhunderts als Künstlerkolonie gegründet, liegt nur zehn Meilen entfernt vom Fluß in den Catskills. Im Süden, wo der New York Thruway sich über die mächtige Tappan Zee schwingt, liegt die Sleepy Hollow Restoration, immer einen Besuch wert, wenn Kinder zum Gespann gehören.Die alte Farm und Mühle aus dem 17.und 18.Jahrhundert, und Sunnyside, das Haus, in dem Washington Irving, der "erste amerikanische Schriftsteller", die Sagen der holländischen Siedler zu seinen Fabeln "The Legend of Sleepy Hollow" wob. Um einen Blick in vergangene, aber keineswegs verblichene Eleganz zu werfen, ist Boscobel vorzüglich geeignet.Das Haus, das von 1806 bis 1808 für eine Familie Dyckman gebaut wurde, stand ursprünglich an einem anderen Ort.Als es 1955 einem Neubau Platz machen sollte, erwarb es ein "house wrecker", der solche historischen Gebäude meist ausschlachtet, für 35 Dollar.Eine private Organisation sammelte Geld, rettete es so vor der völligen Auflösung und transportierte es, Stück um Stück, fünfzehn Meilen weiter nach Norden.Heute gilt Boscobel als einer der schönsten Herrensitze, die im Federal Stil gebaut und eingerichtet sind.Während Sleepy Hollow in seiner schlichten Art die ländliche Atmosphäre der Siedler heraufbeschwört, zeigt Boscobel dezenten Reichtum späterer Generationen, denen wir (und nicht immer ganz so dezent) weiter nördlich noch oftmals begegnen werden. Eine besonders schöne Route (die enge 218) führt am Westufer nach Norden, die großartige Ausblicke über das Flußtal gewährt.Über die Bucht von West Point und Constitution Island, wo George Washington den Fluß abriegelte, indem er eine dicke Kette zum Ufer spannen ließ, um die britischen Schiffe an der Weiterfahrt flußaufwärts zu hindern. Zurück am Ostufer, nördlich von Poughkeepsie, kommt die Geschichte fast faustdick.Dutchess County, von Hyde Park bis nördlich von Rhinebeck und weit ins Land hinein, das sind 200.000 Hektar Land, das geradezu birst vor Spuren aus allen Epochen, von der frühesten Besiedlung an, den alten kleinen Dorfkirchen und Katen, Häusern und Farmen, bis zu den grandiosen Besitztümern, die im letzten Jahrhundert hinzukamen. Hyde Park, das Familiengut der Roosevelts, zu dem ein Museum, die Präsidialbibliothek und Eleanor Roosevelts Versteck, Val-Kill, gehören, nimmt dabei den Charakter eines Nationalschreins ein. Die Nachbarn der Roosevelts waren die Astors und die Vanderbilts, und man muß den wahrhaft königlichen Prunk sehen, mit dem sich die amerikanische Geldaristrokatie des letzten Jahrhunderts umgab, um zu verstehen, wie reich sie waren.Mehr Schloß als Villa, der von mächtigen neoklassischen Säulen gerahmte Sitz der Vanderbilts (das Haus wird zusmmen mit dem Roosevelt Haus vom Nationalen Parkdienst verwaltet) hat 54 Zimmer, und ein Stab von 60 Helfern hatte genug zu tun, um Haus und Grund in Ordnung zu halten. Kaum weniger bescheiden als die Vanderbilts lebten die Ogden Mills, Nachbarn zum Norden, bei Staatsburg.Hier führte Ruth Livingston Mills (in deren Stammbaum auch mehrere Beekmans auftauchen) Hof, aber nur zur Laubfärbung im Indian Summer.Außer dem 84-Zimmer-Haus in Staatsburg wanderte die Familie, mit neunzehn Dienern im Gefolge, je nach Saison durch vier andere Residenzen, das Stadthaus in New York City im Winter, ein Pariser Domizil im Frühjahr, das Palais in Newport, Rhode Island, im Sommer.Und für einen gelegentlichen Aufenthalt im fernen Kalifornien, wo die Mills ihr Geld zusammengescheffelt hatten, gab es auch dort noch eine Residenz. Nach dem Protz und Glanz des 19.Jahrhunderts, als in Amerika die großen Vermögen im Bergbau und Transportwesen verdient wurden, ist Clermont, nördlich des historischen Städtchens Rhinebeck, in seiner Bescheidenheit geradezu eine Labsal.Es war der Stammsitz der Livingstons, dem ersten vom englischen Königshaus eingesetzten Statthalter in den neuerworbenen Kolonien.Im Livingston Manor lebten von 1686 bis 1962, als der Staat New York das Haus erwarb, viele Generationen von Livingstons. Wer weiter nach Norden zieht, findet noch viele andere, wenn auch vielleicht nicht ganz so üppige Repräsentanten verflossener Glorie und Reichtums.Tips für den HudsonHistorisches: Außer den genannten großen Häusern gibt es zahllose kleinere historische Stätten, wie etwa das Martin Van Buren Haus (er war der 8.Präsident der USA) in Kinderhook, Columbia County (Telefonnummer: 518/9689), oder Montgomery Place, auch ein Livingston Familiensitz (Telefonnummer: 758/5461).Außer dem Roosevelt und dem Vanderbilt Haus schließen viele der Häuser zwischen November und April, sind aber oftmals zu den Weihnachtstagen offen und im Stil der Zeit geschmückt.Die Freitagsparade in West Point ist frei zugänglich.Sleepy Hollow Restoration: Telefon 631/8200, Januar bis März Sonnabend/Sonntag, April bis Dezember, täglich 10 bis 17 Uhr; Boscobel, Route 9D, Garrison, geöffnet je nach Saison, Telefon: 265/3638; Hyde Park, Telefon: 229/9115.Für alle Telefonnummern gilt, falls nicht anders vermerkt, die Vorwahl 914.Unterkunft: Die Strecke im Hudsontal verfügt über eine große Anzahl Hotels und Motels jeder Art, vom historischen Thayer in West Point (Telefon 446/4731, Zimmer ab 75 Dollar), über das "älteste Hotel in den USA", das Beekman Arms in Rhinebeck (Telefon: 876/7077, Zimmer ab 100 Dollar), dem viktorianischen Adelphi Hotel in Saratoga Springs, Telefon 518/587/4688, Zimmer von 75 bis 160 Dollar, mit höheren Preisen während der Rennsaison im August bis zu den einfachsten Motelketten, besonders rund um Hyde Park und Albany herum.Kulinarisches: Im Culinary Institute of America, der bedeutendsten amerikanischen Gastronomieschule, in einem ehemaligen Jesuitenkloster direkt am Hudson in Hyde Park, werden vier Restaurants vom Stab und den Studenten betrieben (Telefon: 471/6608, sonntags geschlossen).Das Plumbush Inn an der 9D, bei Boscobel (Telefon: 265/3904) gilt als eines der besten Restaurants im Hudsontal, ebenso wie das an der Route 213 in Ulster County gelegene DePuy Canal House in High Falls (Telefon: 687/7700).Einkaufen: Im Hudsontal gibt es eine große Anzahl von Antiquitätengeschäften, besonders konzentriert im Zentrum von Saugerties, wo fast an jedem Wochenende öffentliche Auktionen stattfinden (Saugerties Auction Service, 16 Livingston St., Telefon: 246/9928).Auskunft: Das Dutchess County Tourism Bureau, Hyde Park, Route 9, Telefon: 229/0033, gibt Landkarten aus, die die historischen Sehenswürdigkeiten aufzeigen.

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