Zeitung Heute : Prüfung fürs Leben

Einen Kompromiss lässt das Thema nicht zu: Die einen sind für die genetische Untersuchung von Embryonen, die anderen sind strikt dagegen. Beide Seiten führen gewichtige Argumente an. Und beide Seiten sehen sich ethisch und moralisch im Recht. Jetzt ist die Politik gefragt.

Bas Kast

Von Bas Kast

Für die einen ist es der Weg zum Designerbaby. Zu einer Welt, in der es keinen Platz und keine Würde mehr für Abweichungen und Behinderte gibt. Es ist die Horrorvision vom Menschen nach Maß. Für die anderen ist es die Hoffnung auf ein Kind – ein Kind, das keine Behinderung hat, die die Eltern ihm und sich selbst nicht zumuten wollen. Für sie ist es die menschlichere Alternative zu einer „Schwangerschaft auf Probe“.

PID heißt das Reizwort, Präimplantationsdiagnostik. Dabei soll ein Embryo, der nur wenige Tage alt ist, auf Gendefekte untersucht werden. Etwa, um zu sehen, ob eine Trisomie 21 vorliegt, bei der es zu einer schweren geistigen Behinderung des Kindes kommt, dem so genannten Down-Syndrom. Anschließend können die Eltern entscheiden, ob sie diesem Embryo, der im Reagenzglas entstanden ist, eine Zukunft geben oder nicht. Ob also der Embryo überhaupt in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt und ausgetragen werden soll.

PID, brauchen wir das? Wollen wir das? Und welche Folgen hat das? Erstmals öffnete der Nationale Ethikrat des Kanzlers am gestrigen Donnerstag die Türen, um diese Fragen aus seiner Sicht zu beantworten. Der Ort: die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Dabei hat der Rat auch Stellung bezogen. Eine kleinere Gruppe von sieben Ratsmitgliedern plädiert dafür, die bisher verbotene PID weiterhin zu verbieten. Unter ihnen: Ex-Bundesminister HansJochen Vogel (SPD), der Bischof Wolfgang Huber und Therese Neuer-Miebach, Soziologin an der Universität Frankfurt. Fünfzehn andere Mitglieder halten dagegen: Wir sollten die PID zulassen, sagen sie, allerdings in engen Grenzen. In dieser Gruppe befinden sich die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, der Theologe Richard Schröder und der Vorsitzende des Ethikrats, Spiros Simitis.

Pro und Kontra bei einem solch brisanten Thema – das lädt ein zu einer Kontroverse. Die Kernpunkte der Diskussion:

PID und Diskriminierung: „Es spricht einiges dafür“, sagte die Soziologin NeuerMiebach von der Kontra-Seite, „dass die PID der Diskriminierung in der Gesellschaft Vorschub leistet“. Denn für viele Behinderte geht von der PID folgendes Signal aus: Dich, so wie du bist, soll es in Zukunft nicht mehr geben – es hätte dich also eigentlich gar nicht geben sollen. Für einen behinderten Menschen sei das, wie Neuer-Miebach sagte, weit mehr als „nur eine Kränkung“: nämlich eine Bedrohung seiner Existenzberechtigung.

Der Theologe Richard Schröder konterte. „So ernst ich diese Bedenken nehme, auch ein behinderter Mensch, der so fühlt, muss prüfen, ob er mit diesem Gefühl im Recht ist“, sagte Schröder. Auch er müsse fragen, ob das, was er empfindet, Grundlage für ein Verbot der PID sein dürfe. Damit würde auch dieser Mensch aus einem „egoistischen“ Grund über das Schicksal anderer entscheiden. Schröder plädiert für eine eng begrenzte Zulassung der PID. Ein Grund: Weil man mit Hilfe der PID „spätere Abtreibungen und somit größeres Leid“ verhindern könne. Viele Embryonen mit starken genetischen Schäden sterben erst als Föten oder werden tot geboren. Dieses Leid könnte man, so der Theologe, durch einen frühen Gencheck verhindern.

PID und der Leistungsdruck, ein gesundes Kind zeugen zu müssen: Eine zweite Kontroverse entfachte sich darum, ob mit einer Einführung der PID der Druck auf Eltern, gesunde Kinder zu bekommen, nicht noch weiter steigen würde. „Die PID begünstigt eine Erwartungshaltung, sich dieses Verfahrens auch zu bedienen“, sagte Neuer-Miebach. Auch wenn man die PID erlauben würde, bestünde zwar für Paare damit noch keine Pflicht zu einer genetischen Kontrolle ihrer Kinder. Und doch lässt sich leicht vorstellen, dass viele Menschen dies von gewissen „Risikogruppen“ erwarten würden. Wenn beispielsweise eine Frau mit 40 ein behindertes Kind bekommt, stellen sich schon heute viele Menschen die Frage: Hätte man das nicht verhindern können? Dieser Druck steigt, je mehr Mittel die Medizin zur Verfügung stellt, um eine Behinderung zu vermeiden. Neuer-Miebach: „Die medizinische Technologie entfaltet hier eine eigene Dynamik.“ Das zeige auch die Pränataldiagnostik, also die Untersuchung des Babys während der Schwangerschaft, etwa mit Hilfe des Ultraschalls – die heute zur alltäglichen Routine geworden ist.

Die anderen sagen: Ohne PID nehme man gerade den Menschen, die zu einer „Risikogruppe“ gehören, die Chance, ein Kind zu bekommen. Wenn diese Menschen der Meinung sind, dass ein schwer behindertes Kind eine zu große Belastung für sie wäre, gäbe es für sie nur zwei Möglichkeiten: eine Schwangerschaft auf Probe oder kein Kind. Könnte man den Embryo vorher auf genetische Schäden prüfen, würde man ihnen diesen Druck nehmen. Dagegen solle die Zulässigkeit späterer Schwangerschaftsabbrüche „verschärft werden“, wie die Medizinhistorikerin Christiane Woopen, die der Pro-Gruppe angehört, von der Universität Köln sagte.

Wie geht es nun weiter? Der Nationale Ethikrat kann nur Empfehlungen abgeben. Über ein neues Gesetz entscheidet der Bundestag. Und viele Abgeordnete wollen – wie in der letzten Legislaturperiode auch – noch eine entsprechende Enquetekommission einsetzen. „Wir werden dem Bundestag noch vor der Sommerpause einen neuen Gesetzentwurf vorlegen“, sagte der FDP-Gesundheitsexperte Detlef Parr dem Tagesspiegel. Eine Entscheidung erwarte Parr, der für eine PID ist, innerhalb eines Jahres.

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