Zeitung Heute : Pseudo-Begegnungen

Im Internet kommunizieren Daten statt Menschen - sagt Medienexperte WeizenbaumDer amerikanische Computerwissenschaftler und -kritiker Joseph Weizenbaum, der von 1963 bis zu seiner Emeritierung 1988 das Fach "Computer Science" am Massachussets Institute of Technology (MIT) lehrte, verweigert sich der herrschenden Euphorie, die mit den Stichwörtern einer globalen Informationsgesellschaft, eines PCs in jeder Hand, Datenautobahn oder Internet gekennzeichnet ist.Mit Joseph Weizenbaum sprach Fritz Wolf.

TAGESSPIEGEL : Die Herkunft der sogenannten Informationsgesellschaft ist von allerlei Prognosen und Visionen begleitet: Was halten Sie davon?

WEIZENBAUM : Der Glaube, daß die Verbreitung von Information die Probleme der Welt lösen werde, ist nicht zu verteidigen.Die ernsten Probleme wie Armut, Krieg, Klima bestehen nicht deshalb, weil wir irgendetwas nicht wissen.Information hilft dabei nicht.Ich benutze das Wort Information immer mit Anführungszeichen.Was wir in der Welt herumschicken, sei es als Bits oder als Buchstaben in einem Buch oder einer Zeitung, sind Daten.Sie werden erst durch Interpretation zu einer Information.Was Information ist und was sie bedeutet, das hängt vom Empfänger ab und vom kulturellen Kontext.

TAGESSPIEGEL : Mit dem Internet kommt ein neues Medium.Durch die Vernetzung werden immer mehr Menschen miteinander in Verbindung treten.Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

WEIZENBAUM : Das ganze Thema ist voller Löcher wie ein Schweizer Käse.Da ist ein Fehler nach dem anderen.Wir haben das nicht genügend durchdacht.Wir benutzen jetzt Medien, ob das Radio, das Fernsehen oder das World Wide Web und glauben, daß wir die Menschen, von deren Existenz wir dadurch erfahren, jetzt kennenlernen.Aber wir lernen sie nicht kennen.Es gibt Projekte in Schulen, wo Kinder aus den USA sich mit Kindern in Australien in Verbindung setzen und über das Internet ihre Botschaften, ihre Messages hin- und herschicken.Es wird die Illusion hergestellt: Jetzt lernen amerikanische Kinder australische Kinder kennen.Aber sie lernen sie ja nicht kennen.Dafür sitzen sie hinter dem Computer, statt draußen mit ihren Nachbarskindern zu spielen.Die menschliche Begegnung wird einer Pseudobegegnung geopfert.Das ist ein neues Kulturphänomen, und ich glaube, wir sollten es nicht begrüßen.

TAGESSPIEGEL : Ist es nicht besser, Schulkinder lernen eine Sprache durch den Austausch mit anderen Schülern statt an Schulbuchklischees? Läßt sich auf diesem Weg nicht etwas über das Leben in anderen Ländern erfahren?

WEIZENBAUM : Eine kurze Antwort: es ist Quatsch.Man muß verfolgen, was im Internet vor sich geht.Was die Leute da schreiben, ist meist Blödsinn und absolut trivial.Und, was noch schlimmer ist: es ist nicht Englisch.Auch was sich die amerikanischen Kinder von einer Küste zur anderen schicken, ist nicht Englisch.Es wäre schön, wenn man behaupten könnte, davon sei gar nichts zu lernen.Leider kann man etwas davon lernen: nämlich Falsches oder Bedeutungsloses.Wenn man das Sprachgeröll wegräumt und analysiert, stellt sich heraus, daß meist nichts Wichtiges gesagt wird.Ich glaube nicht, daß man auf diesem Weg erfahren kann, wie der Verkehr in New York oder Los Angeles wirklich ist.Die Europäer und speziell die Deutschen haben kaum eine Ahnung über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft heute.

TAGESSPIEGEL : Der amerikanische Vizepräsident Al Gore hat die "Global Infrastructure Initiative" mit den Worten beschworen, sie bringe "eine globale Gemeinschaft, in der die Menschen benachbarter Länder sich nicht als potentielle Feinde, sondern als potentielle Partner in einer weiten, unbegrenzt miteinander verbundenen menschlichen Familie sehen".Was halten Sie von dieser Vision?

WEIZENBAUM : Das ist wunderschön.Wiedermal Quatsch.Ich weiß nicht, was ich täte, wenn es dieses schöne deutsche Wort nicht gäbe.Ich erinnere mich an eine Rede von Herbert Hoover, dem späteren Präsidenten.Hoover hat als Wirtschaftsminister 1926 in Philadelphia bei der Eröffnung des ersten Radios eine Rede gehalten.Er hat das Radio begrüßt.Er sprach davon, wie es jetzt Wissen, Kultur und Lernen in Amerika verbreiten werde.Er sagte dem Land einen kulturellen Morgen voraus.Die Sprache könne jetzt universell, schön und richtig werden.Genau denselben Quatsch, den wir immer hören, wenn ein neues Medium kommt.Wer so etwas heute behauptet, müßte gezwungen werden, mit dem Auto von New York nach Los Angeles zu fahren und zwangsweise während der Fahrt ständig Radio zu hören: das wäre eine Strafe.Al Gore müßte es eigentlich besser wissen.

TAGESSPIEGEL : Wenn jetzt die Vernetzung dazukommt - werden Menschen damit nicht auch"heimatlos"

WEIZENBAUM : In unserer Welt sind wir schon frei flottierende Wesen.Wir sind schon heimatlos.Aber das ist ein Phänomen, das nicht auf Computer oder auch technische Kommunikation zurückzuführen ist.Es ist eher umgekehrt.

TAGESSPIEGEL : Wird das Internet bleiben?

WEIZENBAUM : Das Internet wird bleiben.Ich selbst benutze es jeden Tag mehrmals.Als ich nach Deutschland kam, habe ich meine E-Mail abgefragt.Heute waren vier Nachrichten angekommen und keine war genügend wichtig, daß ich sie lesen wollte.

TAGESSPIEGEL : Viele warnen vor der drohenden Spaltung der Gesellschaft in die "information rich" und die "information poor".

WEIZENBAUM : Man könnte fragen: Wer ist ein Mitglied der Informationsgesellschaft und wer ist ein Nicht-Mitglied.Was ist das Kriterium dafür? Dazu muß ich nur in Ihr Portemonnaie schauen.Wenn Sie eine Kreditkarte haben, sind Sie Mitglied.Wenn Sie keine haben, sind Sie kein Mitglied.Vor 20 Jahren besaßen zwei Prozent der Amerikaner 18 Prozent des Reichtums.Heute besitzen diese zwei Prozent 40 Prozent des Reichtums.Die Idee, irgendein Gerät oder eine Technologie könnten das alles heil machen, ist einfach phantastisch.

TAGESSPIEGEL : Dennoch haben solche Ideen erhebliche Wirkung.In den USA werden die Schulen ans Internet angeschlossen, weil man damit dieser drohenden Spaltung begegnen will.

WEIZENBAUM : Ja natürlich, das gibt es.In denselben Schulen ist vor dem Eingang ein Gitter, vor dem die Kinder erstmal entwaffnet werden.Ich glaube, diese beiden Dinge müssen einmal zusammen gesehen werden: Da setzen wir Hoffnung aufs Internet und die Kinder erschießen sich.Wir geben auf alles eine technische Antwort.In Deutschland denkt man, es sei nicht nötig, die Geschwindigkeit auf den Autobahnen zu reduzieren.Statt dessen wird eine neue Technologie kommen, etwa Autos, die sich selbst steuern.Das ist eine technische Antwort auf ein gesellschaftliches Problem.Aber man müßte das Problem selbst angreifen.

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