Zeitung Heute : "Psychologisches Zartgefühl via Internet"

HELMUT MERSCHMANN

Fast immer stecken kommerzielle Absichten hinter den sogenannten "Junk-Mails" Von HELMUT MERSCHMANN"Hallo, ich bin Kenneth Kindsteen, ein landesweit bekannter Psychiater.Ich spüre ein Streßfeld, das von Ihnen ausgeht, und ich kann Sie augenblicklich davon befreien." Donnerwetter! Psychologisches Zartgefühl via Internet - wer hätte das gedacht.Werbewurfsendungen wie diese, aber oft nicht ganz so lustig, erreichen immer häufiger den unvorbereiteten Netzbürger.Fast immer stecken kommerzielle Absichten hinter den sogenannten "Junk-Mails" - letztlich Müll-Mails.Herr Kindsteen rückt gleich ein paar Zeilen weiter mit der Sprache raus.Er will in seiner Psycho-Praxis angerufen werden.Die ersten fünf Minuten seien gratis - vermutlich nimmt das Ansageband diese Zeit in Anspruch -, danach geht es mit 3,99 Dollar pro Minute richtig zur Sache.Andere Firmen wollen Modems und "3D"-Soundkarten verkaufen oder kaum mehr aktuelle CD-ROMs mit Telefonnummern verramschen. Im Marktschreier-Jargon wird der vermeintliche Kunde von den Junk-Mails bezirzt.Hinter jedem Satz ein Ausrufezeichen und die Beteuerung des Unmöglichen.Eine "Money Machine" verspricht immensen Reichtum mit nur 20 Dollar Einsatz.Wie blöd, dahinter verbirgt sich lediglich der gemeine alte Kettenbrief.Eine professionelle Detektei versichert: "Wir finden jeden", und bietet kriminalistische Unterstützung an bei Überwachung, Adoption und Heiratsabsicht.Oder "leiden Sie an einer der folgenden Krankheiten? Akne, Nachtblindheit, Kater, Arthritis ..." - dann liegt sicher falsche Ernährung vor, welche ein "interaktives Softwareprogramm" zu beheben gelobt. Offenbar steht der Adressenhandel im Internet in voller Blüte.Bei täglich zehntausend neuen Surfern lockt ein lukratives Geschäft.Die Absender hoffen, wenigstens ein paar Interessenten ködern zu können, und verschicken ihre Reklame zigtausendfach.Mittels Programmen wie "Floodgate", welches selbsttätig E-Mail-Adressen aus dem Netz fischt, rüsten sie zum Bulk-Mail-Versand auf.Da nimmt es kaum wunder, daß auch für Werbung selbst geworben wird, und wenn es sein muß mit unlauteren Mitteln.So wird beispielsweise "Floodgate" von einem Konkurrenten niedergemacht, der gleich komplette Datenbanken mit Adreßbeständen in zwei-Millionen-Schritten anbietet.Ob die dann nach irgendwelchen Kriterien sortiert sind, darf bezweifelt werden. Bei solchen Dimensionen ist allerdings klar, daß die Junk-Mail-Attacken nicht abreißen werden.Anders als beim Hausbriefkasten langt jedoch keineswegs ein bloßer Hinweis wie "Keine Werbung bitte".Man muß schon selbst aktiv werden.Wer den Mail-Aktionen nicht hilflos ausgeliefert sein will, muß auf jedes einzelne Schreiben ein Rückschreiben folgen lassen.Meist reicht der Hinweis "remove" oder "unsubscribe" in der Betreffzeile einer E-Mail aus, um von der Liste gestrichen zu werden. Der Online-Dienst AOL Bertelsmann bietet einen besonderen Service an.Wie die Pressestelle versichert, werden dort alle bekannten Bulk-Mail-Versender indiziert, also herausgefiltert.Auf einer Liste sind über tausend Bulk-Mailer verzeichnet.Wer dennoch Post von ihnen bekommen möchte, kann die Filter unter den Kennwörtern "E-Mail Filter" oder "E-Mail Kontrolle" modifizieren, einige freigeben oder andere hinzufügen.

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