Puhdys : Die Endlosband

Sie haben ein Auftrittsverbot überstanden, massenhafte Abneigung und eine Zeitenwende – die Puhdys aus Berlin gehen in ihr 40. Jahr. Vor allem eines kann man deshalb von ihnen lernen: Krisenfestigkeit

Torsten Hampel[Glauchau / Berlin]
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Und dann haben die Puhdys getan, was sie immer tun: weitermachen.

Es ist ein Abend noch im alten Jahr, Peter Meyer, ein Mann mit einem weißen Haarkranz rings um einen mächtigen, braun gebrannten Schädel, hält ein Brötchen mit Gehacktem in der rechten Hand, in der linken eine Hanuta-Waffel. Er schaut sich beides lange an, abwechselnd, die Augen gehen hin und her, und ein bisschen bewegt Meyer auch den Kopf. Es sieht aus, als würde er ihn schütteln, nur so für sich, als würde er sich über irgendetwas ärgern. Grund dazu hätte er, er hat gerade ein paar Fehler gemacht. Aber Meyer ärgert sich nicht. Er ist dabei, eine Entscheidung zu treffen. Zuerst das Hackbrötchen oder die Waffel?

Die Entscheidung fällt in der Stadt Glauchau bei Chemnitz, in einem kargen Garderobenraum hinter der Bühne eines von Gestrüpp, gefrorenen Äckern, Bahngleisen und einer Neubausiedlung umgebenen Mehrzweckhauses, der Sachsenlandhalle. Tagsüber findet hier Schulsport statt, nun ist es längst dunkel, gleich gibt es ein Puhdys-Konzert.

In der Nachbargarderobe trommelt der Schlagzeuger ununterbrochen auf irgendetwas ein, die drei anderen sitzen ein Stockwerk höher, in der Sachsenlandhallen-Gaststätte, es gibt Abendbrot, warm. Meyer mochte nicht mitgehen, eigentlich hat er genug. Das Brötchen wird das Erste sein, was er an diesem Tag isst, die Waffel das Letzte. Er war die Tage zuvor bei seiner Familie, Weihnachten feiern wie jedes Jahr, nicht allzu weit weg von hier, in einer Ortschaft bei Teuchern bei Weißenfels. „15 Kilo Ente, für 15 Leute“, sagt Meyer. Für jeden ein Kilo. „Ich bezahl das immer alles, und die anderen machen.“

Peter Meyer ist 68 Jahre alt, geboren im Januar 1940 in Hohenmölsen, damals gelegen in der preußischen Provinz Sachsen, heute im Bundesland Sachsen-Anhalt, zwischendurch die meiste Zeit im DDR-Bezirk Halle. Er ist der Älteste in der Band. Er trägt Biker-Stiefel.

„Komische Harmonien“, hatte Dieter Birr, der Sänger, sich beschwert, „wat war‘n det? Warst du det?“ Ja, er war det, Meyer. Bei der Probe vorhin, beim Soundcheck. „Leben ist ein Segelboot“, hatte Birr gerade gesungen, „auf einem tosenden Meer, kreuzt durch den Wind und durch Wellen, all deiner Sehnsucht hinterher.“ Und da muss es passiert sein. Wer weiß, ob es überhaupt alle gleich bemerkt hatten, die Gitarren sind die lautesten Instrumente oben auf der Bühne, und Meyer spielt Keyboard.

Doch Birr merkte etwas, versuchte, dem sich vom Gewohnten entfernenden Meyer irgendwie wieder nahezukommen, irgendwie, bis schließlich aus einem Lied ein Klumpen geworden war. Birr hörte auf zu spielen, brach ab, Meyer nahm den Vorwurf zur Kenntnis, schaute hinunter auf die Tasten und schwieg. Und dann also: machen, was sie immer machen. Weiter.

„Leben ist ein Segelboot, jeder sein eigner Kapitän. Bestimmt seinen Kurs für die Zukunft, um Richtung Glück auf die Reise zu gehen.“

Sie sind alle etwas nervös an diesem Abend. Nicht nur der Soundcheck, auch das Konzert hier in Glauchau ist so eine Art Probe. Die Puhdys üben ein neues Programm, es werden nur noch wenige Tage vergehen, bis ein neues Album erscheint und bis zum 1. Januar, dem Großauftritt in der Berliner O2-World, dem Beginn des Jubiläumsjahres. 40 Jahre Puhdys. Die Tournee danach wird endlich wieder durch große Hallen in großen Städten führen. Nach Erfurt, Suhl, Gera, Magdeburg, Leipzig. Die Puhdys, die Staatsrockgiganten der DDR, die großen Untoten der deutschen Rockmusik, kommen wieder ans Licht. Am ersten Tag des Krisen- und Nebeljahres 2009.

Die Antwort auf die Frage danach, wie sie das durchgehalten haben, geht so: „Wir fahren zu unseren Auftritten nicht zusammen in denselben Autos“, sagt Meyer. Er lässt offen, ob es sich dabei um eine konkrete Auskunft handelt oder um etwas, das er im übertragenen Sinne verstanden wissen will, um eine Metapher, ein Sprachbild, so wie bei den Segelbooten. Wahrscheinlich ist es beides, sie fahren nämlich auch nicht gemeinsam in den Urlaub, und ihre Geburtstage feiern sie auch nicht zusammen, es sei denn, es ist ein wichtiger. Sie gehen sich aus dem Weg, so gut es geht. Sie wollen ihre Ruhe, auch voreinander. Ärger hatten sie früher genug.

Am 14. August 1970, um 13 Uhr 25, geht ein Telex vom Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, Abteilung Kultur, an alle Kreis- und Stadträte des Bezirks. „Auf Grund wiederholter schwerer Verstöße gegen die Prinzipien unserer sozialistischen Kulturpolitik und gegen die sozialistische Gesetzlichkeit wird gegen die Kapelle ,Puhdys’ aus Berlin ein Verfahren eingeleitet. Entsprechend dem Beschluss des Rates des Bezirkes … ist somit das Auftreten dieser Kapelle ab sofort bis auf weiteres zu unterbinden. Mit sozialistischem Gruß.“

Auslöser dafür war ein Konzert in einem Gasthof in Clausnitz, Kreis Brand-Erbisdorf, zu dem der Kulturchef des Kreisrates und der Chef des Kreiskulturhauses erschienen waren. Eine Überprüfung. Sie ließen sich die Spielerlaubnisse der Musiker zeigen und die Quittungen für den Auftritt, und sie hörten drei Stunden lang zu. „Die von der Kapelle gespielten Titel wurden ausschließlich in ,englisch‘ gesungen“, protokollierten die beiden. Und: „ In der Regel besitzen gut ausgestattete Kapellen Anlagen, die mit einer Leistung von 70 bzw. 80 Watt arbeiten. Diese Kapelle jedoch führt eine 200-Watt-Anlage mit.“

Das war kein Lob, das waren Vorwürfe. Das war die DDR im Jahr 1970. Einen Tag vor dem Puhdys-Auftritt war in Amerika die August-Ausgabe des „Rolling Stone Magazine“ erschienen, auf dem Cover ein Foto von Janis Joplin.

„Einige gebotene ,Gesangstitel‘“, schrieben die Überprüfer weiter, „wurden mit Schreien und unartikulierten Lauten dem vorwiegend jugendlichen Publikum serviert, die, aufgepeitscht durch die Musik, entartete Bewegungen ausführten. Die Kapelle verstand es nicht, die Reihenfolge der Titel so zu gestalten, dass jedwede Hektik unter den jugendlichen Tänzern hätte vermieden werden können.“

Die Puhdys hatten also einmal Auftrittsverbot, auch hier, in Glauchau, im einstigen Bezirk Karl-Marx-Stadt. Wenn auch nur kurz. Am 23. Oktober 1970 geht ein Einschreiben an die Band. Eine zuvor mit ihr geführte „Aussprache ließ erkennen, dass Ihr Kollektiv bemüht ist, im Sinne unserer sozialistischen Kulturpolitik zu wirken und mit dafür zu sorgen, Ausschreitungen zu Ihren Veranstaltungen zu vermeiden. Ihre gezeigte Einsicht und Ihr Versprechen, ständig an Ihrem Programm zu arbeiten und den Gesang in englischer Sprache zu reduzieren, trug wesentlich zu dieser Entscheidung bei. Für Ihr weiteres Wirken auf kulturpolitischem Gebiet wünschen wir Ihnen alles Gute.“

Das „Rolling Stone“-Cover zeigte Jimi Hendrix. Der hatte gerade aufgehört, der war gestorben. Und in der DDR durfte endlich jemand anfangen. „Im Sinne unserer sozialistischen Kulturpolitik.“

Die Puhdys hielten ihr Versprechen. Aus den über die Dörfer fahrenden Westhit-Nachspielern wurde eine auf Deutsch singende Band. Aus den Dörfern wurden Städte. 1973 machten sie die – noch von anderen geschriebene – Musik zum Defa-Spielfilm „Die Legende von Paul und Paula“, 1974 die erste Langspielplatte, sie fuhren zu Auftritten in der halben Welt. Ins voll besetzte Opernhaus von Nowosibirsk, zu 120 000 unterm freien Himmel wartenden Zuschauern nach Lissabon, in die West-Berliner Waldbühne. Sie bekamen Preise und Glückwünsche („Liebe Puhdys! Nachträglich gratulieren wir Euch herzlich zu Eurer Goldmedaille“ – beim III. Interpretenwettbewerb der Unterhaltungskunst. „Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg! Herzlichst grüßen wir mit dem Pioniergruß, i. A. der Klasse 7 d Dirk Preußer, Oberschule Brieselang.“).

Als die Puhdys 1989 Schluss machten, dann deshalb, weil sie das Gefühl hatten, „wir drehen uns Kreis“. So sagt es Meyer. „15 Millionen Platten verkauft, 20 Länder bereist, jedes Jahr drei Hits.“

Das Dumme war nur, dass nach dem Kreis neue Kreise kamen, nur kleinere. Der Gitarrist Dieter Hertrampf machte einen Lichtanlagenverleih auf.

„Hältst Du den Kurs deiner Träume noch ein, über den Ozean? Hältst Du den Kurs oder weht dich ein Sturm, weht dich schon aus der Bahn? Und deine Träume versinken im Ozean.“

Sie machten weiter. Und jetzt geht das Konzert los.

„Hallo Glauchau!“, schreit Dieter Birr nach dem zweiten Lied. Nach dem vierten sagt er: „Für uns ist es ein bisschen Übung, für euch hoffentlich ein schöner Abend.“ 1500 Menschen sind gekommen, 1500 freundliche, fest zum Amüsement entschlossene Sachsen sehen den Puhdys beim Üben zu.

Sie hören „Alt wie ein Baum“, sie hören „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“, „Das Buch“, „Hiroshima“ und viel Neues. Sie hören Birr sagen, man könne sich die Puhdys in drei Tagen schon wieder ansehen, da seien sie nämlich im Frühstücksfernsehen.

Birr ist 64, geboren 1944 in Pommern, heute Polen. Er singt das meiste, und er spielt Gitarre. Er schreibt die meisten Lieder, und seit die Puhdys keine Lyriker mehr damit beauftragen, auch die meisten Texte. Er schreibt auch Lieder für andere, für Dunja Rajter zum Beispiel und die Wildecker Herzbuben. Den Tag, an dem er zum ersten Mal mit Meyer, Hertrampf und den anderen auftrat – die spielten schon seit Jahren zusammen und nannten sich bereits Puhdys –, feiert die Band als ihren Gründungstag. Es ist der 19. November 1969, der Auftrittsort war die HO-Gaststätte Tivoli in Freiberg. Schon wieder Sachsen. Meyer sagt: „Musste dir so vorstellen: Tische, weiße Tischdecken, wir hatten 15 Titel drauf. Wir sollten aber die ganze Nacht spielen. Das Erste, was wir gespielt haben, war ,Venus‘ von Shocking Blue.“

Shocking Blue. Gespielt und durch zwei 100-Watt-Boxen gedrückt von fünf Schülern der Musikhochschule Berlin-Friedrichshain, Spezialklasse Tanzmusik/Berufsausbildung, die später sehr erfolgreich, Ärgervermeider und Getrenntfahrer wurden. Die damals die entscheidende Bresche schlugen für alle anderen, die nach ihnen kamen, der Eisbrecher, die Vorhut. Und dann von eben jener Nachfolgergeneration angefeindet wurden, weil aus ihnen unversehens Repräsentanten geworden waren, Obrigkeitsnahe. DDR-Nationalpreis-Träger.

Am ersten Tag des Jahres kamen 13 000 Menschen in die Berliner O2-World. Sie wollten eine Band feiern, die 20 Jahre lang die DDR-Rockmusik dominierte und die in den 20 Jahren danach dennoch nicht verschwunden ist. Die vorzeigt, dass man auch enge Zeiten ganz gut überstehen kann, wenn man ein paar Regeln beachtet. Sofern man nicht die Welt verändern will, sollte man irgendwann damit beginnen, sich mit ihr zu arrangieren. Meyer tat das sogar mit dem Geheimdienst. Als seine Kollegen davon erfuhren, sagten sie: „Wir waren doch zufrieden, dass einer von uns mit den Pappköppen geredet hat.“ Das ist die Lektion, die die Puhdys erteilen. Sie beruhigt ungemein. Und sie gibt vielen Menschen recht.

Ob noch irgendetwas Neues kommen wird? Beim Soundcheck in Glauchau, draußen im Gebüsch hinter der Halle kühlten die gerade abgestellten Krisenvermeidungsautos aus, schwere, solide deutsche Autos, Mercedes meist, schwarz, silbern, drinnen stimmte etwas mit der Tontechnik nicht. Dieter Birr sagte: „Da kommen ganz schöne Folgegeräusche.“

„Was?“

„Folgegeräusche.“

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