Punk-Sängerin Siouxsie Sioux : „Ich schlug einem Jungen die Nase blutig“

Siouxsie Sioux stand als erste Punk-Sängerin auf einer Bühne. Ihre Konzerte waren Schlachten, Männer warfen Bierflaschen nach ihr.

Siouxsie Sioux, 50, ist Sängerin der Band Siouxsie and the Banshees. Sie wuchs in London auf und erlebte dort vor 30 Jahren die Explosion des Punkrock. Heute lebt Siouxsie Sioux zurückgezogen in Frankreich. Ihr erstes Soloalbum „Mantaray“ erscheint jetzt bei Universal – und am 31.10. tritt sie im SO 36 auf.



Siouxsie, es tut uns leid, Sie bei der Maniküre stören zu müssen.

Kein Problem, ich lackiere nur schnell diesen Nagel zu Ende. Ah, ich bin müde, gestern Nacht war ich lange aus, und ich habe den Vormittag damit verbracht, in diesem Hotel einen Adapter zu bekommen.

Wir möchten mit Ihnen über einige Jahrestage des Jahres 2007 sprechen. Vor 30 Jahren ist Elvis Presley gestorben.

Ja? Vor 30 Jahren ist auch Marc Bolan gestorben, der Sänger von T-Rex, der hat mir viel mehr bedeutet. Er ist zu einem unserer ersten Auftritte gekommen, wir spielten eine Version seines Liedes „20th Century Boy“. Man musste ihn darauf aufmerksam machen. Er hat das Lied überhaupt nicht erkannt, so sehr haben wir es verändert.

Marc Bolan war ein Held Ihrer Jugend?

Hm, schon. Aber okay, als ich ein kleines Mädchen war, mochte ich Elvis sehr. Meine älteren Geschwister haben seine Platten aufgelegt, auch die der Beatles und der Stones. Wir haben uns richtige Plattenschlachten geliefert – es gab in unserer Wohnung natürlich nur einen Plattenspieler, und wer am schnellsten da war, der durfte seine Lieblingsmusik auflegen.

Sie haben getanzt?

Vor allem zu Elvis. Ich war gut darin, den Locomotion zu tanzen.

Wenn Sie sich heute zu Musik bewegen, machen Sie dann den New-Wave-Ausfallschritt?

Wie geht der?

Man läuft mit hängenden Schultern, den Blick fest auf den Boden gerichtet, zwei Schritte vorwärts und drei zurück, möglichst nicht im Takt.

Interessant, kenne ich nicht. Ich halte es mehr mit Fred Astaire und Ginger Rogers. Tango finde ich auch toll. Früher habe ich Ballett gelernt. Leider durfte ich mit zwölf Jahren nicht mehr mitmachen, weil ich mit 1,71 Metern zu groß geworden war. Beruhigend, dass auch genug Jungs rausgeschmissen wurden, weil sie zu klein waren. Heute würde das nicht passieren. Das wäre ja Körpergrößen-Diskriminierung!

Können Sie sich an das erste Konzert erinnern, das Sie besucht haben?

Meine Mutter hat mich mit zu den Shadows mitgenommen, als ich vier war. Moment, das kann auch Petula Clark gewesen sein. Ich erinnere mich nur deswegen daran, weil ich vor Beginn des Konzertes auf die Bühne gebeten wurde, um zu singen. Das hat man damals so gemacht, um die Wartezeit zu verkürzen. In meinem Lied kam ein schwarzes Schaf vor. Lustig, weil ich eigentlich selber eines war: Wie eingefroren habe ich mich mit dem Rücken zum Publikum aufgestellt. Schrecklich.

Trotz dieses traumatischen Erlebnisses haben Sie sich 15 Jahre später wieder auf die Bühne gewagt.

Reiner Zufall. Ich hing mit Freunden im „Louise“ rum, das war ein kleiner Club in London – unten gab es eine Tanzfläche, oben die Bar.

Dort haben Sie Siouxsie & The Banshees gegründet, vor 30 Jahren wurde dann Punk mit den Sex Pistols und The Clash zur Jugendbewegung der Stunde.

Wir saßen mit Malcolm McLaren von den Sex Pistols an der Bar. Er brauchte eine Band für ein Konzert. Nachgedacht haben wir nicht. Später haben wir die kompletten Pistols ins „Louise“ geschleppt, und es wurde unser regelmäßiger Treffpunkt.

Was hat Ihnen am „Louise“ gefallen?

Es war ja ein Lesben-Club. Ich habe mich da wohler gefühlt als in Clubs für Heteros. Das lag daran, dass ich nicht ausgegangen bin, um jemanden kennenzulernen. Ich wollte mich einfach nur verrückt anziehen und Musik hören, Leute treffen, nach zehn Uhr Bier trinken.

Mittlerweile leben Sie mit Ihrem Mann in einer Kleinstadt in der Nähe von Biarritz – zurückgezogen auf dem Land.

In London habe ich Platzangst bekommen. Meine Wohnung wurde mir zu klein, überall kannte mich jeder.

Wie haben Sie Ihr Haus eingerichtet? Im echt britischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil?

Laura Ashley? Würg!

Kommen Sie mit Ihren Nachbarn klar?

Da ist nur eine reizende alte Dame, wir laden uns manchmal gegenseitig zum Essen ein. Sie trinkt Sherry eimerweise, ich bevorzuge Wein.

Wenn Sie nach Hause kommen, was brauchen Sie, um zu merken: Ich bin daheim?

Mein beiden Katzen. Ich hatte einmal vier, jetzt leben nur noch Dandy und Spider. Ich tue alles für sie: streicheln, auf dem Boden mit ihnen spielen. Sie folgen mir überallhin. Spider ist besonders klug. Im Winter kommt er immer an mein Fenster, er muss an der Dachrinne entlangklettern, das ist nicht einfach. Er klopft mit seinen Pfoten an das Fenster, bis ich ihn reinlasse. Dann legt er sich noch zu mir ins Bett.

Sie mit einer Katze am Kaminfeuer, das hört sich großbürgerlich an.

Für mich klingt das sexy. Ich bin nicht mehr 17 Jahre alt und muss Fenster einschmeißen. Das wäre ein bisschen traurig, wenn ich noch so wäre, oder? Außerdem mag ich Einsamkeit.

Johnny Rotten, der Sänger der Sex Pistols, und Billy Idol, mit dem Sie früher die Band The Bromley Contingent hatten, schauen bestimmt öfter vorbei.

Da sei Gott vor! Ich habe Freunde, die manchmal aus London kommen. Das genügt mir.

Wie ist eigentlich Ihr Französisch?

Oui. Ich spreche es fließend, aber mein Mann … das ist die reinste Katastrophe. Ich muss immer für ihn übersetzen. Das ist in Ordnung, solange ich Lust dazu habe. Aber manchmal lasse ich ihn auflaufen. Männer hassen einfach alles, was sie dumm aussehen lassen könnte.

Sie lachen. Sind Sie im französischen Exil britischer geworden?

Kann sein. Neuerdings esse ich manchmal Bohnen auf Toast zum Frühstück, da frage ich mich, was das soll. Gerne auch mal Spiegeleier mit echter HP-Sauce. Tee trinke ich auch.

Natürlich um fünf Uhr.

Bei mir wird es meist sechs Uhr.

Was hat sich an Ihrem Verhältnis zu England verändert?

Bei mir hat sich eher das Verhältnis zu London geändert. Wenn ich jetzt in die Stadt zurückkehre, sehe ich sie mit den Augen einer Touristin. Ich bin neulich mit dem Riesenrad gefahren, dem London Eye – als die Sonne unterging, traumhaft. Ein guter Freund ist Reiseführer, er hat mich in den Tower mitgenommen. Können Sie sich das vorstellen?

Nicht so richtig. Im Tower befinden sich doch auch die Kronjuwelen, das Symbol der Monarchie – das Feindbild des Punk.

Ich fand das Traitor’s Gate besser, ein Tor, auf dem die Köpfe von Verrätern aufgespießt wurden.

Denken Sie manchmal daran, wieder in die Stadt zu ziehen?

Gelegentlich. Wenn ich am Südufer der Themse entlanggehe und die Tate Modern sehe, dann überkommt mich ein wohliges Gefühl.

Verfolgen Sie in Zeitschriften, was die königliche Familie macht?

Die Geschichten um Camilla interessieren mich kein Stück, und die immer noch große Faszination für Diana kann ich nicht nachvollziehen.

Noch ein Jahrestag: vor zehn Jahren starb Prinzessin Diana.

Die Massentrauer hat mir damals etwas Sorgen bereitet. Ich weiß noch, ich habe zu der Zeit bei einem Freund in Bayswater gewohnt, das ist ein Londoner Stadtteil, der nahe des Kensington Gardens liegt.

Dort ist der Kensington Palace, in dem Diana gewohnt hat.

Die Menschen haben den Park niedergetrampelt. Die Blumensträuße verwelkten. Klar, am Anfang war das mit Diana ein tragischer, schockierender Unfall. Aber alles verwandelte sich in einen Zirkus. Ich dachte nur: O Gott, jetzt reicht es! Das war eine Massenhysterie, die von den Medien orchestriert wurde.

Wenn Sie die 20-jährige Siouxsie heute treffen würden, was würden Sie über sie denken?

Ach, ich würde mit ihr gut auskommen. Wir zwei würden ein paar Witze reißen.

Würde die 20-Jährige denn mit einer 50-Jährigen auskommen?

Klar! Ich habe immer älteren Frauen zugehört, aber nur, wenn ich das Gefühl hatte, sie haben ein eigenes Leben gehabt. Die Großmutter eines Freundes hat mir zum Beispiel von ihrer Schulzeit berichtet. Wie sie als kleines Mädchen geschlagen wurde, weil sie Linkshänderin war. Die Lehrerin band ihr den linken Arm hinter den Rücken, um sie zum Schreiben mit der rechten Hand zu zwingen. Sie erzählte mir, wie Frauen damals in Irrenhäuser weggeschlossen wurden, wenn sie unehelich schwanger wurden – egal, ob durch Vergewaltigung oder eine romantische Beziehung. Ich war geschockt. Selbst damals wurde mir klar, wie viel sich in relativ kurzer Zeit schon geändert hatte.

Was haben Sie von der Punk-Zeit gelernt?

Dass ich mich glücklich schätzen kann, zu der Zeit aufgewachsen zu sein, als Punk explodierte. Wir konnten uns frei entfalten. Viele Menschen verstehen das nicht mehr, weil Punk inzwischen zu einem Cartoon wurde, einer Schublade, die man aufzieht und in der man bestimmte Kleidung und Musik findet. Viele junge Menschen wollen noch heute von mir wissen, wie es in der Punk-Ära war. Meine Antwort: Es war das letzte Mal, dass man autonom sein konnte, das letzte Mal, dass eine Jugendkultur einen Do-it-yourself-Anspruch hatte.

Die Techno-Generation würde widersprechen. Sie hat ihre Musik selbst am Computer gemacht, ihre Partys organisiert, ein ganzes Umfeld mit Clubs geschaffen.

Techno? Diese Musik ist doch völlig uniform.

Manche sagen, Punk mit seinen drei Akkorden wäre uniforme Musik.

Aber zu Beginn war die Musik nicht so einförmig. Erst als sie auf den Konsumenten zugeschnitten wurde, bevor die Medien von Punk Wind bekamen. Das Tolle an Punk war, dass es Männern und Frauen erlaubt war, aggressiv zu sein. Das verschwand dann völlig.

Woher kam diese Aggression?

Wahrscheinlich war das die Unterdrückung von ganzen Generationen, die sich auf einmal entladen hat. Das war der Frust darüber, keinen Weg zu finden, sich auszudrücken. Nicht aufgefordert zu werden, seine Meinung zu sagen.

Wann war der Wendepunkt für Sie? Wann merkten Sie, dass Punk nicht mehr so war wie früher?

Nach der Fernsehsendung mit Bill Grundy.

Die Sex Pistols traten in seiner BBC-Talkshow am 1. Dezember 1976 auf, Sie waren mit auf dem Podium, die Band benutzte vor laufender Kamera Kraftausdrücke, und am nächsten Tag standen in allen Zeitungen wütende Artikel. Die „Sun“ titelte „The Filth and the Fury“ – der Dreck und der Zorn.

Die Reaktionen waren unglaublich. Nur weil die Jungs geflucht hatten. Menschen haben angeblich ihren Fernseher eingetreten, so sauer waren sie.

Waren Sie vor Ihrem Auftritt nervös?

Was denken Sie denn? Ich war 19 Jahre alt! Bill Grundy nahm die Jungs gar nicht ernst, er stachelte sie extra auf. Und er kriegte die Reaktion, die er verdiente. Erst kürzlich habe ich ein Fernsehinterview gegeben. Der Moderator spielte einen Ausschnitt des Auftritts ein, und selbst heute blenden sie die „bösen“ Worte aus. Ich war sprachlos! An dem Abend damals hatten wir nur Spaß, wir testeten, wie weit wir gehen konnten. Doch am nächsten Tag waren wir der Staatsfeind Nummer eins. Und dann kamen die falschen Leute, die dachten, es ginge nur darum, anderen Leute die Zunge rauszustrecken. Doch Provokation war nur ein Aspekt, mehr nicht. Die Gewalt und die Aggression wurden in die Szene hineingetragen. Für mich war das nicht der kreative Ausdruck, den wir mit Punk erreichen wollten.

Auf der anderen Seite wurden Sie dadurch berühmt.

Das stimmt. Bis dahin war John Peels Radiosendung unsere einzige Chance, unsere Musik zu spielen.

Sie waren berüchtigt für gewalttätige Konzerte.

Ja, außerhalb Londons waren die Konzerte ein reines Schlachtfeld. Wenn wir in den Norden fuhren, kamen immer Männer zu den Konzerten, nur mit der Absicht, Ärger zu machen. Es ging aber nun wirklich auch nicht ums Nett-Lächeln.

Wurden Sie persönlich angegriffen?

Die Typen waren durcheinander, weil vorne eine Frau stand und in einer Rockband sang. Männer schmissen Bierflaschen auf die Bühne, spuckten mich an. Ab und zu bin ich von der Bühne gesprungen und habe sie durch den Saal gejagt. Ich konnte mein Mikro als Lasso benutzen und es den Leuten hinterherwerfen, wenn sie vor mir flüchteten. Einmal schlug ich einem Jungen seine Nase blutig. Nach dem Konzert wartete die Mutter vor dem Bühneneingang, um mich zur Rede zu stellen. Sie kam nur bis zum Tourmanager.

Was denken Sie, wenn Sie 15-Jährige mit Ramones- T-Shirts von H & M sehen?

Dass Punk Teil der normalen Popkultur-Ikonografie geworden ist. Punk wurde irgendwann zu Tode gehypt. Wir reagierten auf die Situation, wir waren frustriert und gelangweilt, wir wollten etwas verändern. Dasselbe taten Generationen vor uns in den 50er und 60er Jahren, nur auf eine andere Art. Wenn ich mich heute umsehe, bemerke ich, wie statisch die junge Generation geworden ist. Es geht nur um Technologie, niemand verlässt das Haus. Aber ich finde, manchmal muss man seine Komfortzone, die eigenen vier Wände verlassen, um echte Erfahrungen zu machen.

Johnny Rotten war 2004 in der britischen Version von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ zu sehen. War das sein endgültiger Niedergang?

Fernsehen liegt ihm eindeutig mehr als Musik. Jetzt mal im Ernst, er sollte seine eigene Show bekommen.

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