Zeitung Heute : „Purcell hat eine Tür geöffnet“

Die Choreografin Sasha Waltz über ihre Arbeit an „Dido & Aeneas“, das Verschmelzen von Antike und Barock – und den Kampf zwischen Gefühl und Verstand

Sasha Waltz tanzt im Radialsystem V Foto: Christian Lartillot/figarofoto
Sasha Waltz tanzt im Radialsystem V Foto: Christian Lartillot/figarofoto

Frau Waltz, mit „Dido & Aeneas“ haben Sie erstmals eine Oper inszeniert. Warum fiel Ihre Wahl auf eine Barockoper?

Alte Musik hat mich schon immer stark interessiert. Und ich liebe Purcell. „Dido & Aeneas“ ist ein kurzes, kompaktes Stück – für den ersten Versuch also genau das Richtige. Ich wollte nicht gleich mit Wagner anfangen! Entscheidend war aber auch, dass ich schon länger den Wunsch hatte, mit Folkert Uhde zusammenzuarbeiten, der damals der Manager der Akademie für Alte Musik Berlin war.

Die Inszenierung stahlt eine wunderbare Leichtigkeit aus. War es für Sie nicht ungewohnt, einen so großen Apparat zu bedienen?

Ich hatte schon größere Projekte wie „noBody“ und „insideout“ realisiert. Aber Oper ist noch einmal eine andere Dimension. Mit Sängern zu arbeiten, war für mich die größte Herausforderung. Aber es war ein unglaublich fruchtbares Erlebnis. Die Sänger und Tänzer haben voneinander gelernt.„Dido & Aeneas“ hat bei allen eine Tür geöffnet.

Sie nennen Ihre Inszenierung eine „choreografische Oper“. Was bedeutet das für das Verhältnis von Tanz und Musik?

Ich habe die Solisten und den Chor wie Tänzer behandelt und mit ihnen eigene Bewegungsabläufe entwickelt. Tanz und Gesang verschmelzen zu einer Einheit. Für mich ist das ein Körper, den man auf der Bühne sieht. Dieses Konzept habe ich dann immer mehr entfaltet über die Jahre.

War es denn schwierig, die Sänger zum Tanzen zu animieren?

Ich war sehr zuversichtlich, dass ich das schaffe. Die Sänger haben an einem Körpertraining teilgenommen – und man konnte förmlich beobachten, wie sie immer mehr in ihren Körper hineinwachsen. Die Haltung der Arme beispielsweise hat eine wunderbare Grazie bekommen.

Sie haben einmal gesagt, dass all Ihr damaliges Wissen über Tanz in die Inszenierung eingeflossen ist. Für mich wirken die Bewegungen sehr organisch und befreit.

Das ist charakteristisch für meine Art zu choreografieren. Bei „Dido & Aeneas“ habe ich mich zudem von der Idee des Barocken anstecken lassen. Ich wollte ein Fest, dieses Üppige, Sinnliche, den Genuss. Es ist zwar eine tragische Geschichte, aber das ist in der Musik erst am Ende, im Lamento, hörbar.

Fühlten Sie sich nicht eingeschränkt durch die musikalischen Strukturen?

Erstaunlicherweise nicht. Die barocke Musik lässt einem ja die Freiheit, zu improvisieren. Dadurch konnte ich sehr stark mitbestimmen, wie ich die einzelnen Szenen aufbaue, ich konnte den flow und die Linie mitgestalten. „Matsukaze“, die Oper, die ich gerade probe, gibt mir viel klarer Grenzen vor.

Sie finden wundervolle Bilder für die verbotene Liebe. Haben Sie die Tänzer zu bestimmten Motiven improvisieren lassen?

Wir haben lange improvisiert zu der Thematik, dass sie nicht zueinander kommen können. Ich habe dann eine Struktur erarbeitet, die man als Staffelung bezeichnen könnte. Ein Tänzer beginnt eine Bewegung und die Gruppe spinnt sie fort. Im Grunde sind alle Szenen aus der Improvisation entstanden und wurden dann festgeschrieben .

Sie stellen der Dido-Sängerin zwei Tänzerinnen an die Seite. Spiegeln sie die Zerrissenheit der Figur?

Die Sänger verkörpern, was die Person nach außen darstellt – die Tänzerinnen verkörpen dagegen die innere Welt, die Gefühle. Michal Mualem verkörpert für mich die Seele Didos. Dido muss als Königin ja eine Rolle spielen, das, was sie nach außen repräsentiert, ist etwas anderes als das, was sie fühlt. Dieser innere Zwiespalt charakterisiert die Figur.

„Dido & Aeneas“ handelt von der Liebe in Zeiten des Krieges. Dido geht am Ende aus Verzweiflung in den Tod. Wie verstehen Sie die Tragik dieser Figur?

Nach dem Tod ihres Mannes hat sie sich ja geschworen, keinen anderen mehr zu lieben – wird dann aber von den Gefühlen für Aeneas völlig überwältigt. Anfangs möchte sie sich ihre Liebe zu Aeneas gar nicht zugestehen. Es ist ein Kampf zwischen Gefühl und Verstand. Aber das Gefühl ist dann stärker. Ich empfinde sie eigentlich als eine sehr selbstbestimmte Frau – die Abstinenz hat sie sich ja selbst auferlegt. Wenn sie endlich ihrem Gefühl folgt, wird sie enttäuscht – darin liegt für mich das Tragische.

Aeneas opfert seine Liebe, weil er einer Prophezeiung folgen muss.

Seine Figur ist für mich fast noch tragischer. Er liebt Dido wirklich, das stelle ich nicht in Frage. Aber er verlässt sie, weil das sein Auftrag ist, weil er seinem Volk verpflichtet ist. In dem Zwiespalt, dass diese Liebe nicht erlaubt ist, stecken beide.

Haben Sie versucht, ein Gleichge- wicht zwischen den tragischen und den eher heiteren Szenen herzustellen?

Das ist ja schon in der Geschichte so angelegt. Dido und Aeneas halten ein Festmahl ab und werden vom Pfeil der Liebe getroffen. Ich folge also nur der barocken Idee, wenn ich dem Stück eine große Leichtigkeit verleihe. Denn es geht schlussendlich darum, sich zu amüsieren. Ich möchte ein zeitgenössisch barockes Werk schaffen – das war meine Auslegung.

Freuen die Tänzer und Sänger sich darauf, das Stück nun in der Waldbühne aufzuführen?

Ja, sogar sehr! Die Gruppe ist immer froh, wenn sie zusammen kommt. Es ist ein sehr beglückendes Stück, ein Stück mit einer positiven Energie – und das liegt auch an der Musik.

Interview: Sandra Luzina

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