Zeitung Heute : Quälerische Gruppenrituale

SANDRA LUZINA

"Neuer Tanz" im Hebbel-TheaterSANDRA LUZINAKomfortabel darf man sich in den Produktionen der Gruppe Neuer Tanz nie fühlen, sie bewirken ein diffuses Unbehagen. "a.m./p.m.Comfort by Design" lautet der Titel der neuen Produktion, die im Rahmen des Tanz-Winters im Hebbel-Theater zu sehen ist - eine Irreführung.Seinem Ruf als Theaterterroristen treu bleibend, hat VA Wölfl sich wieder Attacken auf die Tänzer und die Zuschauer ausgeheckt.Kontrolle, Zwang und Manipulation - davon handeln alle Arbeiten. Das fühlende Individuum hat hier abgedankt.Der Bühnenraum ist in ein erbarmungslos grelles Licht getaucht, ausgestellt wird eine Leere, die nicht bewohnbar ist.Ein Paar in grauen Anzügen marschiert hin und her, absolviert ein paar kokette Tanzschrittchen.Nicht nur die permanente Wiederholung ist enervierend, die Akteure haben sich auch auf bedrückende Weise in der Begrenzung eingerichtet.Wie auf einem Catwalk defilieren die Tänzer zu einem monotonen Beat über die Diagonale, sie ahmen den Modezirkus so perfekt nach, das es belustigend und beklemmend zugleich ist.Das makellose Äußere betont noch das Quälerische der Gruppenrituale, den rigiden Bewegungsdrill.Vorgeführt wird eine Ordnung, die äußerst störungsanfällig ist.Eine extreme Kontrolle - am Rande der Erstarrung - schlägt um in Kontrollverlust: Die Tänzer kippen, schwanken, stürzen.Der Fallsucht geben sie sich regelrecht hin, so als schöpften sie aus dem Verlieren von Gleichgewicht einen Lustgewinn.Kalkulierte Störmanöver werden ausgestellt.In einem Duo wird die Störung als physische Drangsal erfahren: Ein Paar kommt sich permanent in die Quere, die beiden rempeln sich an, bringen einander zu Fall.Die Bewegung des einen wird unausweichlich zur Behinderung des anderen.Bisweilen wird das Bühnengeschehen in Dunkel getaucht, das Blackout wird zur Wohltat.Denn wie das Sichtbarmachen bringen immer auch eine Gewalt beinhaltet, davon erzählt auch diese Produktion von "Neuer Tanz" mit unerbittlicher Konsequenz.Es war ein Abend der Unberechenbarkeiten und der berechneten Zumutungen, doch sie verfehlten ihre Wirkung nicht, bedrängten den Zuschauer auf eine physische Weise.Nach all den Nettigkeiten auf der Bühne war dies endlich eine Aufführung, die einen so schnell nicht losläßt.

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