Zeitung Heute : Qualifikation dank Bayern Online?

THOMAS VESER

Jedem Bayer ein Internetzugang: Aber kann sich das der auch Bürger leisten?VON THOMAS VESER

Jedem bayerischen Bürger ein eigner Zugang zum weltweiten Kommunikationsnetz Internet, und das auch noch für Gotteslohn: Diese Verheißung, Ende Februar von einer Nachrichtenagentur in die Welt gesetzt und von den Zeitungen eifrig abgedruckt, erinnert ein bißchen an den Wunsch König Heinrichs IV., daß alle Bauern Frankreichs sonntags ihr Huhn im Topf haben.Obwohl die beiden Bilder vier Jahrhunderte auseinanderliegen, ist ihnen doch eines gemeinsam: Es handelt sich um einen frommen Wunsch, wie die Staatsregierung im Falle des angeblichen Gratiszugangs zum Internet unverzüglich klarstellte. Daß Bayerns Bürger bald in großer Zahl "ans Netz" gehen, ist in der Tat Absicht der Staatsregierung, die mit voraussichtlich 100 Millionen Mark aus dem Privatisierungserlös die landesweit angelegte Datenautobahn "Bayernnetz" (BayNet) zu finanzieren und neue Kommunikationstechniken zu fördern gedenkt.Wer Datenaustausch und elektronische Post als Bürger "preiswert" nutzen will, kann sich bis Ende 1998 an dem jetzt gestarteten Pilotvorhaben beteiligen. Auf der Grundlage dieses Telekommunikationsnetzes wurden bis Ende April alle Hochschulen des Freistaats über das "Bayerische Hochschulnetz" miteinander verknüpft.Das Hochschulnetz zählt zu den mittlerweile 16 Einzelgebieten, darunter zwei Behördennetze, ein Medizindatenverbund, eine multimediale Datenbank der Textilwirtschaft und ein Berufsqualifikationsnetz.Unter dem Namen "Bayern Online" sollen diese auf der Basis des BayNet den Übergang des Flächenstaats von einer Industriegesellschaft in die "Kommunikationsgesellschaft" erleichtern. Daß dank Bayernnetz auch der Schul- und Berufsbildung neue Perspektiven eröffnet werden, zeigen erste Erfahrungen im Hochschulbereich Erlangen-Nürnberg, dessen lokaler Einwählknoten FreeNet seit Ende 1993 nicht nur der akademischen Welt, sondern auch interessierten Bürgern offensteht.Als Voraussetzung benötigt man einen geeigneten Rechner, Modem und Telefonleitung, die Teilnahmekosten beschränken sich auf die Telefongebühren.Bislang beteiligen sich 5000 Bürger, darunter eine steigende Zahl von Frauen, an diesem Angebot.Die Federführung liegt beim Institut FIM-Psychologie (Entwicklung und Erprobung von Studiensystemen im Medienverbund) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. "Die Bürger beginnen langsam, ins Netz zu gehen, die Bildung gewinnt dabei an Bedeutung", erklärt FIM-Leiter Walter Kugemann, der mit Blick auf die Schulen des Bezirks auf die zunehmende Zahl von Lernmitteln hinweist.Immer mehr Mathematikschüler in Nöten bringen ihre Probleme über E-Mail im "virtuellen Klassenzimmer" zur Diskussion. Diese Art des Erfahrungs-und Informationsaustauschs kann sich nach Ansicht Kugemanns auch bei klein- und mittelständischen Unternehmen als zukunftsträchtig erweisen.Sie könnten über das Netz maßgeschneiderte Fortbildungskurse für ihre Mitarbeiter erhalten, zumal sie sich im Gegensatz zu großen Unternehmen die Entwicklung eigenständiger Kurse ebensowenig leisten können wie eine systematische Teilnahme am Präsenzunterricht.Bereits jetzt lernen Software-Unternehmen über den weltweiten Austausch von Informationen, was sich in ihrem Bereich ändert."Warum sollten kleinere Betriebe nicht im regionalen Rahmen einen ähnlichen Austausch im virtuellen Unternehmen beginnen?", fragt Kugemann. Eine wichtige Voraussetzung für diese Art der beruflichen Qualifikation ist, daß ein Drittel der Hochschulnetzkapazität von der Staatsregierung für sogenannte "Bürgernetze" freigegeben wurde.An diesen Bürgernetzen sollen sich neben den Gebietskörperschaften auch Handwerkskammern, Wirtschaftsverbände und Volkshochschulen beteiligen.Bildet das BayNet die Datenautobahn, so stellen die Bürgernetze, die nach dem Willen der Staatsregierung auf lokale Initiativen zurückgehen und daher allmählich von unten wachsen müssen, "Auffahrten" dar.Der Zugriff auf das Internet spielt bei diesen Überlegungen im übrigen eine untergeordnete Rolle: München will voraussehbaren Interessenskonflikten mit kommerziellen Anbietern möglichst aus dem Wege gehen. Den zur Teilnahme an den Initiativen Aufgerufenen bleiben Folgekosten keinesfalls erspart: Die bereits gegründeten "Bürgervereine", deren Benutzer auf einem Register eingetragen werden, sollen die benötigte technische Ausrüstung und den Anschluß an das BayNet "in der Regel aus Mitgliedsbeiträgen" finanzieren, so die Staatsregierung.Aber selbst wenn der einfache Nutzer keine direkten Gebühren entrichten muß, wird er sich spätestens beim Blick auf seine Telefonrechnungen wundern: Da dem Bayernnetz gegenwärtig noch angemessene Leitungskapazitäten fehlen, ist mit langen Wartezeiten zu rechnen. Die flächendeckende Gründung der "Bürgernetze" wird ebenfalls noch einige Zeit auf sich warten lassen.Gerade in ländlichen Gebieten Bayerns, so Walter Kugemann, stießen die Verfechter des Bayernnetzes auf große Schwierigkeiten.Aber auch in den größeren Städten sehen sich die Verantwortlichen immer wieder zum Eingreifen genötigt: Jene Neuzugänge, die entgegen den Vereinbarungen über das Netz Leistungen gegen Geld anbieten, müssen aus dem nicht-kommerziell ausgerichteten Verbund hinauskomplimentiert werden. Schnell und preiswert verfügbare Qualifikationskurse für Mitarbeiter, vielleicht sogar ein Vorbereitungskurs zur Meisterprüfung, der überwiegend auf dem flächendeckenden Bayernnetz beruht, bleiben derzeit bestenfalls Fernziel.Während in klein- und mittelständischen Firmen der Einsatz dieser Technologien europaweit noch "wenig verbreitet" ist, schrecken den Bürger die hohen Anschaffungspreise - für geeignete Rechner - im Schnitt knapp 4000 Mark und für CD-ROMs zwischen etwa 100 und 180 Mark - immer noch ab.

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