Zeitung Heute : Qualifiziert ins Arbeitsleben

THOMAS VESER

Großbritanniens virtuelle "University for Industry" gegründetVON THOMAS VESERBereits heute besitzt Großbritannien über 100 Hochschulen und Colleges, nun ist eine neue Universität hinzugekommen: Die "University of Industry" (UfI), nach Darstellung des britischen Bildungsministeriums "Herzstück der Vision des lebensbegleitenden Lernens" (lifelong learning), hat im Frühjahr ihren Betrieb aufgenommen.Fakultätsgebäude gibt es ebenso wenig wie einen Rektor, auch Studierende haben sich bisher nicht eingeschrieben: Die UfI ist nicht mehr als ein virtuelles Gebilde, ein Netzwerk, an dem sich Lehrinstitute, Betriebe und Einzelpersonen beteiligen werden.Ihr soll künftig die zentrale Vermittlerrolle bei der Verbesserung der Berufsfortbildung auf der Nordseeinsel zufallen.Zur Zielgruppe gehören im wesentlichen Arbeitnehmer, die ihre Beschäftigungschancen durch eine Zusatzausbildung steigern wollen, aber auch kleine und mittelständische Unternehmen, die ihr Personal auf flexible Weise weiterqualifizieren möchten.In einem ersten Schritt stellte die Regierung für das Qualifikationsnetzwerk 15 Millionen Pfund zur Verfügung.Bis zum Herbst soll die UfI dauerhafte Verwaltungsstrukturen, einen Rektor und einen festen Standort erhalten.Bereits jetzt ist vorgesehen, daß Qualifizierungswillige über den Erwerb der Mitgliedschaft auf das Vermittlungsangebot zurückgreifen können.Vom Jahre 2000 an wird die UfI in England und Wales mit regionalen Lernzentren vertreten sein, für Schottland gilt eine Sonderregelung.Außer Regierungszuschüssen setzen die Verantwortlichen auf Beiträge aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) und der Brüsseler Initiative ADAPT (Anpassung der Arbeitnehmerqualifikation an den Wandel).Als Ziel nennt London bis zum Jahre 2002 die Berufsqualifizierung für jährlich eine halbe Million Menschen, die vor allem auf den Gebieten Umwelttechnologie, Dienstleistungen sowie Groß- und Einzelhandel tätig sind.In erster Linie soll durch die UfI die Hauptforderung des Grünbuchs "The Learning Age: a renaissance for a New Britain" umgesetzt werden: Britanniens Arbeitnehmer sollen ihre Ängste und Vorbehalte gegen die Erfordernisse des lebensbegleitenden Lernens ablegen und planmäßig mit der Informations- und Kommunikationstechnologie vertraut gemacht werden.Hatten die konservativen Vorgänger selbst die Berufsfortbildung weitgehend dem Markt überlassen und bis Mitte der achtziger Jahre nur einen geringen Teil der Ausgaben in eine aktive Arbeitsmarktpolitik investiert, "streben wir jetzt eine aktive Rolle an", so Nigel Smith, Mitarbeiter des Bildungsministeriums.Da die konservative Regierung der Berufsbildung erwachsener Arbeitsloser kaum mehr als Skepsis entgegenbrachte, vertrauten die Verantwortlichen auf Sanktionen, um eine Rückgliederung ins Berufsleben zu erzielen.So sah das Workfare-Modell vor, daß Beschäftigungslose für ihr Arbeitslosengeld arbeiten mußten; desweiteren wurden Betriebspraktika für Langzeitarbeitslose staatlich bezuschußt.Der "Back to Work Bonus" war ein steuerfreier Pauschalbetrag für Arbeitslose, die auch schlechter bezahlte Tätigkeiten aufnahmen.Denjenigen, die die Teilnahme an diesen Programmen ablehnten, wurde in der Regel die Förderung gestrichen.Mit der Gründung ihrer University for Industry strebt New Labour offenbar zwei Ziele an: Der Stellenwert der Berufsqualifikation für die Rückkehr ins Berufsleben wird wirkungsvoll betont und die Kosten für das angestrebte Netzwerk halten sich in Grenzen.

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