Zeitung Heute : „Qualität fällt nicht vom Himmel“

Deutsche Kliniken wollen besser werden – der Weg ist lang und mühsam

Beatrice Hamberger
High-Tech-Medizin aus Deutschland: Leistungsfähig, aber empfindlich gegen Störungen. Foto: dpa-Zentralbild
High-Tech-Medizin aus Deutschland: Leistungsfähig, aber empfindlich gegen Störungen. Foto: dpa-ZentralbildFoto: picture alliance / dpa

Vielleicht war das, was sich 2005 auf dem Deutschen Chirurgenkongress ereignet hat, der Beginn einer kleinen Revolution. Erstmals forderte ein Arzt, der damalige Kongresspräsident Professor Matthias Rothmund, seine Kollegen auf, die „Politik des Schweigens“ zu beenden und Fehler nicht länger unter den Teppich zu kehren. Noch im selben Jahr wurde das „Aktionsbündnis Patientensicherheit“ gegründet. Patientensicherheit war zu diesem Zeitpunkt eine „riesige Baustelle“.

Das Bündnis fand heraus: Die spektakulärsten Fehler passieren in der Chirurgie. Oft werden aber auch bösartige Befunde auf Röntgenbildern übersehen, zum Beispiel bei der Behandlung von Brustkrebs. Menschen sterben auch, weil sie falsche Medikamente erhalten oder eine zu hohe Dosis davon. Als bedeutsame Fehlerquelle gilt auch schlechte Kommunikation, wie etwa bei der Übergabe von Patienten. Das erschreckende Fazit hat der Sachverständigenrat in seinem Gutachten 2007 veröffentlicht: In deutschen Krankenhäusern kommen pro Jahr rund 17 000 Menschen durch vermeidbare medizinische Ereignisse ums Leben. Die Zahl ist viermal höher als die der Toten im Straßenverkehr.

Gerade die moderne Hightech-Medizin ist nach Ansicht vieler Experten zu einem wachsenden Risiko geworden. Viele unterschiedliche Berufsgruppen arbeiten zusammen, immer mehr Medikamente und technische Geräte werden eingesetzt, selbst bei Hochrisiko-Patienten werden komplizierte Eingriffe durchgeführt. Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung kommen hinzu. In so einem komplexen System sei ein einzelner „Sündenbock“ kaum auszumachen, meint der Ärztliche Gutachter Dr. Michael Imhof. Fehler entstünden meist durch das Zusammenspiel vieler Faktoren.

Trotzdem fehlt es im deutschen Gesundheitssystem an einem systematischen Fehlerkontrollsystem wie etwa in der Luftfahrt. Krankenhäuser sind zwar verpflichtet, ein internes Qualitätsmanagement nachzuweisen. Welchen Ansatz sie wählen, und wie viel sie für die Sicherheit ihrer Patienten tun, bleibt ihnen weitgehend selbst überlassen. Dass die „Baustelle Patientensicherheit“ langsam kleiner werde, sei vor allem dem Aktionsbündnis Patientensicherheit zu verdanken, meint Professor Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Er sagt: „Wir sind heute im Umgang mit Fehlern besser geworden.“ Es werde offener darüber gesprochen und intensiver nach Ursachen und Lösungen gesucht. Das Bündnis gibt Handlungsempfehlungen, wie Fehler zu vermeiden sind.

Gerade hat eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) gezeigt, dass bereits 80 Prozent der Krankenhäuser in Berlin und Brandenburg eine OP-Checkliste nutzen, 60 Prozent setzen das anonyme Fehlermeldesystem CIRS ein und erörtern Komplikationen regelmäßig in Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen. Maßnahmen, die vom Bündnis wie auch von der DGAI empfohlen werden und nach Ansicht von Studien-Mitautorin Professor Claudia Spieß „in naher Zukunft zum Standard in jede deutsche Klinik gehören sollten: Wir sind uns sicher, dass diese Standards die Patientensicherheit entscheidend verbessern“, so die Leiterin des Centrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Charité.

Im Krankenhaus-CIRS-Netz werden unterdessen sicherheitsrelevante Ereignisse einrichtungsübergreifend diskutiert. Zum Beispiel die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein Patient die falsche Tablette bekommen hat. Aus dem Einzelfall sollen alle lernen. Fehler wie dieser kommen vor. Häufiger aber stimmen Dosierungen nicht oder Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind dem Arzt schlichtweg nicht bekannt. Wie viele Menschen dadurch zu Schaden kommen, ist nicht belegbar, die Zahl dürfte aber bei mehreren Zehntausend liegen. „Die Sicherheit der Arzneimitteltherapie ist angesichts von etwa 60 000 zugelassenen Arzneimitteln mit mehr als 12 000 Wirkstoffen ein echtes Sorgenkind der Medizin“, sagt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Professor Wolf-Dieter Ludwig. Der Weg zum Ziel, die Arzneimitteltherapie für alle Patienten sicherer zu machen, sei aufwändig und mühsam, aber nicht aussichtslos. „Mit dem Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit haben wir in den letzten vier Jahren schon wichtige Etappenziele erreicht.“

Bei jährlich 47 Millionen Operationen und medizinischen Prozeduren in deutschen Krankenhäusern lauern Gefahrenquellen nahezu überall. Bis zu 180 000 Krankenhausinfektionen und 4 500 damit verbundene Todesfälle sind nach Ansicht der Charité-Hygieneexpertin Professor Petra Gastmeier vermeidbar. „Wir wissen, dass wir durch Verhaltensschulungen wie regelmäßige Händedesinfektion die Infektionsraten auf den Stationen um bis zu 30 Prozent senken können.“ Das Problem: „Wenn das Stationsteam wechselt, fangen wir wieder von vorne an.“ Immerhin habe die „Aktion Saubere Hände“ seit ihrem Start 2008 eine große Hygienewelle ins Rollen gebracht, meint Gastmeier. Der Händedesinfektionsmittelverbrauch sei deutschlandweit um 36 Prozent gestiegen. Um den Effekt auf die Infektionsraten beurteilen zu können, sei es aber noch zu früh.

Behandlungsergebnisse müssen seit 2005 in den Qualitätsberichten der Krankenhäuser öffentlich gemacht werden. Darin werden auch Auffälligkeiten, zum Beispiel Komplikations- oder Sterblichkeitsraten nach bestimmten Eingriffen, sichtbar. Das so genannte „Public Reporting“ dient obendrein zur Patienteninformation. Verbraucherschützer und Ärzte kritisieren aber, die Berichte seien zu kompliziert und nicht laiengerecht. Professor Peter M. Schlag, Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center und Vorsitzender der Berliner Krebsgesellschaft, sieht ebenfalls an einigen Stellen Verbesserungsbedarf, hält den Qualitätsvergleich aber prinzipiell für eine gute Sache. Besonders weil nach standardisierten Kriterien vorgegangen wird. „Das macht die Kliniken vergleichbar und führt zu einer kontinuierlichen Selbstreflektion.“

Vielen Kliniken reicht das noch nicht. Sie haben sich in den letzten Jahren freiwillig zu den Qualitätsinitiativen „Qualitätskrankenhäuser.de“ oder „Initiative Qualitätsmedizin (IQM)“ zusammengeschlossen, um medizinische Qualität für alle sichtbar zu machen. IQM-Gründungsmitglied Professor Axel Ekkernkamp betont, dass die Daten auch dazu dienen, nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen. Wer „auffällige“ Daten hat, dem bietet IQM im Rahmen eines Peer Reviews Hilfestellung an: Ärzte aus anderen Häusern analysieren die Lage vor Ort und helfen, an den richtigen Stellschrauben zu drehen. „Schlechte Daten sind ein Ansporn, es besser zu machen“, sagt Ekkernkamp. Kürzlich ist der Ärztliche Direktor des Unfallkrankenhauses Berlin anhand der Daten selbst auf ein gravierendes Problem im eigenen Haus gestoßen. Konsequenzen hat er daraus gezogen und „damit rasch den gewünschten Erfolg erzielt.“

Public Reporting – zu dem mittlerweile auch Portale wie „weisse-liste.de“ oder „gesundheitsberater-berlin.de“ gehören – sorgt für mehr Transparenz. Davon ist Professor Max Geraedts vom Institut für Gesundheitssystemforschung der Universität Witten Herdecke überzeugt. Messbar sei der Effekt auf die Qualität aber bislang nicht, die Studienlage sei noch unzureichend. Genauso ergeht es fast allen anderen Maßnahmen. Ob etwa durch den Einsatz von OP-Checklisten tatsächlich weniger Menschen in deutschen Krankenhäusern sterben, kann auch Hartwig Bauer nicht sagen. „Zahlen aus Deutschland gibt es bislang nicht.“ Bauer hofft auf das neue Versorgungsstrukturgesetz, das den Weg für die Versorgungsforschung ebnen und dadurch Gewissheiten bringen soll.

Dennoch dürfte der Druck auf die einzelnen Anbieter wachsen, sich anzustrengen.“ Qualität fällt nicht vom Himmel, sondern sie ist das Ergebnis permanenter Anstrengung“, sagt Peter Schlag. Ebenso wie den Qualitätsdatenvergleich hält Schlag Zertifizierungen von Einrichtungen und die Bildung von Schwerpunktzentren für sinnvoll, „weil sich der Patient hier auf einen klar definierten Behandlungsstandard verlassen kann“. Zertifizierte Zentren wie in der Onkologie müssen beispielsweise bestimmte Mindestmengen erfüllen. Das garantiert, dass man hier über besonders viel Kompetenz und Erfahrung bei einer bestimmten Krebserkrankung verfügt.

Aber eine Garantie für Fehlerfreiheit oder gar Exzellenz? Die gibt es nicht. Erst die Summe aller Maßnahmen, meinen die Experten, führt dazu, dass am Ende die „bestmögliche Qualität für alle Patienten“ herauskommt – und die „Baustelle Patientensicherheit“ täglich etwas kleiner wird.

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