Zeitung Heute : Qualität führt nicht immer nach oben

Akademiker müssen für einen Job, der eigentlich keinen Hochschulabschluss erfordert, andere Regeln lernen

Regina-C. Henkel

Wenn Andreas Bölke die Vokabel „überqualifiziert“ liest oder hört, wird er regelrecht wütend. Zu oft hat der arbeitslose Ingenieur aus Berlin-Mitte seine Bewerbungsunterlagen mit genau dieser Begründung zurückbekommen – oder wurde bereits am Telefon abgeschmettert. „An der TU haben Sie studiert und auch schon als Projektleiter gearbeitet?“, schildert der 39-Jährige die skeptischen Fragen potenzieller Arbeitgeber, die sich dann doch für einen Fachhochschulabsolventen ohne Führungserfahrung entschieden.

Vorbei, so scheint es, dass eine akademische Ausbildung eine interessante, gut dotierte und zukunftsfähige Beschäftigung garantiert. Eine Umfrage des Karriereportals Stepstone unter 6000 Jobsuchenden ergab im vergangenen Monat, dass knapp zwei Drittel der Befragten „trotz hervorragender Qualifikationen große Probleme mit der Jobsuche“ beklagen. Die Statistik der Bundesanstalt für Arbeit (BA) gibt ihnen recht. Bis zu 65 Prozent mehr qualifizierte Akademiker als noch 2002 mussten sich im vergangenen Jahr arbeitslos melden: Informatiker ebenso wie Juristen, Unternehmensberater genauso wie Banker.

Doch wie passt das mit rund einer Million unbesetzten Stellen zusammen? Und schlimmer noch: Die BA, der ohnehin nur noch ein Teil der zu besetzenden Positionen gemeldet werden, verwaltet immer mehr Vakanzen, die sechs Monate oder sogar noch länger offen bleiben. Der Zuwachs zwischen den Jahren 2000 und 2002 betrug traurige 26 Prozent. War unter all diesen Jobs wirklich kein einziger für Andreas Bölke und seine rund 250 000 Schicksalsgefährten mit Hochschulabschluss dabei? Sind diese zu gut für die Arbeit, die die Betriebe und Verwaltungen zu erledigen haben? Oder sind sich etwa die arbeitslos gemeldeten Akademiker zu gut?

Andreas Bölke weist Letzteres weit von sich. Er ist bereits seit Ende 2002 auf Jobsuche und gehört zu denen, die sich auf die veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt eingestellt haben: „Einen interessanten Job als Ingenieur zu Konditionen zu kriegen, die ich beim letzten Betrieb noch ohne große Verhandlungen bekommen habe, wäre ein Wunder. Abstriche muss jeder machen, ich bin zu fast jedem Kompromiss bereit.“ Andere arbeitslose Akademiker denken genauso. Diplom hin, Staatsexamen her: Juristen bewerben sich als Sachbearbeiter, Architekten als Hausmeister, Politologen als Nachtwächter und Sportlehrer als Zugbegleiter. Was folgt, ist eine Absage nach der anderen.

„Ihre Qualifikationen gehen weit über das hinaus, was die Stelle verlangt. Wir haben uns deshalb nach eingehender Prüfung für einen anderen Kandidaten entschieden.“ So beschreibt auch Personaltrainerin Monika Hoffmann die typische Arbeitgeberreaktion. In ihrem Ratgeber „Überqualifiziert – wie Sie einen guten Job finden und sich wohl fühlen“ lässt sie wissen, dass diese Formulierung eher „nett“ gemeint als ehrlich gesagt sei. Hinter dem Argument „überqualifiziert“ verberge sich etwas anderes, das die wahren Bedenken des Arbeitgebers widerspiegele:

Dass die Stelle als Notlösung verstanden wird und sich der Arbeitnehmer sicher bald nach etwas „Besserem“ umschaut.

Dass die Arbeit als zu anspruchslos empfunden wird und sich der Arbeitnehmer deshalb keine Mühe gibt und nachlässig wird.

Dass sich der Arbeitnehmer für etwas Besseres hält. Das komme bei den Kollegen nicht gut an, störe das Betriebsklima.

Dass der Arbeitnehmer zur Besserwisserei neigen wird, was schlecht für seinen Vorgesetzten ist.

Dass der neue Mitarbeiter an Stühlen zu sägen beginnt.

Das sind Bedenken, die Stefan Siebner, Pressesprecher der Industrie- und Handelskammer Berlin, kennt. Und er kann aus dem Stegreif weitere Argumente nennen, die Arbeitgeber zu einer Absage bewegen: „Man wird für eine Assistenztätigkeit kaum einen Akademiker mit Berufserfahrung einstellen und jemanden, der ein größeres Team geleitet hat, nicht für eine subalterne Stelle. Arbeitgeber wollen zufriedene Mitarbeiter. Und gibt es mehrere Bewerber, entscheidet sich der Arbeitgeber üblicherweise für den Passenden.“

Dass Anforderungs- und Kandidatenprofil möglichst deckungsgleich sind, steht auch für Michael Sandrock im Vordergrund. Der Vorsitzende der Gesellschaft Telematicspro, der bundesweit mehr als 100 Mitgliedsfirmen angehören, räumt zwar ein: „Zurückgewiesen zu werden, weil man zu viel drauf hat, ist sicher schwierig und gelegentlich auch paradox.“ Schließlich seien „Menschen nicht programmiert wie Roboter und nur zu einer spezifischen Arbeit in der Lage“. In den USA könne ein ehemaliger Oberst der Army auch Vorarbeiter einer Straßenbaukolonne sein. So dürfe im Vordergrund eines Jobinterviews dürfe auch hierzulande „nicht mehr die Differenz zwischen formaler Arbeitsplatzbeschreibung und Werdegang des Bewerbers stehen, sondern die Persönlichkeit: Ist dieser Mensch in der Lage sich einzufügen, hat er Teamerfahrung?“ Sandrock empiehlt seinen Arbeitgeberkollegen, „dem so genannten Überqualifizierten ein Zusatzprojekt anzuvertrauen.“ Das spare der Firma Geld. Und wenn alles gut laufe, sei es für den Bewerber – und die anderen Mitarbeiter – ein zusätzlicher Ansporn.

Der Umweg über ein Praktiktikum zur – in Aussicht gestellten – Festanstellung ist freilich nicht jedermanns Geschmack. Ebenso wenig die Perspektive, im neuen Job deutliche Gehaltseinbußen hinnehmen zu müssen. Doch Andreas Bölke zum Beispiel hat dazugelernt. Die Assistenz des technischen Abteilungsleiters würde der TU-Ingenieur mit Führungserfahrung heute nicht mehr ablehnen. Schon gar nicht wegen des Geldes, denn: „So hätte ich wenigstens einen Fuß in der Tür. Wenn die ersteinmal merken, was ich kann, werden sich schon zusätzliche Chancen ergeben.“ Buchautorin Monika Hoffmann beschreibt in „Überqualifiziert“ (Verlag Bildung und Wissen, Nürnberg 2003, 14 Euro 80) an Beispielen, wie man den Bedenken potenzieller Arbeitgeber begegnet. Noch hilfreicher sind wohl ihre Einblicke in den oft wenig souveränen Umgang mancher Akademiker mit einem Job, für den sie eigentlich nicht so lange hätten studieren müssen. Etwa die promovierte Sekretärin Luise: „Mein Doktortitel“, so habe ihr Luise berichtet, „wurde mit der Sekretärinnenstelle zum scharlachroten Buchstaben. Jedes Mal, wenn er irgendwo auftauchte, auf der Gehaltsabrechnung etwa oder auf dem Jobticket, dann versetzte er mir einen Stich.“ Hoffmanns Tipp: „Selbstvorwürfe sind Gedankenspiele, bei denen man nur verlieren kann. Schieben Sie Ihnen einen Riegel vor.“

Langzeitarbeitslosen wird demnächst gar nichts anderes übrig bleiben. Der Bundestag hat das Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt verabschiedet, das für Langzeitarbeitslose bedeutet: Sie müssen ab 2005 auch Jobs unterhalb des ortsüblichen Lohnniveaus annehmen. Sonst sperrt das Arbeitsamt die Bezüge (siehe Artikel unten).

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