Zeitung Heute : Quasi-sprachlich

BORIS KEHRMANN

Das Berliner Sinfonie-Orchester, dirigiert von Jac van SteenDas mit knapp 20 Minuten Spieldauer ungewöhnlich kurze 1.Cellokonzert in a-Moll von Camille Saint-Saëns hat zwar bloß einen Satz.Dieser besteht aber aus drei Teilen und besitzt alles, was zu einem klassischen Solokonzert gehört.Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil hat der Komponist zur Verdeutlichung der Gliederung eine Pause notiert.Jac van Steen dehnt sie so weit aus, wie er die Spannung halten kann, und macht damit die zwei Teile als verdeckte Form der zwei klassischen Konzertsätze kenntlich.Diese Methode, selbst komplexere formale Strukturen durch Gliederung und Zusammenfassung von kleinen und kleinsten Sinneinheiten zu klären, charakterisiert die Vorgehensweise des niederländischen Dirigenten.Zum dritten Mal steht er am Pult des Berliner Sinfonie-Orchesters im Schauspielhaus, wieder mit besten Resultaten. Lange melodische Sequenzen werden in Sinnabschnitte unterteilt und wie Sätze mit Satzgliedern formuliert; die Tiefenstruktur staffelt Vorder-, Mittel- und Hintergrundgeschehen in der angemessenen Gewichtung, arbeitet aber jede Schicht vollplastisch aus.Schon wo sich die Stimmen kleinste Partikel zuspielen oder luftige Sechzehntel-Ornamente auf wuchtige Bläserakkorde antworten, macht van Steen dialogische Zusammenhänge im transparenten Klangbild plausibel.Friedmann Ludwig, der junge Erste Solocellist des Berliner Sinfonie-Orchesters, spielt in diesem musikalischen Dialog die Rolle des Vorsängers.Auch er verleiht den einzelnen Gliedern seiner Argumentation kräftiges, in neuen Zusammenhängen leicht wiedererkennbares Profil. Daß bei quasi-sprachlicher Artikulation der Instrumentalstimmen die Kraft malerischer Schilderung und dramatischer Ballung nicht verloren gehen muß, bewiesen die stimmungsvollen Meeres- und Sturmschilderungen in Mendelssohns schottischer Hebriden-Overtüre wie auch der hellwache Märchenspuk von Prokofjews "Aschenbrödel"-Ballett, aus dessen drei vom Komponisten eingerichteten Konzertsuiten van Steen elf Stücke ausgewählt hatte.Das Was der dargestellten Inhalte wurde dabei zu dem Wie der eingesetzten Mittel in ein sehr bewußtes Verhältnis gesetzt - der besondere Reiz dieser Wiedergabe.BORIS KEHRMANN

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