Zeitung Heute : Quellen des Hasses

GERD APPENZELLER

Nach dem Brandanschlag auf die Lübecker St.Vicelinkirche zeichnet sich zumindest eine Ahnung ab, daß die vermutlich ausländerfeindlichen Täter ein sie tragendes Umfeld haben könntenVON GERD APPENZELLERDies ist keine Zeit, in der es die Menschen in die Gotteshäuser drängt.Aber die Kirchen, auch wenn in ihnen am Sonntag oftmals mehr Plätze freibleiben als besetzt sind, sind immer noch mächtige Symbole der Hoffnung, daß das Diesseits nicht alles ist und daß es eine höhere Gerechtigkeit gibt.Wer Kirchen anzündet, versucht zu verbrennen, was in uns über den Alltag hinaus angelegt ist.Ob es nun Juden oder Christen oder Muslime sind, denen der Raum des Gebetes Ort der Besinnung und der Hoffnung gleichermaßen ist - sie alle eint auch der Glaube, das Gute im Menschen würde letztlich obsiegen.Die Brandstiftung in der katholischen St.Vicelinkirche in Lübeck richtet sich, wen auch immer die Täter damit treffen wollten, somit gegen die Mitmenschlichkeit und sie wird, auch das ist klar, die entgegengesetzte Wirkung haben.Die Menschen werden im Zorn über die Niedertracht zusammenstehen.Der Pfarrer, der unter dem ersten Schock meinte, jetzt sei das Herz der Gemeinde zerstört, weiß ja zu genau, daß das Herz jeder Gemeinde der Glaube und nicht ein Gebäude ist.Der Brand schwächt die Kraft derer, gegen die er sich richtete, nicht.Er wird sie, im Gegenteil, stärken, auch wenn die Betroffenen zunächst eher mutlos und ängstlich wirkten. Vorerst sind es nur Indizien, die als Markierungen hin zu den möglichen Tätern dienen können.Aber sie sind wohl mehr als eine in die falsche Richtung gelegte Spur, auch wenn wir in den letzten Monaten bei auf den ersten Blick gegen Ausländer gerichteten Straftaten plötzlich vor erschütternden Beziehungsdelikten standen.Der vermutlich von den Brandstiftern an die Kirchenwand geschriebene Name eines evangelischen Pfarrers in Lübeck, dessen St.Marien-Gemeinde einer algerischen Familie Kirchenasyl gewährte, und die danebengeschmierten Hakenkreuze legen die Vermutung eines ausländerfeindlichen Hintergrundes nahe.Daß der Anschlag einer bei diesem Thema nicht im Licht der Öffentlichkeit stehenden, benachbarten katholischen Gemeinde galt, könnte sich leicht aufklären.Der Vicelinkirche konnte, wer immer wollte, sich unauffälliger als der Marienkirche nähern. Die Erklärung, es seien ja nicht "die Lübecker", die als Täter in frage kämen, geht haarscharf am Kern der Sache vorbei.In der auf den ersten Blick so beschaulich wirkenden Hansestadt hat es in den letzten Jahren zwei Brandanschläge gegen die Synagoge gegeben.Der evangelische Bischof der Stadt und seine Familie wurden mit Morddrohungen überzogen.Im vergangenen Jahr brannte dort unter immer noch ungeklärten Umständen ein Flüchtlingsheim nieder, zehn Menschen starben.Der schleswig-holsteinische Innenminister Ekkehard Wienholtz sieht im Süden seines Bundeslandes "einen gewissen rechtsextremistischen Bodensatz".Der Bodensatz ist, das wird auch Wienholtz wissen, der besonders intensive Rest einer Substanz, von der es vorher eine größere Menge gegeben hat.In die Szene einzudringen, hört man aus dem Verfassungsschutz zum gleichen Thema, sei bislang nicht gelungen.Warum eigentlich nicht? Es scheint also gesichert, daß sich verschiedene, wenn auch wohl nicht alle ausländerfeindlichen Taten in Lübeck vor einem Hintergrund abspielen, der Polizei und Staatsanwaltschaft nicht nur Rätsel aufgibt.Da zeichnet sich zumindest eine Ahnung ab, daß die Täter ein sie tragendes Umfeld haben könnten, daß ihnen die Region und ihre Menschen nicht fremd sind, daß es vielleicht einen oder mehrere Biedermänner gibt, die gar einen Verdacht haben, klammheimliche Sympathie verspüren oder die die Brandstifter gar kennen.Es ist immer wieder überraschend, daß Besucher einer Stadt sofort spüren, was deren Bewohner nicht sehen mögen.Ausländerhaß kommt selten aus dem Nichts.

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