Zeitung Heute : Quitten machen quicklebendig

Lange Zeit war sie vergessen – doch jetzt erlebt die alte Obstsorte ein Revival.

Anna Wöltjen
Die apfelförmigen Cido-Zierquitten vom Strauch sind essbar und lassen sich zu Kompott verarbeiten. Goethe schwärmte für würfeliges Quittenkonfekt aus getrocknetem Mus. Exquisit schmeckt auch Quittenprosecco als Aperitif oder Quittenwein zum Käse. Die Früchte eignen sich auch als Beilage für herzhafte Geflügelgerichte. Foto: Anna Wöltjen
Die apfelförmigen Cido-Zierquitten vom Strauch sind essbar und lassen sich zu Kompott verarbeiten. Goethe schwärmte für würfeliges...

Frischer Quittenduft betört jede Nase und weckt alle Lebensgeister. Einige wenige goldene Früchte auf dem Tisch genügen, und es duftet auch im Herbst im ganzen Raum wieder nach Sommer. Sie vermitteln mediterranes Flair, und wer an ihnen schnuppert, fühlt sich auf eine Insel der Seligen versetzt. Quitten werden als letztes heimisches Obst im Oktober geerntet, wenn sie sich von Grün zu Gelb verfärben.

Die meisten Quitten (lat. Cydonia oblonga) schmecken aber erst, wenn sie weiterverarbeitet werden. Aus diesem Grund gerieten sie im Vergleich zu Apfel und Birne, die sofort gegessen werden können, ins Abseits. In den letzten Jahren entdeckten jedoch vor allem die Getränkehersteller dieses spezielle Obst wieder und brachten Limonaden dieser Geschmacksrichtung auf den Markt. Vieles spricht dafür, eine pflegeleichte Quitte, die zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae) zählt, im eigenen Garten anzupflanzen. Im Handel werden die apfel- oder birnenförmigen Quittenfrüchte immer noch selten angeboten, da in Deutschland die meisten Quittenbäume in Privatgärten oder auf einigen wenigen Streuobstwiesen wachsen. Importiert werden dazu Quitten aus dem erwerbsmäßigen Flächenanbau in der Türkei, Spanien oder China.

Von Natur aus wächst die Quitte als Strauch, aber sie wird häufig zum Baum erzogen und als solcher verkauft. Dabei werden Quitten oberhalb der Wurzel auf anderen Quitten veredelt und diese offene Nahtstelle mit einem Gummi- oder Plastikband umwickelt und mit Wachs bestrichen, damit das Holz nicht austrocknet. Birnen werden üblicherweise auch auf einer Unterlage aus Quitten veredelt. Quittenbäume mit knorrigem Aussehen erreichen oft ein hohes Alter von 100 Jahren, aber erste Quitten kann man nach vier Jahren ernten. Die Früchte hängen direkt ohne Stiel an den Zweigen. Mit der Zeit bildet sich eine dekorative borkige Rinde am Stamm, die an eine Platane denken lässt. Ein Baum im Garten genügt, denn die Quitte zählt zu den Selbstbestäubern. Quitten mögen es sonnig und windgeschützt. Der Boden, auf dem sie wachsen, sollte weniger sandig und eher lehmig sein. Anfangs sollte der neu gepflanzte Baum im Winter mit Mulch angehäufelt werden, da er Frost schlecht verträgt. Im Sommer sollte er ausreichend mit Wasser versorgt sein.

Mittlerweile gibt es wieder eine größere Auswahl an Sorten auch in einigen Brandenburger Baumschulen wie Lorberg oder Saathainer Mühle. Insgesamt existieren geschätzt über 500 regionale Arten. Zu den altbekannten Züchtungen zählen die ungarische ’Bereczki’, die serbische ’Vjanja’. Die „Portugiesische Quitte“ wurde bereits 1611 in England erwähnt und ist heute noch erhältlich. Sie bringt als frühe Sorte, allerdings nur an wärmeren Standorten, bis zu 1200 Gramm schwere Einzelfrüchte. Spätere Neuzüchtungen wie ’Cydora’ oder ’Wudonia’ sollen robust und relativ frosthart sein. Die Quittenbaumschule Mustea in Franken bietet als einzige über 50 Sorten an, darunter Raritäten wie ’Astheimer Perlquitte’, ’Baumwollquitte’, oder die Eigenzüchtung „Rohköstler“, die – wie der Name bereits andeutet – auch direkt verzehrt werden kann.

Von April bis Mitte Mai trägt die Quitte je nach Sorte hübsche rosa oder weiße Blüten mit bis zu 8 cm Durchmesser, die im Gegensatz zu anderen Obstsorten einzeln und nicht in Büscheln sprießen. Sie werden ebenso wie der Quittensaft in Hautpflegeprodukten genutzt. Die grünen äußeren Kelchblätter haben einen auffälligen Flaum, und auch die jungen Quittenfrüchte sind mit einem wolligen Filz überzogen. Er schützt sie vor Sonnenbrand und reibt sich durch Wetter und Wachstum überwiegend ab.

Der Ursprung der Quitte liegt im Kaukasus, und sie kam über Westasien ans Mittelmeer und Osteuropa. Die Römer brachten sie nach Germanien, mit englischen Schiffen erreichte sie Australien und mit portugiesischen Japan und Südamerika. Die Früchte segelten in Tonkrügen über alle Meere. Eingelegt in Honig bewahrten sie traditionell die Bootscrews mit ihrem hohen Vitamin-C-Gehalt vor der sonst oft tödlichen Mangelerkrankung Skorbut. Spricht man beim Frühstück von „Marmelade“ meint man eigentlich „Quittenmarmelade“, denn das Wort stammt vom portugiesischen Begriff „marmelo“ für Quitte ab. In der antiken griechischen Mythologie war die Quitte die Frucht der Göttin Aphrodite und Symbol für Glück, Liebe und Fruchtbarkeit. Vermutlich schrieb man ihr diese Eigenschaften aufgrund ihrer vielen Kerne zu. In der europäischen Kunstgeschichte trat die Quitte im 16. Jahrhundert in Stillleben in Erscheinung. Der spanische Künstler Sánchez Cotán inszenierte sie neben Kohl, Melone und Gurke. Später brachte sie van Gogh im schillernden Farbspektrum von Gelb-Blau mit lebendigen Pinselstrichen auf die Leinwand.

Klassisch werden Quitten süß zu Gelee, Marmelade oder Kompott eingekocht. Werden sie mit Schale verarbeitet, müssen mögliche Flaumreste an den Früchten mit einem Tuch abgewischt werden, da diese bitter schmecken. Quitten enthalten viel Pektin und dicken daher bereits mit gewöhnlichem Zucker ein. Ihre Ballaststoffe fördern die Verdauung. Hat man die Früchte kleingeschnitten, dauert es im Topf zirka eine halbe Stunde, bis sie weich sind. Sehr gut würzen lassen sich Quitten mit Vanille, Anis, Ingwer oder Zimt. In den vergangenen Jahren erschienen spezielle Quitten- Rezeptbücher.

Findet sich kein Fleckchen mehr für einen echten Quittenbaum oder steht der Schmuckaspekt der Quitte im Vordergrund, kann auch eine Zierquitte (lat. Chaenomeles) als Heckenstrauch eine Alternative für den Garten sein. Die häufige dornenlose Sorte ’Cido’, eine Züchtung aus Lettland mit leicht überhängenden Zweigen, wirbt für sich mit einer leuchtend roten Blütenfarbe. ’Cido’ erreicht eine Höhe von eineinhalb Metern und mutet von ihrem Aussehen asiatisch an. Ihre deutlich kleineren gelben kugelrunden Früchte sind übersäht mit dunkelbraunen „Sommersprossen“. Sie umhüllt kein Filz, sondern lediglich eine natürliche Wachsschicht. Auch sie können verarbeitet und gegessen werden. Jedoch enthält eine Zierquitte im Vergleich zur echten Quitte fünfmal so viel Vitamin C und Säure. Daher kann ihr Saft als Zitronenersatz genutzt werden.

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