Zeitung Heute : Quoten, Auflagen und die Moral

GERD APPENZELLER

Eine Angst geht um in Deutschland.Es ist die Angst vieler, die durch Amt oder Mandat herausgehoben sind, die künftige Berliner Republik könne eine Republik der Voyeure werden und Berlin eine Hauptstadt der Indiskretionen.Medien und Journalisten als erbarmungs- und skrupellose Enthüller intimer Details, die unter dem Vorwand der Aufklärung Schicksal spielen, Karrieren beenden und Menschen vernichten? Diese Angst ist nicht Fiktion, sie ist real und wird in Bonner Institutionen offen ausgesprochen.Bonn - das war eine Einzeitungsidylle mit einem Konsens zwischen Politikern und Journalisten darüber, was ins Blatt gehört und was nicht.Bonn war vielleicht provinziell, aber alles andere als prüde.Bonn war diskret und von rheinischem "Laissez faire, laissez aller" geprägt.Berlin aber, die Stadt des harten Kampfes um Auflagen und Einschaltquoten, das Medien-Haifischbecken, wird - das ist die Befürchtung - keine Schamgrenzen mehr kennen.Vor diesem Hintergrund sind die deutschen Auswirkungen der medialen Hinrichtung des amerikanischen Präsidenten durch US-Fernsehanstalten und Zeitungen wie ein Menetekel.Die Veröffentlichung des Starr-Reports in deutschen Zeitungen, auch im Tagesspiegel, die Vermarktung des Videos von Clintons Vernehmung vor der Grand Jury nicht nur in CNN, sondern auch in n-tv - waren das die ersten Anzeichen einer Diktatur der Quoten?

Ginge es um die Amouren von medien-eitlen Prinzessinnen und Geldadligen, könnte man bei dem Thema zur Tagesordnung gehen.Aber Clinton ist der politisch mächtigste Mann der Welt.Weder eine Hochglanzillustrierte noch ein Boulevardblatt, sondern die amerikanische Justiz und eine Mehrheit amerikanischer Abgeordneter entschieden in unglaublicher Selbstgerechtigkeit und Heuchelei für eine Veröffentlichung.Clinton mag zuerst ein Opfer seiner Hormone geworden sein - seine öffentliche Demütigung indes ist eine fortzeugende Schuld von Verfassungsinstitutionen.Glaube doch niemand, daß diese von der Politik inszenierte, beispiellose Hexenjagd mit Hilfe von Medien, die nicht merkten, wie sie benutzt wurden, wieder aus der Welt zu schaffen ist!

Medien, die sich selbst als Herren des Verfahrens fühlen und in Wirklichkeit benutzt werden - sind auch wir, Zeitungen und Rundfunkanstalten in Deutschland, nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt in einem weltumspannenden Raubtierspiel? Kein Zweifel: Die Globalisierung der Informationsmärkte kann zur Minimierung der ethischen Grundsätze des Journalismus führen.Weder die Veröffentlichung des Starr-Reports noch die Herstellung oder gar Weitergabe der Videos wären in Deutschland überhaupt möglich gewesen.Der Tagesspiegel hat Passagen aus dem Starr-Report publiziert, weil er seiner Informationspflicht nachkommen wollte.Debattieren kann man, ob man sich und den Lesern in einigen für die rechtliche Einordnung unwesentlichen Passagen den direkten Wortlaut hätte ersparen sollen.Vermutlich hätte aber auch diese Entscheidung wiederum Kritik bei Lesern ausgelöst, die in der wohlerwogenen Zurückhaltung einen Akt der Zensur gesehen hätten.

n-tv, ein Nachrichtensender wie CNN, zeigte das Video, vermutlich, um keine Zuschauer an die amerikanische Konkurrenz zu verlieren, und brach, ein Wunsch der beiden Kommentatoren, die Ausstrahlung ab, als erkennbar wurde, daß es nicht mehr um Aufklärung, sondern um einen unglaublichen Einbruch in die Privatsphäre ging.

Noch einmal: Deutsche Medien haben wiedergegeben, was aus den USA auch ohne sie auf die Bildschirme gekommen wäre.Aber waren sie vorbereitet auf das, was über sie hereinbrach? Nein.Hätten Sie vorbereitet sein können? Hätte ein journalistischer Codex das Bild des toten Uwe Barschel in der Badewanne seines Hotelzimmers verhindert oder die Anbiederung von Journalisten an die Geiselgangster von Bremen und Gladbeck? Vermutlich nicht.

Die Fragestellungen aber zeigen, daß Berlin nicht für eine Verrohung journalistischer Sitten stehen muß, solange der Reflex menschlichen Anstands funktioniert.Reflexe aber muß man trainieren, sonst versagen sie in Gefahrensituationen.Vielleicht ist das die Lehre.Sonst kommen wirklich erst Auflage und Quote und dann die Moral.

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