Zeitung Heute : Rackern für Deutschland

Ein Theaterprojekt von Jo Fabian und Gabriella BußackerHört ihr es dröhnen? "Deutschlandbilder", so schlägt vehement die Festwochenstunde.Die Bildende Kunst stellt sich dem, füllt den Gropiusbau, die Akademie der Künste, das Deutsche Historische Museum und die Grundkreditbank, skulptural und im Großformat.Dito die Musik, die henzt allerorten, rihmt im Kammermusiksaal, schleimermachert in der Staatsbibliothek mit Pauken, Trompeten und präparierten Klavieren.Wow! Nicht aber das Theater.Das ist frei und subversiv, glaubt es, und taucht einfach unter den großen Lettern weg, weicht ihre Bedeutsamkeit auf, macht sich darüber lustig, pinkelt sie an.Und so bleiben vom "Deutschland Projekt", wie es wahlweise und streng paritätisch das Hebbel-Theater und das Theater am Halleschen Ufer dem Ossi Jo Fabian und der Wessi Gabriella Bußacker offerierten, statt Erkenntnisgewinn satt und schwarzrotgold vornehmlich Erinnerungen an eine Revolution, der virtuelle Geschmack von Zitroneneis und die quälenden Bilder von falschen Blondinen.Immerhin als Befindlichkeitsübung interessant. Jo Fabian mit "Pax Germania" - das ist der trotzig tranige Minimalismus, immer schon und jetzt erst recht.Acht Männeken (ja, drei davon Frauen) bilden eine Reihe vor blauem Hintergrund und durchleben in rückwärts laufenden vierzig Minuten Echtzeit vierzig Jahre.Oder so.Also stehen sie da, ploppen mit Tennisbällen, üben stumme Schreie, halten die rote Fahne hoch, hauen sich eine runter.Und einer zieht sich aus.Muß wohl so sein.Ach, Musik gibt es auch.Hat der Countdown die Stunde Null erreicht, sagt die Stimme aus dem Off natürlich "3.Oktober 1990", dann aber kommen leider nicht nur noch sieben Minuten dazu, sondern viel, viel mehr.Die Reihe löst sich auf, jeder wird Individualist.Rot verschwindet, Winke-Winke wird gemacht.Eine Frau zeigt verquält die Preisschilder ihrer Unterwäsche und ihren Busen - na klar, ein Wendeopfer.Als endlich Schluß ist, sagt eine weitere Stimme aus dem Off "Der Sozialismus klopft auch an eure Tür", dann erscheint das Menetekel an der Rückwand: "Wir danken den Urhebern dieser Geschichte, ohne die dieser Abend nicht nötig gewesen wäre." Wenigstens höflich sind die Leute, wenn sie uns schon die Zeit stehlen. Ortswechsel, Getränkepause.Am Halleschen Ufer endlich wieder Westen, alles schön bunt hier.Saftig grün der Kunstrasen, hübsch das Kunstleopardenfell, die glitzernden Perlenschnüre, die geilen Kunsthaarperücken: Trevira, Polyester, Goldlamé, Deutschland - Helge-Schneider-Land.Könnte aber auch der einzig wahre Grand Prix sein.Gabriella Bußacker bricht uns fast die Zunge mit ihrer Verheißung "De Utschl And - Kommune 97" und öffnet dann alle Redeschleusen.Es wird geplappert und ausdiskutiert, live und per Wackelvideo, wie im richtigen Leben und schlimmer noch.Nach dem nervigen Ost-Stoizismus nun der totale West-Nonsens.Ratet mal, was schlimmer ist, nölige Verschnarchtheit und tranige Verweigerung oder trashiger Unernst gepaart mit Quasseldiarrhöe.Zum letzten verbalen Vereinigungspups sitzen sie um den WG-Tisch, faseln von Fluzeugentführungen und fuchteln mit Wummen, malen Hitlerbärtchen auf Luftballons und lassen die gleich schamhaft unter dem Hintern zerplatzen.Das lustige Kommunardenleben als Talkshow in der Endlosschleife."Es gibt keine Ritter und keine Zipfelmützen", wird uns versprochen.Alles gelogen, sogar als Affen tauchen die sechs Akteure auf: "Willkommen im Club.Die Musik bitte dezent." Jo Fabian läßt uns würgen, Gabriella Bußacker wirft uns ihre Versatzstücke einfach vor die Füße.Macht was draus! Leicht gesagt, wenn man das Gähnen kaum mehr vermeiden kann.Deutschland muß sehr langweilig sein.Das zumindest macht dieser beliebig dröge, steuerungslos vor sich hin eiernde theatralische Doppelpack hinreichend klar. Hebbel-Theater / Theater am Halleschen Ufer, 21.und 22.September, jeweils 19.30 Uhr und 21.30 Uhr.

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