Zeitung Heute : Radeln nach Auschwitz

FRANK DIETSCHREIT

"Memory": Kampnagel-Gastspiel im Westlichen StadthirschenFRANK DIETSCHREITFunzeliges Licht einer Taschenlampe geistert durch die Dunkelheit.Jemand stolpert durch das Ungewisse und sucht nach dem Wo und Warum dieses Ortes.Hier findet der Lichtstrahl ein eingestaubtes Schaukelpferd, dort ein paar speckige alte Koffer.An der einen Wand ein paar Kleiderhaken, an der anderen Wand Wäscheleinen, an denen allerlei Zettel und Briefe baumeln.Von der Decke her grüßen bunte Postkarten aus aller Welt.Auf dem Tisch verdeckte Bilder eines irgendwann mitten im Spiel abgebrochenes "Memory".Wo wir sind? Was das alles zu bedeuten hat? Der sich allmählich aus der Dunkelheit herausschälende Mann weiß es auch nicht.Also hier ein Kärtchen und dort ein Kärtchen.Grübelt sich hinein in die Bilder des Vergessens. "Memory" ist ein Versuch über die Erinnerung.Schauspieler Ralf Knicker hat ihn erdacht und mit Hilfe von Regisseur Heinrich Rolfing auf eine mit allerlei Gegenständen vollgestopfte Spielfläche gebracht.In der Hamburger Kampnagel-Fabrik konnte Knicker damit verzaubern und begeistern.Daß ihm das bei seinem Berliner Gastspiel im Theater zum Westlichen Stadthirschen ebenso gelingt, liegt an Knickers fein ausbalanciertem Spiel und seiner unprätentiösen Art, mit der er psychologische und historische Tiefenbohrungen so anbringt, als seien sie das Selbstverständlichste der Welt.Im goldgelben Anzug bringt Knicker die Helligkeit in seine Gerümpelkammer der Erinnerungen.Doch wo er auch Licht anknipst - überall findet er statt erkennender Einsicht nur neue Verwirrung.Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen, läßt er Nietzsche im Programmheft sagen.Weil er nicht mehr derselbe wie damals war, als er, mit einem Taschenmesser bewaffnet, sich einer Horde von Angebern entgegenstemmte, um ein kleines Mädchen vor Nachstellungen zu retten, versucht er es mit mehreren Variationen.Gleitet dabei immer weiter ins Märchenhafte ab, kämpft schließlich mit einem imaginären Drachen.Die Kindheit, eine Fundgrube der Phantasie.Doch das verklärte Nachdenken über unschuldige Laubsägearbeiten oder die einen blonden Knaben unterm Weihnachtsbaum zeigenden Dia-Projektionen umspielen nur die harmlose Seite der Erinnerungsarbeit. Die herrenlosen Koffer und die auf den Boden liegenden Teile eines überdimensionierten "Memory"-Spiels sprechen eine andere, grausamere Sprache.Plötzlich ist der Vergangenheitsforscher auf einer fast vergessenen Fahrradtour durch Osteuropa.Radelt über dasKopfsteinpflaster von Auschwitz, verirrt sich auf dem Gelände des Vernichtungslagers Birkenau.Fragt er sich, wie authentisch ein Ort sein muß, um des Grauens gedenken zu können.Und wie authentisch ist ein Tonbandmitschnitt? Was sagt er über die Wahrheit der Erinnerungen? Das muß jeder für sich entscheiden.Knicker nimmt nur die volle Spule aus dem Gerät, archiviert sie in einer Klarsichthülle und verschwindet in der Dunkelheit des Vergessens. Theater zum Westlichen Stadthirschen, Kreuzbergstr.37, bis 9.Februar, Freitag bis Montag, jeweils 20 Uhr.

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