Radsport : Unter den Rädern

Doping-Bekenner, Doping-Leugner – der Radsport ist nun gespalten in zwei Lager. Und manchmal zerreißt es auch einen Menschen.

Helmut Schümann[London]

LondonTritt man Alejandro Valverde zu nahe, wenn man seinen Gesichtsausdruck am Freitag, wenige Stunden vor der großen Showpräsentation der Tour-de-France- Fahrer auf dem Londoner Trafalgar Square, als Feixen bezeichnet? Ach nein, eher nicht. Denn es war nichts anderes als das, ein Feixen, es war Hohn und Arroganz, die der spanische Mitfavorit auf den Gesamtsieg zum Besten gab, als sich sein Teamchef José-Miguel Echevarri vor der Pressekonferenz des Teams Caisse d’Epargne jegliche Fragen zu Valverdes aktenkundigen Dopingverstrickungen verbat. Die erste Frage, sie zielte auf Doping. „Next question“, sagte Echevarri – und Valverde feixte. Die zweite Frage, sie zielte auf Doping. „Next question“, sagte Echevarri – woraufhin ein Großteil der Journalisten aufstand, den Saal verließ und die Spanier mit ihrer Verlogenheit allein ließ. Was für eine Weltfremdheit, anzunehmen, das Thema Doping ließe sich immer noch so einfach ausklammern. Es ist das beherrschende Thema. Das Tagebuch einer Entfremdung.

Samstag, 30. Juni 2007

Jörg Jaksche outet sich. Es ist noch exakt eine Woche bis zum Beginn der Tour de France. Das Geständnis kommt nicht überraschend, es ist auch nicht das erste, aber es ist das bislang umfangreichste. 16 Stunden hat Jaksche dem „Spiegel“ auf Band gesprochen – da lässt sich genug herausdestillieren, das Hauptfeld der Dopingverdächtigen wächst an. Jaksches Geständnis – es ist eine Fundamentalkritik. Das System ist marode.

Dass der Radsport nicht nur vereinzelt angefixt ist, sondern flächendeckend verseucht, davon musste jeder, der hinschauen wollte, fest überzeugt sein. Nun lernt eine Sportart neue Worte dazu: Von „täglichem Ölwechsel“ spricht Jaksche und meint damit seine Epo-Einnahmen und Blutaustausch-Aktionen. Es ist eine Sprache, mit der er die Fahrer, ob bewusst oder unbewusst, sehr nah an die Boliden der Formel 1 heranrückt: hochgezüchtet, hochgepusht. Und wenn der Motor platzt, so what?

Montag, 2. Juli 2007

Die Reaktionen auf Jaksche bleiben nicht aus. Alles Lüge! Wie gehabt. Die Anti-Doping-Kämpfer haben einen Kronzeugen – und die Szene einen Verräter: Jörg Jaksche. Alexander Winokurow, auch der Favorit auf den Gesamtsieg einer Veranstaltung, die mal als Radrennen rund durch Frankreich gedacht war und nicht als Materialschlacht der Pharmaindustrie, Winokurow also, indirekt von Jaksche angeklagt, weist alle Vorwürfe zurück. Sein Teamchef Marc Biver vom Astana-Rennstall auch. Dass ein paar Tage zuvor sein Fahrer Matthias Kessler wegen Dopingverdachts vom Rad geholt wurde, ficht ihn nicht an. Kessler ist schon der zweite Astana-Fahrer, erwischt es einen dritten, ist Bivers Team gesperrt. Die Fronten verhärten sich, die Doping-Bekenner und die Doping-Leugner stehen sich unverständig gegenüber.

Dienstag, 3. Juli 2007

London bereitet sich langsam auf das Großereignis vor. Weit draußen, in den Docklands kurz vor Greenwich, stehen vor den Hotels schon ein paar Versorgungstrucks. Lampre ist da, Discovery, Caisse d’Epargne, drei der eher übel beleumundeten Teams. Von T-Mobile warten auch schon zwei Wagen auf Fahrer und Betreuer. T-Mobile ist das Team, das nach heutigem Kenntnisstand einst alles getan hat, um mit Doping zu arbeiten und es zu vertuschen. Seit etwa einem Jahr ist es das Team, das, auch nach heutigem Kenntnisstand, alles dafür tut, dass mit diesen Praktiken Schluss ist im Radsport. Das Verhältnis von drei bösen Teams gegen ein gutes auf dem Hotelparkplatz ist nur zufällig, entspricht aber in etwa den Verhältnissen im Fahrerlager.

Mittwoch, 4. Juli 2007

Eule ist schon da. Eule steht in der Früh vor dem Hotel, grau das kurze Haar, sonnengegerbt und verwittert die Gesichtszüge. Ein bisschen müde ist er, immerhin ist er schon 68 Jahre alt, und am Abend war bei der Anreise im Bus an Schlaf auch nicht zu denken. Er hat Jupp mitgebracht, der war mal Bodyguard von Rudolf Scharping und ist nun der Mann für die Team-Sicherheit, eigens eingestellt, aus Angst vor Intrigen und einer möglichen untergeschobenen Doping-Unterstellung. Seit das T-Mobile sich um Aufklärung und Transparenz bemüht, hat es in der Szene rapide an Beliebtheit verloren. Am Abend, bei der Anreise, hat Jupp seine Liegestütze gemacht, „der hat vielleicht gepumpt“, sagt Eule.

Eule, das ist Dieter Ruthenberg, der Masseur, hinter dessen Erwähnung in den vergangenen 16 Jahren stets „der gute Geist“ stand. So lange arbeitet Ruthenberg schon bei der Telekom im „Allerheiligsten“, so wurde der Massageraum immer ehrfürchtig genannt. Und weil er dort arbeitete, kannte Eule jedes Zipperlein der Fahrer, die physischen wie die psychischen. Das war mal eine Ehrenbezeichnung, heute ist so eine vermeintliche Allwissenheit verbunden mit loyaler Verschwiegenheit höchst unehrenwürdig.

Wenn man so will, ist Eule noch ein Mann der Vergangenheit. „Ich war der Physiotherapeut, und in meinem Behandlungszimmer fand kein Doping statt“, sagt Ruthenberg. „Ich wusste doch von nichts“, sagt er auch und schaut dabei sehr weit ins Leere. Aber wenn das so ist, dann, Eule, muss doch eine Welt zusammengebrochen sein, wenn man als derart inniger Vertrauter derart hinters Licht geführt worden ist. „Nein, eine Welt ist nicht zusammengebrochen, aber ich war schon auch enttäuscht“, sagt Ruthenberg. Und, danach noch mal mit Jan Ullrich oder Erik Zabel gesprochen? „Ja, ja“, sagt Eule „der Ete, also der Erik, der hat gesagt, komm Eule, eine Tour machste noch.“

Dieter Ruthenberg fährt noch einmal mit bis nach Paris, knetet die Fahrer durch bis auf ihre Seele, dann will er Schluss machen. Man könnte jetzt auf die Idee kommen, er gehe in den Ruhestand, weil der Radsport so verderbt ist. Aber das sagt Eule nicht. Dann könnte man auf die Idee kommen, dass Schluss sein soll, weil dieses ganze moderne Wahrheitsgetue ihm die Illusion geraubt hat. Aber das sagt Eule auch nicht. Stattdessen leuchten seine Augen, wenn er von den „tollen, jungen, begeisterungsfähigen Leuten“ spricht, die nun fürs Team fahren. Und er sagt etwas gedankenverloren den sehr kryptischen Satz: „Ich sage immer, zehn Tage kann jeder mitfahren, dann aber, dann reicht Begeisterungsfähigkeit alleine auch nicht mehr.“ Und dann kommt man unweigerlich auf den Gedanken, dass sich die Fronten, die sich so unverständig gegenüberstehen, durchaus auch in einer Brust bekämpfen können.

Nach und nach treffen die jungen Leute ein, die Fahrer Linus Gerdemann, Kim Kirchen, Marcus Burghardt, die anderen, alle sehr fröhlich, ein bisschen überdreht, zur Begrüßung klopfen sie Eule auf die Schulter.

Donnerstag, 5. Juli 2007, 9 Uhr

Das Wetter hat sich beruhigt. Der Regen kommt nur noch in Schauern runter, und der bös-kalte Wind, der tags zuvor noch von der Themse her durch die Häuserschluchten der Docklands pfiff und den fröhlichen, jungen Leuten die Begeisterungsfähigkeit dämpfte, ist auch sanfter geworden. Bei Tisch der T-Mobile-Fahrer geht es trotzdem still zu, nicht entspannt, eher gedämpft. Ob es an den Meldungen liegt, die von der Doping-Front zu hören sind? Andreas Klöden, der frühere Kollege, der jetzt für das höchst dubiose Astana-Team fährt, hat ein Interview gegeben und gegen all „den Scheiß und die durchgeknallten Jaksches“ gepöbelt. Alessandro Petacchi haben sie mit viel zu viel Asthma-Mittel im Körper erwischt, und was ist eigentlich mit der eigenen Unbeliebtheit in der Szene?

Lustig ist das nicht, wenn man im Peleton gemobbt wird, Fahrer der Tour-de- France-Klasse haben auch bei höchster Geschwindigkeit ihre Mittel, da mal ein Rempler, dort kann man mal eingeklemmt werden, ein Stupser ans Hinterrad kann verheerende Folgen haben. „Ich hoffe und glaube, dass unsere Fahrer mental alle stark genug sind, dann zu sagen ‚Piss off’ und denen den Finger zu zeigen“, sagt Brian Holm, einer der Sportlichen Leiter. Aber Linus Gerdemann, mit seinen 24 Jahren die Hoffnung für eine bessere Zukunft, sagt auch, dass er regelrecht schockiert war, als er alle Details las, von denen Jaksche berichtet hatte, natürlich habe man spekuliert, aber das habe doch alle Befürchtungen übertroffen. Wahrscheinlich ist es die Unsicherheit, die das Frühstück so freudlos erscheinen lässt. Und die Ungewissheit, was beim Kampf der Guten gegen die Bösen rauskommt.

Donnerstag, 5. Juli 2007, 13 Uhr

Die Guten sagen, dass sie nichts mehr zu verbergen haben und handeln auch so. Das Fahrerhotel ist trotz Jupp, dem Sicherheitsmann, frei zugänglich, Gespräche sind nicht nur geduldet, sondern erwünscht, die Begleitung bei einer Trainingsfahrt ist auch kein Problem. Der Bus fährt die Fahrer aus London raus, nach Kent, in den Garten Englands. Im Begleitfahrzeug schlummert im Fond Pedro, der Mechaniker, und Brian Holm am Steuer scherzt per Funk wechselnd auf Dänisch, Flämisch, Deutsch und Englisch mit dem Busfahrer. Beim Umsteigen aufs Rad und vor dem etwa 100 Kilometer langen Trainingsritt ist die Anspannung des Vormittags gewichen, fast fröhlich, flachsend geht es zu.

Allein das ist schon ein Fortschritt, verglichen mit dem alten Team um den Star Ullrich und den Zweitstar Zabel, in dem eine – zumindest nach außen – Atmosphäre herrschte aus Misstrauen, Verschwiegenheit und langen Gesichtern. „Der überwiegende Teil unserer Fahrer ist jung“, sagt Brian Holm, „die sind unbelastet, und ein bisschen Stolz, so etwas wie Pionier des neuen Radsports zu sein, dürfte auch mitspielen.“ Kim Kirchen, der Luxemburger im Team, sagt: „Wir sind ja nicht allein, wir werden mehr.“

Am Abend kommt es im Pressezentrum zum Eklat. Das Team Gerolsteiner, T-Mobile und die französischen Mannschaften verlassen eine Sitzung der Vereinigung der Radprofiteams vorzeitig, die Gegensätze mit den anderen über die Inhalte des selbst auferlegten Ethikcodes waren wohl zu groß. Im Oberdeck eines hier zu Dekorationszwecken herumstehenden Londoner Busses treffen sich die Abtrünnigen zur Gründungsversammlung einer eigenen Arbeitsgemeinschaft. Das wirkt schon auch alles ein wenig inszeniert, so eine gläserne Sektiererversammlung, aber trotzdem, die Spaltung des Profiradsports ist vollzogen, die Fronten stehen sich nicht mehr unverständig gegenüber, sondern unversöhnlich.

Freitag, 6. Juli 2007

Im Restaurant „Fivteen“ bei Kochstar Jamie Oliver stellt sich das Team T-Mobile Sponsoren und der geladenen Öffentlichkeit vor. Der Maitre selbst ist nicht anwesend, das Buffet trotzdem außergewöhnlich und ausgezeichnet, die Jungs auf dem Podium sind etwas linkisch, schüchtern, verlegen. Kurz kommt die Sprache auf Guiseppe Guerini, der kurzfristig wegen Magenproblemen aus dem Team genommen wurde. Magenprobleme?

Man zuckt bei solchen Angaben schon ein wenig, weil hinter solchen Angaben im Sport in den meisten Fällen die Wahrheit steht, dass der Athlet es nicht mehr geschafft hat, rechtzeitig zum Wettkampf alle nachweisbaren Mittelchen aus dem Körper zu spülen. Später sinniert Rolf Aldag, der Teamchef und geständige Sünder, über die möglichen Probleme der nahen Zukunft. „Der Verdacht fährt weiter mit“, sagt er, „es ist möglich, auch mal eine schwere Etappe zu gewinnen, zwei hintereinander, beim Ist-Zustand der Branche, mhmm, dann kommen Zweifel.“ Und andererseits, was wenn die sauberen Fahrer alles geben und doch besiegt werden? „Dann war ein anderer vielleicht besser. Aber wenn es allzu offensichtlich ist, dass er nicht sauber war, dann haben wir ein Problem, die Moral hochzuhalten und gegen die Resignation anzukämpfen.“ Ein, zwei Jahre gibt Aldag dem Ist-Zustand, „wenn sich dann nichts geändert hat, mache ich Schluss.“

Samstag, 7. Juli, 2007

Um 15 Uhr wurde der Prolog gestartet. 189 Fahrer begeben sich auf die 3500 Kilometer lange Tourstrecke. Beim Start auf Whitehall, im Hyde Park, am Buckingham Palace stehen nur jubelnde Menschen. Was soll sich ändern?

Auch Samstagfrüh, im Fahrerlager und im Pressezentrum, wurde immer noch darüber geredet, dass vor Tagen schon fünf Fahrer mit verdächtigen Blutwerten auffällig geworden sind. Kurz vorm Start wurde das vom Weltverband UCI erneut bestätigt. Diese Fahrer – es seien prominente, herausragende Fahrer und keine „Wasserträger“ – würden in den nächsten Wochen sehr aufmerksam beobachtet. Bei „bwin“, dem Internet-Wettanbieter, kann man übrigens darauf setzen, wie viele Fahrer vorab das Feld verlassen müssen und Paris auf dieser Reise nicht zu Gesicht bekommen.

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