Zeitung Heute : Radtour: Bei den schönsten Frauen Frankreichs

Katja Hassenkamp

Kräftig treten wir in die Pedale, denn die D 78"b in Richtung St. Michel-de-Frigolet führt steil hinauf zur Montagnette, einem "Berglein", das es durchaus in sich hat. Es gießt in Strömen, der Regen lässt Sturzbäche über die Straße rauschen und in den wasserdichten Jacken kommen wir ins Schwitzen - so hatten wir uns eine Provencefahrt eigentlich nicht vorgestellt. Doch die Regengüsse im Süden sind zwar heftig, aber nur kurz. Nach überstandener Bergfahrt reißt der Himmel auch schon wieder auf. Die Sonne lässt die Tropfen auf den Ölbäumen silbern glänzen und gibt den intensiven Duft von Thymian und Rosmarin frei. Wir halten an, packen das triefende Regenzeug weg und holen die Sonnenbrillen hervor.

Zum Eingewöhnen ist die erste Etappe unserer achttägigen Tour nur 22 Kilometer lang und führt von Barbentane nach Tarascon. Am Abend zuvor hatten wir im Castel Mouisson die Fahrräder und das Routenbuch entgegen genommen, hatten Sattel und Lenker eingestellt und waren zu einer kurzen Probefahrt losgeradelt. Heute Morgen wurde dann das Picknick in den Satteltaschen verstaut, wir haben feste Schuhe und Regenjacken ausgepackt und sind zu unserer "Tour de Provence" aufgebrochen. Jetzt führt die kleine Straße durch lichten Pinienwald. Wir lassen die Zuckerbäckertürme der Abtei von Frigolet links liegen, radeln an Boulbon und seiner Burgruine vorbei, und machen im Schatten der Obstbäume Rast. Bettina murmelt etwas von Leben wie Gott in Frankreich, während sie frischen Ziegenkäse mit einem kräftigen Schluck Côte du Rhône runterspült. St. Pierre de Mezoargues und Vallabregues sind Provencenester wie aus dem Bilderbuch, und dann kommen wir über den Rhônedeich nach Tarascon.

Das trutzige Schloss der Grafen der Provence erhebt sich mächtig über dem Strom. Der "Musenkönig" René hat hier Mitte des 15. Jahrhunderts residiert und seine Bleibe elegant ausstatten lassen: ein heiterer Innenhof mit schlankem Treppenturm an dem üppig Geranien ranken, ein Festsaal mit bemalter Decke und von der Terrasse der weite Blick hinüber zum Schloss von Beaucaire. Das Städtchen selbst liegt verschlafen in der Nachmittagssonne mit schönen Portalen und verwitterten Kreuzfenstern, mit Arkaden und kleinen Erkern. Wer nicht zu spät ankommt, kann bei Souleïado reinschauen, wo im Museum provenzalische Kostüme zu sehen sind, während es in der Boutique die Stoffe zu kaufen gibt, die nach alten Mustern bedruckt werden.

Am nächsten Morgen schmerzt der Allerwerteste beim Aufsteigen ein wenig, aber dafür lacht die Sonne. Auch wenn vierzig Kilometer bewältigt werden müssen, sind wir guter Dinge, denn im Fahrtenbuch sind nur zwei kleine Steigungen eingezeichnet. Als tükisch entpuppt sich hingegen die Kreuzung, die durch eine Platane gekennzeichnet sein soll und die wir offensichtlich verpasst haben. Dennoch gelangen wir auf Umwegen nach Maillane, wo der Dichter Mistral gelebt hat, der mit seinen Félibres versuchte, der provenzalischen Sprache zu einer Renaissance zu verhelfen. Gen Süden schießen wir dann erneut über eine Abzweigung hinaus, aber vorrausschauend wird im Routenbuch darauf hingewiesen, dass wir den Alpillen-Kanal nicht überqueren sollen. Also kehrt Marsch, und weiter in Richtung St. Etienne du Grès. Am Wegesrand liegen alte Bauernhöfe - Mas de Beuil, Mas Blanc, Mas Gaffet - knorrige Olivenbäume heben sich von den Felsen der Alpilles ab und Zypressen stehen als Windschutz Spalier. Ausladende Schirmpinien säumen den Weg zur Mühle von Daudet. Natürlich hat der Dichter hier nie gelebt, sondern den Komfort im benachbarten Schloss Montauban vorgezogen und die "Briefe aus meiner Mühle" hat er sogar in Paris geschrieben. Dennoch pilgern alljährlich ganze Heerscharen nach Fontvieille, von wo der Blick vom Rhônetal bis zu den Alpillen und zur Abtei von Montmajour reicht. Die Steigung zum Kloster ist beachtlich. Die Oberschenkel schmerzen und auch das Sitzfleisch tut weh, daher lassen wir die Besichtigung aus und genießen die Fahrt hinunter nach Arles. Auf der Avenue Stalingrad macht uns starker Verkehr zu schaffen, aber nach dem Kreisverkehr sind es nur noch wenige Minuten bis zum Hôtel de la Muette. Dankbar stellen wir die Räder ein und verwöhnen unsere schmerzenden Muskeln mit einem heißen Bad.

Für das "französische Rom" sollte man unbedingt die Möglichkeit nutzen, einen Zusatztag einzulegen, denn die Stadt ist überreich an Sehenswertem: Das Amphitheater, von dem der Blick über die Dächer der Stadt bis zur Rhône reicht, und die Reste des antiken Theaters, wo im Sommer Konzerte und Opern zu hören sind; die mittelalterliche Kirche St. Trophime mit dem reich verzierten Westportal und dem harmonischen Kreuzgang sowie die Gräberallee Alycamps, wo schon die reichen Römer ihre Toten begruben. Aber auch die Museen. Das Antiken-Museum vor den Toren der Stadt birgt alle Schätze, die vom römischen Arelate gefunden wurden: Plastiken und Amphoren, Altare, Schmuck und antike Haushaltsgegenstände, ein großes Mosaik aus einer benachbarten antiken Villa und vor allem eine Fülle reich geschmückter Sarkophage - der Eheleute, der Phädra und des Hippolyt, mit dem Medusenkopf ... Das Museon Arlatan geht auf Frédéric Mistral zurück und lässt die provenzalischen Traditionen durch Möbel, Stoffe und Gemälde wieder aufleben; und sogar die Museumswächterinnen tragen das schwingende Kostüm der Arlesienne mit buntem Rock, einfarbigem Oberteil und fein gearbeitetem Spitzenfichu. Van Gogh hielt die Frauen von Arles für die schönsten Frankreichs und dennoch hat die Stadt ihren berühmten Gast fast ein Jahrhundert lang nicht zu würdigen gewusst. Heute versucht eine Van Gogh-Stiftung sein Erbe hoch zu halten, obwohl im Stadtbild nur wenig an den Künstler erinnert. Dabei sind einige der berühmtesten Bilder in seiner kurzen Zeit in Arles entstanden: "Das gelbe Haus", "Die Alycamps", "Die Arlesienne", "Das Café am Abend" ..., das heute wieder zum nächtlichen Farniente an der Place du Forum lädt.

Anderntags suchen wir die südliche Rhônebrücke, die Jahrhunderte lang kürzeste Verbindung zwischen Spanien und Rom war, und radeln gen Süden. Die Sonne verwöhnt uns und nach dem Besichtigungstag ist auch der Muskelkater verflogen. Die Landschaft verändert sich, wir kommen in die Camargue: Schilfrohr säumt den Straßenrand, lautes Vogelgezwitscher klingt von wässrigen Reisfeldern herüber und rechter Hand geht ein Reiher hoch. Schmale Kanäle durchschneiden weitläufige Felder auf denen Riedgras in dicken Büscheln wächst. Luftige Tamariskenbüsche lassen ihre rosafarbenen Rispen im Wind spielen und hie und da entdecken wir einen Bauernhof aus mattgelbem Stein. Bei Méjannes hört die Straße auf und laut Fahrtenbuch geht es jetzt dreizehn Kilometer lang "über einen breiten, steinigen Weg durch Sumpflandschaft". Plötzlich entdecken wir die legendären Stiere: tiefschwarz ziehen sie langsam dahin, nehmen kaum Notiz von den Eindringlingen und drehen nur ab und zu den Kopf, wohl um uns ihre schön geformten Hörner besser zu zeigen. Die Camargue gilt als eine der letzten "wilden" Landschaften Europas und ist durch den anhaltenden Austausch von Salzwasser aus dem Mittelmeer mit Süßwasser aus dem Rhônedelta entstanden. Und auch wenn die rund 75 000 Hektar große Sumpflandschaft heute gefährdet ist, hat sie sich doch ihr ganz besonderes Ambiente bewahrt: Blasses Grün und Blaugrau charakterisieren die Vegetation, in die schwarzen Stiere und weißen Pferde Akzente setzen. Am einsamen Seeufer liegt ein alter Holzkahn und durchs seichte Wasser staksen Flamingos. Werden sie aufgeschreckt, hebt lautes Geflatter an, und sie ziehen in rosafarbenem Flügelschlag davon.

Allmählich verwandelt sich unsere Fahrt in eine Schlittertour, denn die Gewitter der Vortage haben dem Pfad arg zugesetzt. Aus tiefen Pfützen spritzt Wasser auf Beine und Satteltaschen und dann setzt sich Schlamm zwischen Schutzblech und Hinterreifen. Die Bremse funktioniert nur noch vorn, und auch das Treten wird immer mühsamer. Vergessen die idyllische Landschaft. Wir kämpfen mit dem Matsch und schließlich besiegeln tiefe Spurrinnen Bettinas Schicksal, die schwungvoll im schlammigen Wasserloch landet. Die Deichetappe hat es in sich.

Les Saintes-Maries-de-la-Mer ist Maria Jakobäa, Maria Salome und Sara, der Schutzheiligen der Zigeuner, geweiht, die der Legende nach hier mit einem Schiff aus Palästina gelandet sein sollen. Zwei Mal im Jahr ist das Städtchen am Meer daher Treff für Europas Zigeuner, die ihre Heiligen in feierlicher Prozession von der alten Wehrkirche bis ans Wasser tragen. Sonst ist der Ort beliebte Touristenhochburg, von derem Rummel wir im abgelegenen Mas de Lys allerdings wenig merken. Unser Zimmer hat eine eigene Terrasse inmitten von blühenden Oleanderbüschen und ein hoteleigener Pool lockt zum kühlen Bad.

Am nächsten Tag brennt die Sonne heiß, weshalb Hut und Lotion angesagt sind, denn an der Deichstrecke steht kein schattenspendender Baum. Hingegen führt der sandige Pfad zwischen Tamariskenbüschen aller Schattierungen von Rot bis Hellrosa hindurch, ein kleiner Kanal ist üppig mit gelber Wasseriris gesäumt und schwarze Stiere grasen gemächlich unter Aufsicht eines berittenen "Gardian". Immer wieder müssen wir die Räder über tiefe Sandstücke schieben, denn auch die Digue de la mer ist von den Gewitterregen aufgeweicht. Sie führt mitten durch den Naturschutzpark. Seeschwalben jagen in elegantem Flug über den Deich, Flamingos stehen schlafend auf einem Bein, Säbelschnäbler durchsuchen geschäftig das seichte Wasser, und dann segelt mit breitem Flügelschlag ein Graureiher vorbei.

Der Sanddeich ist inzwischen zum steinigen Pfad geworden, der Reifen und Hinterteilen stark zusetzt, zumal auch noch kräftiger Wind von schräg vorne das Vorankommen erschwert. Beim Leuchtturm von Gacherolle gibt es dann verdiente Rast, ehe es über eine endlos scheinende Schotterroute bis zum Parkplatz von Fangassier geht. Hier treffen wir wieder auf die Zivilisation und damit auf eine geteerte Straße, die sich durch die Weidelandschaft schlängelt. Pferde, Stiere und Flamingos wie aus einem Camargue-Bilderbuch säumen die Route und dennoch ziehen sich die 49 Etappenkilometer elendig hin! Endlich nähern wir uns dem Tagesziel Sambuc und damit einem lang ersehnten Glas kühlen Rosé.

Die Entfernungen der täglichen Routen werden größer und so gilt es am vorletzten Tag stolze 58 Kilometer zu bewältigen. Wir machen uns früh auf und radeln bei steifem Wind los. Wie stark der Mistral bläst, wird uns allerdings erst bewusst, als wir beim Mas de Fiélouse rechts abbiegen und damit der ganzen Wucht des Nordwindes ausgesetzt sind. Er putzt zwar den Provencehimmel regelmäßig von Wolken rein, macht aber Radlern ganz übel zu schaffen. Wir lassen daher das Camargue-Museum von Capillière aus und strampeln mühsam gen Norden: Pont Noir, Villeneuve, Gageron. Dankbar machen wir auf der windgeschützten Terrasse des "Grand Mar" Pause, genehmigen uns einen trockenen Weißen und kosten eine Friture aus klitzekleinen knusprigen Fischen. Gestärkt nehmen wir unsere Fahrt gegen den Wind wieder auf und steuern Arles an, wo wir beschließen, uns für die steilen Alpilles und die bleibenden Kilometer bis Saint-Remy-de-Provence ein Taxi zu leisten. Gesagt, getan, und so bleibt sogar noch Zeit zur Besichtigung der Felsenburg von Les Baux. Der letzte Tag klingt mit dem Besuch der römischen Ausgrabungen bei Glanum und einem Gang durch St. Remy aus, ehe wir die letzten 20 Kilometer - ein wahrer Katzensprung - zurück bis Barbentane meistern.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben