Zeitung Heute : Radtour: Den Duft von Seegras in der Nase

Klaus Sieg

"Die große Hafenrundfahrt sticht in fünf Minuten in See!" Verschmitzt grinst der Kapitän in unsere Richtung, eine Zigarette im Mundwinkel. Hinter ihm stampfen Schlepper und Schuten durch die Elbe, und über die große Hängebrücke über den Köhlbrand schlängelt sich ein Auto-Konvoi. Doch für uns sind die Hamburger Landungsbrücken Start für eine ganz andere Fahrt: Mit dem Rad soll es bis ins nordfriesische Klanxbüll gehen. Die Strecke von 350 Kilometern ist Teil des ersten europäischen Fernwanderweges für Radfahrer, der North Sea Cycle Route.

Der mit 6000 Kilometern längste ausgeschilderte Radweg der Welt geht durch sieben europäische Länder. Dänemark, Schweden, Norwegen, Schottland, England, die Niederlande und Deutschland, sie alle liegen an der Nordsee. Folglich führt ein Großteil der Strecke direkt am Meer oder in seiner Nähe entlang, über Hügel, Deiche und Tiefebenen, entlang an Bauernhöfen, Stränden, Häfen und Dörfer. Der nördliche Abschnitt in Deutschland führt von Hamburg bis an die dänische Grenze.

Und da Hamburg bekanntlich mit der Nordsee durch die Elbe verbunden ist, wird zunächst bis Brunsbüttel immer am Strom entlang geradelt. Mit den historischen Schiffen "Rickmer Rickmers" und "Cap San Diego", der Speicherstadt und - glücklicherweise - dem Wind im Rücken, beginnt die Fahrt auf einem von Bäumen gesäumten, breiten Boulevard. Vorbei an den bunten, ehemals besetzten Häusern der Hafenstraße, mit Blick auf Dock 10 der Werft Blohm und Voss und große Hafenkräne. Es riecht nach Hopfen aus der Bavaria St. Pauli Brauerei und die U-Bahn kreischt in den Schienen. Dazwischen ist das Hupen der kleinen Barkassen zu vernehmen, die Pendler und Ausflügler über die Elbe bringen.

Fahrradfahren bedeutet Reisen mit allen Sinnen. Und die werden auf den ersten Kilometern der Tour vor allem mit allerlei Urbanem torpediert. Schlagartig anders wird das in Övelgönne, der idyllischen Puppenstube der Hamburger. Schmucke Häuschen, mit geschmiedeten Geländern, alten Gaslaternen und Sprossenfenstern. An den Mauern wuchert Efeu, und die Vorgärten mit Zugang zum Strand sind geschmückt mit maritimen Utensilien: Anker, Bojen oder Rettungsringe. Der Weg ist zu Beginn zu eng, dass wir kaum nebeneinander fahren können. Gleich, als wir das Viertel hinter uns gelassen haben, wird er breiter. Zum ersten Mal freie Fahrt! Fast scheinen wir vorbeizufliegen, an dem Sandstrand mit den großen Trauerweiden, an Containerriesen und Fischerbooten, die auf der Elbe dümpeln, und an dem pittoresken Treppenviertel Blankenese. Hinter Wedel, der Kleinstadt vor den Toren Hamburgs, beginnt der Elbdeich. Wir können ihn riechen, besser gesagt die zahlreichen Schafe, die auf ihm weiden. Auf wackeligen Beinen staksen die neuen Lämmer zwischen den blökenden Alten umher. Mehrmals müssen wir Schafen ausweichen, die auf dem Weg stehen und uns anstarren.

Aus dem Reet am Ufer des breiten Elbstroms steigt schwerfällig ein Fischreiher auf. Aufgeschreckt durch den lauten Knall, mit dem das Deichtor zufällt, durch das wir die Fahrräder schieben. Langsam kommt die Sonne zwischen den dunklen Wolken hervor und weckt die Farben in der Landschaft. Aus grau wird gelb, braun und grün in vielen Schattierungen. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten säumen diesen Abschnitt der Strecke, das historische Glückstadt oder St. Margarethen, mit seiner alten Backsteinkirche. Vor dessen Supermarkt stehen zwei alte Frauen mit Kopftüchern und roten Wangen. Sie klönen über die Gesundheit und das Wetter.Andere arbeiten in ihren Vorgärten, takeln ihre Segelboote auf, gehen spazieren oder sitzen einfach nur auf einer Bank in der Sonne.

Vorbei an stählernen Kolossen

Die kurze Fahrt mit der Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal bei Brunsbüttel reicht, um vom Schiffspersonal allerlei Interessantes über den Kanal und seine riesige Schleusentore zu erfahren, Kolosse aus Nieten und Stahl, an denen wir dicht vorbeifahren. Ein Containerschiff wird gerade auf das Level des Kanals geschleust.

Hier kreuzen sich Verkehrswege, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Der Boden der Fähre vibriert unter unseren Füßen, als wir das andere Ufer erreichen. Über St. Michaelisdon und Meldorf geht es nun endlich an die Nordsee. Kurz vor dem Hafen von Meldorf führt ein holperiger Asphaltweg durch das Naturschutzgebiet Speicherkoog, am Zusammenfluss von Nordsee und Miele. Hinten am Horizont ragen ungezählte Windkraftanlagen auf - wie ein seltsamer, silberweißer Wald wirkt das. Davor kleine Binnenseen, Wiesen, Matsch und Sand - optimales Terrain für den Austernfischer, der gerade auf dem Weg von der südeuropäischen Atlantikküste nach Norwegen seine Energiereserven auftankt. Sein "pliep, pliep, pliep" erfüllt die Luft.

Die zehn Kilometer Radweg mit Blick über das weite Meer nach Büsum sind lang genug, um in eine Art Meditation zu versinken. In Streifen zieht die Landschaft vorbei: Hellblau der Himmel, grün der Deich, schwarz der Asphalt und blaugrau das Meer. Die Sonne erwärmt das Watt und es riecht moderig, nach Seegras und Schwefel. Muschelsplitter glitzern auf dem Schlick. Bei St. Peter Ording bekommen wir den Wind zum ersten Mal von vorn zu spüren. Er treibt Sandstrudel über den breiten Strand. Die Möwen segeln auf der steifen Brise, steigen auf, um gleich wieder nieder zu schießen.

Neidvoll blicken wir auch auf die Fahrer der Drachenbuggys, die über den festen Sand sausen. Wir dagegen stellen uns in die Pedale, krümmen die Oberkörper zusammen und versuchen dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Dafür pumpt er frische und salzige Luft in unsere Lungen. Schutz erhalten wir kurz darauf vom Deich nach Westerhever. Wir radeln an Salzwiesen vorbei, auf denen riesige Schwärme von Graugänsen landen und abheben, eindrucksvolle Geschwaderübungen. Das Weideland dahinter ist durchzogen von Entwässerungskanälen, die ihm das Profil eines vergrößerten Wellblechs geben. Dazwischen thronen die mächtigen alten Dithmarscher Bauernhöfe auf ihren Warften.

Als wir den berühmten Leuchtturm von Westerhever passieren, ziehen von Westen dicke schwarze Wolken auf. Es gibt kein Wetter, das wir auf dieser Tour nicht erlebt hätten. Noch aber sind die Halligen zu erkennen, die uns am Horizont begleiten. Dann kommen die nordfriesischen Inseln, die auch einen Ausflug mit dem Rad wert sind, vor allem Amrum mit seinen breiten Wegen zwischen Dünen und Heidefeldern. Doch wir laden in Klanxbüll erschöpft aber glücklich unsere Fahrräder in die Bahn. Ein Entschluss steht fest. Das war bestimmt nicht unsere letzte Tour auf der North Sea Cycle Route.

Informationen über die North Sea Cycle Route im Internet unter www.northsea-cycle.com Über den deutschen Teil des Nordseeküsten Radweges informieren Tourenbücher und Karten der bikeline-Reihe vom Verlag Estebauer.

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