Zeitung Heute : Räume wie Romane
07.05.2006 00:00 UhrDie Fotos, die gerade noch auf dem Konferenztisch lagen, sind ganz schnell verschwunden.
Ein paar flüchtige Sekunden sah dort etwas aus wie eine sehr blaue Lagune, aufgenommen aus der Luft. Ja, ist das jetzt etwa für Brad Pitt? Kein Kommentar. Genau das haben sie befürchtet. Dass da schon wieder einer kommt und über Brad Pitt reden will „Er isst gerne Döner“, sagen sie dann lapidar und hoffen, dass es jetzt vorbei ist mit dem Thema. Die Architekten Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit, alias „Graft“, sind ein bisschen allergisch geworden, wenn man ihren Besuch aus Hollywood anspricht. Dabei ist der Mann ihr bekanntester Kunde und außerdem ihr Freund.
Aber als Brad Pitt im Februar und März zweimal hintereinander für mehrere Tage nach Berlin kam, und die Gerüchteblätter irgendwann begriffen, dass Pitt seine Architekten besuchte, ist ein Feuerwerk losgebrochen. Die Tatsache, dass er mit einer Papierrolle den DDR-Plattenbau in der Borsigstraße in Mitte betrat, hat sie dermaßen heiß gemacht, dass sie ihre langen Objektive in die Fenster des Architektur-Büros richteten und abdrückten. Sie erwischten ein paar unschuldige Handzeichnungen, die nichts dafür konnten und entfernt an die Oper von Sydney erinnerten. Es hätte alles sein können. Doch für jene Zeitungen war klar: So sollte Brad Pitts neues Haus aussehen.
Die Skizzen hängen noch immer im Konferenzraum. Sie könnten genauso gut jenen Hotelkomplex im kalifornischen Palm Springs darstellen, den „Graft“ und Pitt gemeinsam planen sollen. Die Architekten haben die Skizzen nicht abgehängt und sie haben auch keine Jalousien vor ihre Fenster montiert. „Wir wollen uns nicht verstecken“, sagen sie. Sie tun ihr Bestes, jetzt nicht paranoid zu werden. Und sie reden einfach nicht mehr über ihn. Es ärgert sie trotzdem, dass sie immer auf ihre Beziehung zu einem Schauspieler reduziert werden. Seitdem sie vor fünf Jahren Brad Pitt dabei halfen, sein Gästehaus umzubauen, werden sie nur noch in Steigerungsformen von „hip“ und „trendy“ beschrieben. Alle wollen wissen, wie Hipsein geht. Besser noch: Wie Hipwerden geht. Doch den Erfolg, sagt Wolfram Putz, dürfe man nie vom Erfolg her denken, und Größe nicht von Größe. „Wenn man die Größe zuerst denkt, dann bleibt man garantiert immer klein.“
Lars und Thomas und Wolfram haben zuerst an Spaß gedacht. Sie haben „pursuit of happiness“ in ihre Gründungsstatuten aufgenommen, als so eine Art Gemütsverfassung, und in diesem Punkt sind sie ganz schön weit gekommen. Die Legende geht so: Ende der 80er Jahre besuchten die drei ihre erste Architektur-Vorlesung in Braunschweig. „Genießen Sie das Studium“, rief der Professor in den Saal voller Erstsemester, „nachher werden Sie ohnehin arbeitslos sein.“ Wolfram trug Batikhosen, die auf die beiden anderen nicht Vertrauen erweckend wirkten. Wolfram wiederum dachte, Lars sei ein Popper mit seinen Seidenschals und Jacketts, und Lars fand, Thomas sehe mit diesen langen Haaren aus wie ein persischer Königssohn. Sie verbrachten Wochen im Zeichensaal, sie gründeten einen Chor, sie gaben Seminare und fuhren nach Italien, und irgendwann haben sie gemerkt, dass ihr unterschiedliches Aussehen nur die Variation einer ähnlichen Grundhaltung war: Alle Ideen mussten erlaubt sein.
Je mehr erlaubt war, desto mehr Spaß machte es, und der Spaß steigerte sich noch, wenn sie alles das, was an ihnen so verschieden war, unter Beigabe variabler Anteile von Adrenalin, Humor und Größenwahn miteinander reagieren ließen. Manchmal kam Musik dabei heraus, manchmal aber auch ein Entwurf. Es war ein Amalgam des Zufalls mit überraschend guten Materialeigenschaften.
1998 haben sie in Los Angeles ihr erstes Büro gegründet und dort zunächst „von den positiven Vorurteilen profitiert, die Amerikaner gegenüber europäischem Design haben“. Sie waren interessant. Sie nannten sich „Graft“, „graft“ wie „pfropfen“: so, wie man verschiedene Weinstöcke aufeinander pfropft, damit sie zusammen die stärkere Pflanze bilden. Der Begriff, der zugleich ihre Arbeitsmethode beschreiben sollte, klang auch gleich viel lässiger, als das zum Beispiel „Krückeberg, Putz und Willemeit“ je tun würde. Eine Bekannte vermittelte ihnen kleine Jobs, und einer davon war auf einer Baustelle in Kalifornien, Malibu, wo Brad Pitt gerade sein Gästehaus umbaute. Dort ergab sich irgendwann ein Gespräch, an dem alle Seiten große Freude hatten. Brad Pitt, der als Architekturfan gilt und mit dem Großarchitekten Frank Gehry befreundet sein soll, hatte ein Gespür für Raum und Licht und irgendwie sprachen sie dieselbe Sprache. Von dieser Freude wollten sie mehr. Geld war nicht das Problem.
Wohin das führt? Heute kann Brad Pitt in seinem Zuhause Tisch und Stuhl in die funktionale Wand einklappen, und sein Klo ist aus Metall.
Auf diese Weise hatten die drei von „Graft“, als sie 2001 ihr Büro in Berlin eröffneten, schon ein Haus, einen Kunden und eine Methode. Ihr Beitrag zur Architektur enthält unter anderem: Das schnittige Hotel „Q“ am Ku’damm, ein ausgreifendes Penthouse in Berlin, eine schmerzfrei entworfene Zahnarztpraxis, und Restaurants und Apartments in Las Vegas, bei deren Benutzung man sich auf der Gewinnerseite des Lebens wähnen kann.
Von oben leuchten jetzt in Berlin die alten Stehlampen, die sie umgedreht an die Decke geschraubt haben, und nehmen alles hin. In den zwei Zimmern hinter dem Konferenzraum, der eigentlich bloß ein Durchgang ist, sind die Mitarbeiter vor den Aktenregalen an ihre Tische genietet und arbeiten schweigend. Hinten auf dem Balkon steht ein eingestaubter Grill und wartet auf Glut.
„Wie wird Intuition wach gekitzelt, ernährt, massiert, provoziert und gelockt?“, fragt Lars. Das interessiert sie. So reden sie immer, es ist ihre Art, sich einer Sache anzunähern. Sie feuern Synonyme in großer Geschwindigkeit in die Runde und warten auf Reaktionen. Sie hören auf den Klang der Worte und schaukeln sich hoch. Das Tischfeuerwerk ist gezündet. Die Maschine läuft. In diesem Zustand hören sie keine Einwürfe Fremder mehr. Am Ende solcher Sitzungen wölbt sich bei einem Haus die Wand heraus und wird zur Sitzbank, nur um dann – war ja nur ein Scherz – wieder in ihre Rolle als Wand zurückzufallen. „Wir sind interessiert an der Kinnladen-Architektur“, sagt Lars. Welcher Laden jetzt? „Naja, steht einer vorm Haus, und seine Kinnlade klappt runter.“
Die drei haben von Anfang an geübt, Ideen zu transponieren. Sie haben sich überlegt, wie sähe Musik als Gebäude aus? Wenn unser Haus ein Roman ist, was ist die Geschichte? Oder ist es nicht vielmehr eine Theaterkulisse, die sich den Szenen des Lebens anpassen muss? Ein Bau sei ja nicht nur Teil eines historischen Diskurses, sagt Thomas, der stehe auch für sich selbst: „Da gibt es Gags, Tricks, da wird gelogen, eine Geschichte erzählt, eine Behauptung aufgestellt.“ Für jede Szene müsse baulich etwas vorgesehen sein. „Wie ist das, wenn ich morgens im Bad stehe und einen Kater habe? Reiße ich dann die ziselierten Türklinken ab?“
Sie haben die Metaphern-Methode entdeckt, um auf etwas Neues zu stoßen. Sie haben festgestellt, je länger man das verdammte Ding in der Luft hält und untereinander hin und her spielt, desto überraschender wird das Ergebnis. Und immer schön geschmeidig bleiben! „Wir schreiben mit jedem neuen Projekt einen Roman“, sagt Wolfram, „der darf sich nicht wiederholen.“
Sie sind also Romanautoren, DJs, Kulissenbauer und Dirigenten. Nichts davon passt ganz, aber alles zusammen ist wahr. Wer sagt denn, dass Kunst Kreation ist? Kunst ist Kombination! Das tun heute die besten ihrer Art: Da ist der DJ, der vorhandene Stücke mischt, da sind die Köche, die unter dem Namen „Fusion“ die Kontinente kombinieren, und die Modemacher riefen erst „Crossover“, dann „Vintage“ und „Boho-Chic“. Warum noch etwas erfinden, wenn man auch etwas neu kombinieren kann?
Wolfram rührt jetzt mit einem Stabilo-Stift in seinem Kaffee herum. Lars sagt, dass sie neben der Metaphern-Methode auch die Klassiker studieren. Nicht in ihrer Qualität als Klassiker, sondern in ihrer Eigenschaft als Umstürzler. „Wo ist der Punk der Renaissance? Wo waren die Leute zu ihrer Zeit radikal?“ Schinkel, vermutet Lars, würde sich schütteln, wenn er wüsste, welche Leute heute auf ihn schwören. Nämlich genau die Sorte Mensch, die mal einen ordentlichen Schock ihrer Gewohnheiten verträgt.
Weiterhin gehe es nämlich darum, systematisch Sehgewohnheiten zu zerstören. Auch bei sich selbst. In Los Angeles sind sie einmal nach Long Beach raus gefahren und dann zu Fuß wieder in die Stadt zurückgelaufen. Es war nicht lustig, schließlich waren sie die einzigen Fußgänger dort und Amerikaner halten Fußgänger für irre. Hinterher haben sie es den „Walk of Pain“ genannt. Aber sie haben so viele komische Ecken gesehen, an denen die Stadt ein paar Ideen vertragen hätte, dass sie so etwas immer wieder machen wollen. In letzter Zeit haben sie allerdings so viel zu tun, dass die systematische Zerstörung von Gewohnheiten im Büro gerade zu kurz kommt.
Bleibt noch der Bauherr als kreatives Potenzial. Aber was ist schon der Bauherr in der Architektur? Mies van der Rohe hatte seinen Mietern verboten, Gardinen aufzuhängen und Blumentöpfe in die Fenster zu stellen, weil sie sein gestalterisches Ganzes zerstören würden. Das halten sie nicht für nötig. „Wenn wir bei einem Auftraggeber nachher bemerken, dass der überall Gartenzwerge hinstellt, haben wir was falsch gemacht“, sagt Lars. „Dann hätten wir nämlich von Anfang an mit Gartenzwergen gearbeitet!“
Der spätere Bewohner des Hauses ist nicht die Bedrohung der Kunst, er ist ihr Komplize. Das unterscheidet sie in einer Branche, in der viele die Bewohner ihrer Häuser verachten, und glauben, diese müssten zu ästhetischen Prinzipien erst erzogen werden. Für die drei von „Graft“ ist es das größte Glück, einen Auftraggeber zu finden, der Ideen hat und sich was traut. Einer wie Brad Pitt halt, der einen Sparringspartner darstellt für ihre assoziative Metaphern-Maschine. Sie haben nichts gegen das Geld eines Bauherrn, aber Spaß macht ihnen sein Geist. Ein Haus, das so entsteht, ist immer auch ein Porträt seines Bewohners.
Gerade haben sie den Wettbewerb für eine Kirche in Wünsdorf vor den Toren Berlins gewonnen. Als kreativen Sparringspartner müssen sie jetzt wohl Gott gewinnen.








