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Die Fensterläden verschwinden. Schade, sie bewahren so viele Geheimnisse – und retten Leben.

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Von Pascale Hugues Kann es für den Tagesanfang ein besseres Ritual geben, als aus dem Bett zu springen und sich durch das dämmrige Schlafzimmer zu tasten, um dann mit entschlossenem Schwung die schweren Fensterläden aus massiver Eiche aufzustoßen? Eben diese Bewegung befreit uns von der Nacht, verjagt die bösen Träume und gibt dem noch dumpfen Kopf die Beweglichkeit des Tages zurück. Plötzlich fließt das Licht in großen silbrigen Wellen über das Parkett des Schlafzimmers, verspricht uns ein neues Leben.

Eine Bewegung, der der Untergang droht. Immer seltener sieht man Fensterläden an den Fassaden unserer Städte; selbst dort, wo sie einmal waren, verschwinden sie. Einige Architekten scheinen die Beweglichkeit der Läden als Angriff auf die Ruhe eines Gebäudes zu erleben, auf die architektonische Reinheit. Selbst von historischen Gebäuden – auch Schlössern – werden sie abgerissen, in der Stadt wie auf dem Land. Nur auf alten Zeichnungen und Fotos wird man sie eines Tages noch sehen können.

Dem Goldenen Zeitalter der Fensterläden im 19. Jahrhundert folgte bald die Ernüchterung. Bauhaus-Architekten empfanden sich als Verfechter der reinen Linie, der schmucklosen Fassade. Das neue Haus sollte mit Himmel und Natur eine symbiotische Verbindung eingehen: transparent und offen, am Tag von Sonne überflutet, in der Nacht von Sternen erleuchtet.

Sehr schnell entkleideten sich die Fassaden unserer Städte, entledigten sich all des lästigen Schnickschnacks. Stück für Stück legten sie ihre Tüllgardinen ab, ihre doppelten Vorhänge, ihre Stores, und zum krönenden Abschluss des großen urbanen Striptease fielen auch die hölzernen Fensterläden. Schluss mit den milchweißen Musselingardinen, die sich im Wind bauschen wie die Kleider der Kommunionskinder, Schluss mit den schweren plissierten Vorhängen, durch die goldgestickte wilde Tiere schleichen, in denen seidener Klatschmohn wächst. Vor allem aber keine hölzernen Läden mehr! Diese Parasiten zerstören die reine Linie.

An Stelle der Fensterläden haben die Puristen vulgären Ersatz geschaffen, ohne Kultur, ohne Tradition, dafür aber unsichtbar und pflegeleicht. Die Kunststoffrollos, die elektrisch betriebenen Rollläden, die man dank einer Fernbedienung vom Bett aus verschwinden oder erscheinen lassen kann, die Jalousetten aus PVC, die Vertikaljalousien, die auseinander gezogen werden wie ein Akkordeon, und schließlich die umfassende Klimatisierung – sie alle sind gemeine Abarten des vornehmen Holzladens. Die Hersteller von Fensterläden mögen die Vorteile dieses nützlichen Gegenstandes noch so sehr rühmen: Im Sommer hält er die Hitze fern, im Winter die Kälte, spart also Heizkosten; er dämpft den Straßenlärm; er schreckt Einbrecher ab, weil seine Beschläge und die eisernen Sicherheitsbänder die Flügel verankern. Alles vergebens. Der Fensterladen ist einfach nicht mehr modern.

Es ist höchste Zeit, auf den Alarmschrei der Stadtplaner und der französischen Schreiner zu hören. Sie haben nachgewiesen, dass der Hitzewelle des Sommers 2003 nicht so viele alte Leute zum Opfer gefallen wären, hätten die französischen Altersheime Fensterläden gehabt. Übrigens würden die Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert am besten vor der Hitze schützen – wären sie noch mit Fensterläden ausgestattet! Der Kampf für Licht und Offenheit um jeden Preis ist also unsinnig: Hinter den großen Glasfenstern ohne Läden, hinter den Erkerfenstern der Südfassaden, unter den Glasdächern herrschten Temperaturen von mehr als 40 Grad. Drei Viertel der alten Menschen, die den August 2003 in Frankreich nicht überlebt haben, wohnten in modernen, schlecht isolierten Häusern ohne Fensterläden.

Die hölzernen Läden beschwören den vor der bleiernen Hitze des Südens geschützten Mittagsschlaf der Kindheit herauf. Ihre Kühle besänftigt, sie verbreiten einen beruhigenden Halbschatten. Ihre verstellbaren Lamellen lassen genau das gewünschte Maß an Licht und Helligkeit durch. Eine leichte Brise, ein Streifen Tageslicht streicheln die Schläfer, ohne sie zu wecken. Die Kinder beobachten die Schattenspiele, die das Licht auf das Parkett wirft. Geometrische Linien wie bei Man Ray oder eigenwillige Spiralen, die groteske Gestalten auf die Wände zeichnen. Draußen zirpen die Grillen, ein Velo Solex knattert in der Ferne. Duft nach Lavendel und Thymian. Gedämpfte Unterhaltung alter Damen unter dem Fenster. Ein bellender Hund. Von der Außenwelt dringt gerade so viel herein, dass der Schläfer sich sicher fühlt, aber nicht gestört wird. Den Kopf auf die Unterarme gelegt, ruht Picassos „Dormeuse aux persiennes“ schläfrig vor den durchbrochenen Fensterläden, die blasse Lichtstreifen durchscheinen lassen. Lethargie, Dämmern, Liebesspiele...

Die Stunde der Siesta ist schwer von intimen Geheimnissen, die die Läden schützend verbergen. Vielleicht schlägt ein Flügel im Wind und kündigt den heraufziehenden Sturm an, oder ein Gespenst geht an der Mauer vorbei.

Aus Horrorfilmen ist der klappernde Holzladen als Requisit nicht wegzudenken. Die schmiedeeisernen Ladenhalter, die die Flügel an der Mauer befestigen – kleine Hände, Katzenpfoten mit scharfen Krallen oder längliche Figuren mit dämonischem Grinsen – haben etwas Verstörendes wie die Wasserspeier auf dem Dach von Notre Dame. Im Elsass lässt nur ein einzelnes tapferes Herz im Fichtenholz die Außenwelt passieren. Die Fensterläden haben ihre eigene Sprache. Sie geben den Tod bekannt: In der Provence kündigten die halb geschlossenen Läden den Nachbarn an, dass die Totenwache am Lager des gewaschenen und in die Sonntagskleidung gehüllten Verstorbenen begonnen hatte. Oder sie sprechen von Sinnenlust: In manchen südfranzösischen Bordellen signalisierten die geschlossenen Läden den Kunden, dass die Dame besetzt war. Geöffnete Läden: Das Bett ist frei.

Einige Fensterläden lassen sich schräg stellen und erlauben damit die diskrete Überwachung des Straßenlebens. Und das ist seine andere wichtige Funktion. Dank seiner raffinierten Konstruktion kann man sehen, ohne gesehen zu werden, man kann den Bürgersteig beobachten, seine Nachbarn überprüfen, man kann feststellen, wer an die Tür klopft und wer sich zu später Stunde aus dem Haus schleicht. In Nordafrika können die Frauen durch die Moucharabiehs unverschleiert die Straße beobachten, ohne dass es den Passanten möglich ist, ihre Blicke zu erwidern. Die ziselierten Zedernholzplatten, die das Zimmer mit ihrem Balsamduft parfümieren, sind an den Fenstern befestigt. Sie sind die Wächter dieses verschlossenen und rein weiblichen Universums.

„In gewissen Provinzstädten finden sich Häuser, deren Anblick eine Schwermut gleich derjenigen einflößt, die die düstersten Kreuzgänge hervorrufen, die ödesten Heidelandschaften oder die traurigsten Ruinen. Vielleicht herrschen in jenen Häusern gleichzeitig das Schweigen des Kreuzgangs, die unfruchtbare Dürre der Heideflächen und das Knochige der Ruinen. Leben und Treiben verlaufen darin so ruhig, dass ein Fremder sie für unbewohnt halten könnte, wenn er nicht plötzlich dem blassen, kalten Blick einer unbeweglichen Gestalt begegnete, deren halb mönchisches Antlitz beim Erschallen unbekannter Schritte sich über der Fensterbank erhebt“, schreibt Balzac in „Eugénie Grandet“.

Hinter den fest verschlossenen Fensterläden der Kleinstadt Saumur findet die menschliche Komödie statt. Der Fensterladen steht für das Eingeschlossensein; nur der Romancier besitzt die göttliche Gnade, ihn aufstoßen zu können. Hinter den schweren hölzernen Läden der französischen Provinz spielen sich Dramen ab, entfesseln sich Leidenschaften, brütet der Hass. Der Fensterladen als Paravent der Ehrbarkeit versteckt Ehebruch, Geiz, Erbstreitereien, heimlichen Hass, tödliche Langeweile, Trostlosigkeit, verpfuschtes Leben. Er gewährleistet den guten Ruf der Provinznotare, die in der Sonntagsmesse in der ersten Reihe sitzen. Er verbirgt den Mief, die Heuchelei, die klaustrophobische Enge. Er versteckt die Familiengeheimnisse, die erbärmlichen Seiten der menschlichen Natur.

Die Fensterläden von Saumur sind die Antithese der Freiheit.

Übersetzt von Elisabeth Thielicke

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