Zeitung Heute : Rambos Ängste

Der türkische Ort Incirlik lebt ganz und gar von den US-Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt – und fürchtet sich trotzdem vor ihnen

Thomas Seibert[Incirlik]

In der Duftwolke eines Räucherstäbchens sitzt der 32-Jährige im schwarz glänzenden Trainingsanzug hinter seiner Ladentheke, umgeben von Piercing-Utensilien und Motiven für Tätowierungen – Angebote für Kunden, die nicht kommen wollen. „Seit zwei Monaten geht das schon so“, seufzt Rambo Tamur. Den martialischen Vornamen hat er sich zum Wohle seines Geschäfts zugelegt. „Wenn es erst Krieg gibt, dann können wir alle Urlaub machen, dann gibt’s überhaupt nichts mehr zu tun.“

Die Atatürk-Straße des türkischen Städtchens Incirlik, Standort des wichtigsten Luftwaffenstützpunktes der USA im östlichen Mittelmeer, wirkt wie die Kauf- und Fressmeile eines Ferienortes, der seine beste Zeit hinter sich hat. Grell aufgemachte Läden mit zweisprachigen Schildern auf Türkisch und Englisch reihen sich aneinander, Geschäfte für Teppiche, Gewehre, Kupfer- und Lederwaren, dazu Schönheitssalons, Restaurants und Discos – die „Alley“ wird die Atatürk-Straße von den mehr als 4000 Amerikanern genannt, die auf der Basis stationiert sind.

Das Verhältnis der Menschen von Incirlik zu den amerikanischen Soldaten gleicht dem von Ankara zu Washington: Sympathie und Abhängigkeit auf der einen und Kriegsangst auf der anderen Seite. Wegen seiner Nähe zur türkisch-irakischen Grenze wäre Incirlik bei der südtürkischen Großstadt Adana in einem Krieg gegen den Irak für die USA unverzichtbar. Von Incirlik aus wurden schon im ersten Golfkrieg vor zwölf Jahren Angriffe auf den Irak geflogen; seitdem überwachen Amerikaner und Briten von hier aus die so genannte Flugverbotszone im Norden des Irak. Seit kurzem werden über Incirlik zudem die ersten amerikanischen Einheiten in den Nordirak geschleust.

„Da kommen immer wieder Soldaten an, bleiben einen Tag und sind dann wieder weg – Richtung Irak“, sagt ein Geschäftsmann in der „Alley“. Den Kriegsvorbereitungen schauen Rambo und die anderen Bewohner von Incirlik ängstlich zu. Aber sie wissen eben: Ohne amerikanische Soldaten kein Einkommen – so wie jetzt, da die meisten Soldaten das mit hohen Zäunen und Wachtürmen gesicherte Gelände wegen Daueralarms kaum verlassen dürfen. Wenn im Kriegsfall ein totales Ausgehverbot verhängt wird, ist es ganz aus, befürchtet Rambo.

Die Basis gibt nicht nur den Geschäftsleuten auf der „Alley“ ein Einkommen, sondern beschäftigt auch noch 1500 türkische Zivilkräfte auf dem Stützpunkt selbst. Damit ist sie der wichtigste Arbeitgeber in dem Städtchen. Längst haben die US-Soldaten auf ihrem Stützpunkt alles, was sie brauchen, um sich fern der Heimat ein Klein-Amerika zu schaffen: Es gibt amerikanische Supermärkte, amerikanische Schulen, sogar eine Kegelbahn.

„Wir lieben die Amerikaner, ohne sie wären wir arbeitslos“, ruft ein Helfer im Teppich-, Textil- und Schmuckgeschäft „Déjà Vu“, und alle Kollegen lachen über den Galgenhumor. Denn obwohl das Geschäft in bester Lage genau gegenüber dem Haupteingangstor des Stützpunktes liegt und schon seit zwei Stunden geöffnet hat, ist noch kein einziger Kunde gekommen. In normalen Zeiten, sagt Verkäufer Yesiltas, kommen 100 bis 150 Leute pro Tag in seinen Laden. Doch die Zeiten sind nicht normal. „Jetzt kommen höchsten 30, aber die kaufen nicht alle was.“ Wenn einmal jemand kommt, dann vermeidet er wie die meisten Verkäufer in der „Alley“ das Gespräch über den Krieg. Das liegt an der türkischen Höflichkeit. Allerdings vermutet er, dass auch die meisten US-Soldaten gegen den Krieg seien. Unter sich sind sich die Türken hier ohnehin einig: Sie wollen den Krieg auch deshalb nicht, weil sie Grund haben, die Raketen Saddam Husseins zu fürchten: Incirlik liegt in Reichweite irakischer Waffen.

Dass die Amerikaner den auf der „Alley“ kursierenden Gerüchten zufolge bereits Patriot-Abwehrraketen um den Stützpunkt in Stellung gebracht haben, um Incirlik zu schützen, kann die Türken nicht beruhigen. Zum einen schützen die Patriots nur die Basis und nicht den Ort Incirlik. Und zum anderen ist da die Geschichte von Murat.

Im Januar 1991 spielte der damals siebenjährige Murat Genc in der Nähe des Stützpunktes mit Freunden Verstecken, als über ihnen eine von Incirlik abgeschossene Patriot-Rakete explodierte. Das Geschoss war irrtümlich abgefeuert und deshalb in der Luft zerstört worden, kleine und große Splitter fielen herab, einige trafen Murat am Kopf. Im Krankenhaus operierten die Ärzte dem Jungen einige Splitter aus dem Gehirn heraus, andere blieben stecken. Der heute 19-Jährige kann nur mit Mühe und auf Krücken gehen. Unmittelbar nach dem Unfall versprachen die USA ihm Hilfe bei der medizinischen Behandlung und der Ausbildung, doch Washington habe sein Wort nicht gehalten, kritisieren die türkischen Zeitungen: „Amerika hat Murat vergessen.“

Nicht nur Murats Schicksal bringt die Menschen gegen die Kriegspläne der USA auf. Die Türkei leidet noch heute unter den wirtschaftlichen Spätfolgen des ersten Golfkrieges. „Déjà-Vu“-Verkäufer Yesiltas bekam die Krise damals am eigenen Leib zu spüren. Voller Hoffnung hatte er sich per Kredit als Tourismusunternehmer in Antalya niedergelassen – doch dann kam der Krieg, und die Urlauber blieben zu Hause. Yesiltas musste aufgeben und den Job als Verkäufer in Incirlik annehmen.

In Umfragen sprechen sich rund 80 Prozent der Türken gegen den Krieg aus, es gibt Demonstrationen in Istanbul und vor der US-Botschaft in Ankara. Auch in Adana regt sich so etwas wie eine Friedensbewegung: Zum Protest, fordert sie, sollen die Bewohner der Stadt schwarze Tücher und Fahnen an Fenster und Balkone hängen.

Auf der „Alley“ hört man so etwas nicht gern. So schlecht gehen die Geschäfte, dass man es sich wahrlich nicht leisten kann, auch noch die allerletzten Kunden zu verprellen. Mehr tun als warten können die Händler aber nicht. Auch Said Becerenci, der zusammen mit seinem Sohn Gökay in bester Lage auf der „Alley“ einen Laden mit Kupferwaren betreibt, sieht keinen Ausweg aus der Misere. Resigniert zeigt er auf zwei amerikanische Soldaten in Zivil, die seinen Laden passieren, ohne sich auch nur umzusehen: „Schau, da gehen sie wieder – vorbei.“

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