Zeitung Heute : Rasant jiddisch

ROMAN RHODE

Die amerikanischen Klezmatics zum Abschluß der Jüdischen Kulturtage"Fremde Geige", schreibt Rilke, "gehst du mir nach?/ In wieviel fernen Städten schon sprach/ deine einsame Nacht zu meiner?" Diese Zeilen lassen an die Zerstreuung der jüdischen Gemeinde denken; aber auch an die Violine - oder die Klarinette - der Klezmorim, die wie kein anderes Instrument in der Lage sind, die lachende und klagende Seele der jüdischen Tradition zum Ausdruck zu bringen.Bei den 10.Jüdischen Kulturtagen zeigte sich die musikalische Vielfalt der Diaspora ebenso wie deren Tradition - diese allerdings in ständiger Erneuerung begriffen.Das Anliegen könnte man so umschreiben: Identitätsfindung durch Heimatklänge.Wo aber liegt die Heimat? Antworten auf diese Frage gab es viele.So auch beim Abschlußkonzert, das am Sonntag im Haus der Kulturen der Welt unter dem Motto "Tagträume in Berlin und anderorts" stattfand.Frank London, Bandleader der Klezmatics, einer amerikanischen Formation, die innovativen Klezmer mit Jazz zusammenbringt, führte auf Englisch durch ein musikalisches Potpourri, das die halbe Welt umfaßte.Da gab es rasant arrangierte hebräische Lieder und, auf jiddisch, die fröhliche Frömmigkeit chassidischer Vokalstücke.Vom Leben im Shtetl ging es dann zum Gottesdienst nach New York: Die junge Gruppe Inasense interpretierte Shlomo Carlebachs unorthodoxe Gebetsgesänge als rockige Gitarren-Folksongs mit kräftiger Percussion im Hintergrund.Größeren Beifall erhielt der bärtige Bariton Mark Aizikovitch.Seine russischen Romanzen, die mit zitternder Balalaika-Gitarre auch das Schicksal jüdischer Emigranten beschrieben, brachten die zahlreichen Russischstämmigen der Gemeinde in begeisterten Aufruhr.Daß der Rückgriff auf die jiddische Musiktradition selbst dann nicht überholt wirken muß, wenn es um die exakte Rekonstruktion des Klezmer geht, hat Joel Rubin am Samstag mit seinem Jewish Music Ensemble vorgeführt.Rubin, Musikethnologe und einer der führenden Klarinettisten überhaupt, verwandelte jüdisch-osteuropäische Lieder und Tanzweisen des 19.Jahrhunderts in Kunstmusik, die jedoch die volkstümliche Lebendigkeit und Spiritualität bewahrt hat.Schon die multikulturelle Zusammensetzung der Kapelle deutete darauf hin.Eine jiddische Hochzeit nur als Kolorit für Kammermusik? Keineswegs: Die wimmernde Geige, das schluchzende Akkordeon, aber auch die jauchzende Klarinette - noch heute bringen sie die Braut auf dem Balkan zum Weinen und Tanzen. Das jüdische Feeling im modernen Gewand schließlich verkörperte David Broza, der zu einer jungen, aufgeklärten Generation zählt.Eine Woche zuvor hatte er seine hoffnungsvolle Botschaft auf neu-Hebräisch verkündet: Yihiye Tov! Frieden müsse einkehren in Israel, und dann endlich, von der Kriegslast befreit, könne man rufen: Alles wird gut! Bis zu den nächsten Jüdischen Kulturtagen gibt es also noch viel zu tun.ROMAN RHODE

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben