Zeitung Heute : Ratgeberliteratur: Lieber Romane als dröge Sachbücher

Regina Köthe

Deutsche Manager lesen viel: Durchschnittlich 100 Minuten pro Tag informieren sie sich über Wirtschafts-News, durchforsten Tageszeitungen, Fachliteratur und das Internet. Dies ergab eine Umfrage des Business-Bestseller-Verlags in Hamburg.

Führungskräfte haben wenig Zeit und möchten sich nicht durch trockene theoretische Abhandlungen quälen. Sie suchen praxisrelevante Informationen und Unterhaltung. Auch ein Manager runzelt die Stirn, wenn er ein kiloschweres Lehrbuch über Controlling auf seinem Tisch liegen hat. Meist erinnert ihn das an die Lehrbücher und Skripte seiner Studienzeit, durch die er sich fressen musste, um die betriebswirtschaftlichen, juristischen oder technischen Prüfungen zu bestehen. Ohne Frage - komplexe Sachverhalte müssen angemessen dargestellt werden.

Doch der Anspruch an die Form der Sach- und Managementliteratur hat sich gewandelt. "Fachinformationen müssen immer prägnanter und kürzer werden. Manager wollen das neue Wissen sofort anwenden können", meint Wilma Fuchs, Programmleiterin für Management beim Verlag Moderne Industrie (mi). Ein Fachbuch soll mit Schwung geschrieben sein und der Autor oder die Autorin Kompetenz und Talent zur Selbstvermarktung besitzen. "Wir sind ständig auf der Suche nach Trendthemen - Themen, die unserer Zielgruppe unter den Nägeln brennen", sagt Wilma Fuchs. Die Lektoren der Fachverlage müssen wissen, welche Themen gerade in den Chefetagen der Unternehmen und Unternehmensberatungen diskutiert werden. Das verlangt Fachkenntnis und ein Netzwerk. Lektoren müssen die Experten aus den einzelnen Fachbereichen kennen und auch mit Praktikern im Kontakt sein. "Auf dem Laufenden zu sein, ist das höchste Gebot fürs Lektorat", meint Britta Kroker, Programmleiterin bei Campus.

Die Aufgabe der Verlage ist es, innovativen Ansätze und Ideen aufzuspüren. Da ein großer Teil der Managementliteratur aus den USA kommt, muss der amerikanische Buchmarkt genau beobachtet werden. Für Campus arbeiten zum Beispiel so genannte Scouts vor Ort, die interessante Titel und Autoren für den Verlag aufspüren. "Wir kaufen dann möglichst frühzeitig die Rechte an dem Titel und übersetzen ihn ins Deutsche", erklärt Britta Kroker. Die 35-jährige Programmleiterin hat sich das Ziel gesetzt, die deutsche Übersetzung möglichst innerhalb von drei Monaten nach Erscheinen der Originalausgabe auf den deutschen Markt zu bringen. Denn bei Fach- und Sachbüchern spielen Aktualität und Autor oft eine wichtigere Rolle als der Preis.

Sach- und Fachbuchkäufer sind in der Mehrzahl männlich, überdurchschnittlich gebildet und einkommensstark. Damit sind sie eine interessante Zielgruppe für die Verlage. Managementliteratur und Wirtschaftsbücher sind gefragte Titel geworden. Das "Dilbert-Prinzip" über den Horror des Büroalltags, "Überleben im Projekt" oder die "Mäuse-Strategie für Manager" eroberten den Buchmarkt. Und die Veröffentlichungen von Börsen- und Finanzspezialisten wie Bodo Schäfer oder André Kostolany haben ein breites Publikum gefunden.

Das traditionelle Fachbuch über Personalplanung, Controlling oder Führungstechniken wird zwar nach wie vor gelesen, aber gleichzeitig entstehen neue Formen der Fachliteratur, berichtet Britta Kroker. Durch die New Economy ist eine neue Unternehmergeneration entstanden, die relativ jung und risikobereit ist. Sie hat eine neue Sprache und einen neuen Stil. Dadurch entstehen auch andere Ansprüche an die Fachliteratur. Zunemend wird die Romanform fürs Management entdeckt. Einer der ersten Bestseller war "Der Termin - Ein Roman über Projektmanagement" von Tom DeMarco, der auf amüsante Weise die Höhen und Tiefen des Projektablaufes bei einer Softwareentwicklung darstellte. Der Campus Verlag startet in diesem Frühjahr mit einer Reihe von Wirtschaftromanen. Den Anfang macht "Das Ziel" von Eliyahu Goldratt über Prozessoptimierung, der bereits international ein Bestseller ist. Obwohl Manager schon überdurchschnittlich viel lesen, reicht ihnen das offenbar noch nicht. Fast 80 Prozent würden sich laut einer Umfrage gerne noch mehr mit interessantem Lesestoff beschäftigen. Allerdings fühlt sich mehr als ein Drittel durch das umfangreiche Angebot auf dem Buchmarkt verwirrt. Es fehlt an der Zeit, um Neuerscheinungen intensiv zu sichten. Daher verlassen sich Manager beim Kauf vor allem auf die Empfehlung von Berufskollegen oder die Buchbesprechungen in der Presse. "Es wird immer wichtiger für die Verlage, sich als Marke zu positionieren. Wir müssen die Bedürfnisse unserer Leser genau kennen", sagt Britta Kroker vom Campus Verlag. "Wir selektieren für die Leser vor. Bevor wir ein Buch veröffentlichen, lesen wir im Schnitt 100 Manuskripte."

Doch auch die Autoren sind bei der Auswahl ihres Verlages kritischer geworden. Dabei geht es nicht nur um die Frage des Honorars, sondern ebenso um das Renommee des Verlages und die unterstützenden Marketingmaßnahmen. Wer bereits einen Namen hat, möchte seine Buchveröffentlichung gut plaziert sehen und die entsprechende Werbemaßnahmen garantiert bekommen. "Es ist ein klassisches win-win-Verhältnis", sagt Britta Kroker. Umgekehrt erwarten die Verlage, dass ihre Autoren ein Mindestmaß an Selbstmarketing beherrschen und für Events und Lesereisen zur Verfügung stehen. Natürlich kann nicht jedes Buch mit dem gleichen Aufwand auf dem Buchmarkt präsentiert werden. Hier braucht es zur Vorbereitung eine realistische Auflagenschätzung und eine Konkurrenzanalyse. Doch letztlich entscheiden die Leser, ob ein Buch flopt oder Bestseller wird.

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