Zeitung Heute : Ratlos sein

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eigentlich wollte ich Ihnen diese Woche von zwei Berliner DJs erzählen, die vor einigen Monaten nach Mallorca gezogen sind, weil sie unzufrieden waren mit der Situation und den Musikvorlieben der Berliner Clublandschaft. Ich fürchte, ich muss Ihnen diese Geschichte zu einem späteren Zeitpunkt erzählen.

Vor dem Hintergrund eines Angriffskrieges, der in diesem Moment gegen den Irak geführt wird, empfinde ich Hinweise zu Parties, DJs oder einem neuen Club, also all das, worüber an dieser Stelle jeden Freitag geschrieben wird, als ziemlich belanglos. Krieg und Party, es gibt wohl kaum etwas, das weiter voneinander entfernt ist. Außer vielleicht George Bush und Saddam Hussein. Palästina und Israel, Gerhard Schröder und Tony Blair.

Obwohl, Technomusik und Marschmusik, so weit sind sie denn auch nicht auseinander.

Dieses Gefühl, das schlechte Gewissen, dass man sich amüsiert, während es in der Welt brennt, das hatte ich schon einmal, in den Tagen nach dem 11. September 2001. Damals musst ich an dem Freitag, nach dem das World Trade Center in Schutt und Asche gelegt wurde, auch eine Kolumne schreiben. Das einzige, was mir dazu einfiel, war der schlichte Satz: „Wir können heute nicht feiern“, der Rest der Spalten blieb weiß. Heute wäre eine derartige Sprachlosigkeit zu wenig, weil seit dem 11.September eineinhalb Jahre vergangen sind und wir uns in der Zwischenzeit an so einige Krisenmeldungen gewöhnt haben.

Das hatte zur Folge, dass wir uns schon häufiger fragen mussten, in wie weit Ereignisse in der realen Welt Auswirkungen auf unser Freizeitverhalten haben dürfen. Heute etwa fragen wir uns: Muss Krieg automatisch bedeuten, dass man nun nicht mehr feiern gehen soll?

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, sich auf einer Tanzfläche im Groove zu verlieren, wenn nur ein paar tausend Kilometer entfernt zur gleichen Zeit Präzisions-Bomben auf Zivilisten regnen? Oder sollte man angesichts eines Krieges nicht erst recht feiern gehen, weil es wahrscheinlich die beste Medizin ist, weil es Zerstreuung bietet und hilft gegen das Gefühl, dass man ja doch nichts tun kann, dass der Nahe Osten weit weg ist und wir hier sitzten wie in einem Flugzeug, das einfach weiterfliegt bis zum nächsten planmäßigen Halt. Ist Tanzen vielleicht das beste Mittel gegen dieses bleierne Ohnmachtsgefühl, gegen Frustration und Hilflosigkeit in einer derartigen Lage? Ist Tanzen vielleicht sogar die bessere Demo?

In Israel zum Beispiel, hat die ständige Bedrohung durch Terrorattentate lange Zeit zu einer „jetzt erst recht“- Stimmung geführt. Der Tanz auf dem Vulkan, der einem allerdings auch jede Verantwortung nimmt.

Jeder beantwortet solche Fragen nach eigenem Ermessen, ich für meinen Teil sage mir: Life goes

on, aber Partystimmung kommt bei mir im Moment leider nicht auf. Und daher entfallen für dieses Wochenende leider die Partytipps.

Daniel Haaksman

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben