Zeitung Heute : Rau geht - Kohl bleibt

TISSY BRUNS

Der Berg, den die SPD versetzen will, heißt Helmut Kohl.Deshalb geht Johannes Rau.VON TISSY BRUNS BONN.Der bibelfeste Christ Johannes Rau weiß: Der Glaube kann Berge versetzen.Der Politiker Rau weiß seit dem ersten März, daß die Sozialdemokraten wieder an sich glauben und daran, daß künftig sie die politische Landschaft gestalten.Der Berg, den die SPD versetzen will, heißt Helmut Kohl.Deshalb geht Johannes Rau.Der dienstälteste Landesvater der Republik hat sich viel Zeit genommen für seinen Rückzug.Er hat gezögert und gezaudert.Sein erklärter Nachfolger Wolfgang Clement sah gelegentlich aus wie ein ältlicher Thronfolger, er selbst wie einer, der nicht loslassen kann und unerfüllten Träumen nachjagt.Seine Partei wirkte zerrissen und desorientiert.Und jetzt? Kein langer Abschied, ein temporeicher Schlußakt, aufgeführt nicht in Düsseldorf hinter verschlossenen Türen, sondern auf der sehr öffentlichen Bühne der Bonner Landesvertretung.Kein Hader unter den Nachfolgenden, denn Wolfgang Clement und Franz Müntefering werden sich die Macht redlich teilen.In Düsseldorf wird es geordneter zugehen.Neben dem Landes- und dem Parteichef wird sich Klaus Matthiesen, der unberechenbare Vorsitzende der Landtagsfraktion, zähmen müssen.Die unerfüllten Träume? Die erfüllen sich nach dem 27.September oder auch nicht.Es lohnt nicht mehr, darüber zu spekulieren, ob Schröder Zusagen für das Bundespräsidentenamt gemacht hat.Denn jeder weiß: darüber entscheidet der Ausgang des 27.September.Der Machtwechsel in Düsseldorf verstärkt die große Suggestion, mit der Gerhard Schröder und die SPD nach dem Sieg in Niedersachsen erfolgreich auftrumpfen: Wir können es schaffen, wir werden es schaffen.Mit dem Übergang von Rau zu Clement und Müntefering gelingt der SPD, was die Christdemokraten mit ihrem Übervater einfach nicht schaffen: Ein personeller Aufbruch.Zeit, daß die Alten gehen, denkt das Volk und die SPD verabschiedet sich von einem hochverdienten Regierungschef.Halbwegs unter Wahrung des Anstands, was nach so langer Amtszeit viel ist.Denn Raus Rolle in der SPD war mit dem Kanzlerkandidaten Schröder unwiderruflich erledigt.Trotzdem ist sein Abgang nicht bloß erzwungen.Denn Rau fühlt in der SPD, was Helmut Kohl in seiner Partei nicht spüren kann: Rückenwind und die Kraft eines Trends.Rau mußte, er konnte aber auch Schluß machen, vielleicht mit dem Trost eines ganz persönlichen Zukunftsversprechens des Kanzlerkandidaten.Die Spekulationen über den Spitzenkandidaten der Union reißen nicht ab, da beweist die SPD einmal mehr: Nicht Richtungsstreit, Geschlossenheit ist unsere Devise.Auch in Düsseldorf eine Doppelspitze, die SPD zieht überall an einem Strick.Wolfgang Clement und Gerhard Schröder für das Land, Oskar Lafontaine und Franz Müntefering für die Partei.Daß Müntefering durch seine Ämter die Bande zwischen der Bundespartei und der nordrhein-westfälischen wieder ganz straff zieht - ein Sahnehäubchen obendrauf.Doch vor allem mußte und konnte Rau gehen, weil er ausgerechnet im ungeliebten Kanzlerkandidaten Schröder einen späten Erben und Meister gefunden hat.Das unbestimmte Wir, die unbedingte Zuspitzung auf eine Person - diese SPD hat Rau geschaffen, verkörpert und zu Siegesserien geführt.In Nordrhein-Westfalen.Und nur dort.Raus Berater haben ihr Lehrgeld 1987, mit einer verlorenen Bundestagswahl, bezahlt und gelernt.Die unbestimmten Wirs identifizieren sich mit einem bestimmten Spitzenmann nur, wenn der nicht auf Kriegsfuß steht mit seinen Parteileuten - wie seinerzeit Rau mit Willy Brandt.Die Hoffnung der SPD richtet sich ganz auf Schröder, der, beraten von Raus Beratern, im Bund bestehen will, wo Rau kläglich gescheitert ist.Rau kennt die Kraft von Hoffnung, Glauben und Suggestionen in der Politik zu gut, um sich gegen sie zu sperren.In Nordrhein-Westfalen und in der gesamten Bundes-SPD ist die Hoffnung übermächtig, mit Schröder und seinen Leuten, zu denen Clement zählt, die Wahl am 27.September zu gewinnen.Rau geht.Kohl bleibt.Die SPD, mit anderen Worten, ordnet ihre Macht am Rhein neu.Clement sieht seine Rolle in Düsseldorf - im festen Bündnis mit einem, der die Bundesrepublik demnächst in Berlin regieren will.Die Union hält ihre Macht am Rhein - und tritt in Bonn mit Kohl auf der Stelle.

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