Zeitung Heute : Rauchen erhöht das Risiko

Tabakkonsum kann die Krankheit auslösen und verschlimmern.

Ulf Müller-Ladner

Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sind immer auch Systemerkrankungen, das heißt, sie belasten stets den ganzen Körper. Jede dieser Erkrankungen hat ihre Besonderheiten. Allen gemein ist aber, dass sie über eine sehr lange Zeit, vor allem bei ungenügender Behandlung, den Körperkreislauf und damit die körperliche Leistungsfähigkeit mehr oder weniger schwer beeinträchtigen. Parallel hierzu zeigten Untersuchungen und Erkenntnisse der vergangenen Jahre, dass ein zusätzlicher Nikotinabusus – und dieser beginnt schon mit der ersten Zigarette und steigert sich mit jeder weiteren um ein Vielfaches – nicht unabhängig von diesen Erkrankungen zu sehen ist und die Behandlung zum Teil deutlich erschwert.

So zeigten Langzeitforschungsergebnisse zur rheumatoiden Arthritis, dass Bestandteile des Zigarettenrauchs in allen Geweben kleine Moleküle umbauen. Diese so vermehrt ablaufenden „Zitrullinierungen“ von Körpereiweißen sind einer der Hauptgründe, warum sich spezielle Rheumaantikörper (Antikörper gegen zyklisch-zitrullinierte Peptide) über Jahre bis Jahrzehnte entwickeln und zur Auslösung und Schwere des Krankheitsbildes entscheidend beitragen.

Ebenfalls weiß man, dass das Rauchen ein unabhängiger Risikofaktor für die Auslösung der Erkrankung ist und diese durch die Kombination von Giftstoffen im Blut und kreisenden Entzündungsmolekülen um ein Vielfaches schwerer verlaufen lässt. Gelenke werden schneller zerstört, und man braucht insgesamt deutlich mehr Medikamente, um die Entzündungsprozesse in Schach zu halten. Umgekehrt führt der Verzicht auf Nikotin zu einer schnelleren Besserung der Symptome und einer höheren Lebenserwartung der Patienten, die – unbehandelt – gegenüber der Normalbevölkerung an sich schon um zehn bis 20 Jahre eingeschränkt ist.

Ein ähnliches Problem besteht für die sogenannten Kollagenosen, die entzündlichen Bindegewebserkrankungen. Vor allem bei den beiden Hauptvertretern – dem systemischen Lupus erythematodes und der systemischen Sklerose – zeigt sich die Erkrankung im Anfangsstadium an schweren Durchblutungsstörungen der Haut, dem Raynaud-Syndrom, das meist nur mühsam mittels gefäßerweiternder Medikamente beherrscht werden kann.

Addiert sich hierzu noch der Nikotingebrauch, bleiben die Gefäße häufig dauerhaft verengt, so dass eine Heilung schwer möglich ist. Dies führt besonders im Winter oft zu langmonatigen Schmerzattacken, konstant offenen Hautstellen und teils sogar zum Verlust von Endgliedern wie den Fingern.

Interessant ist auch, dass Erkrankungen aus so verschiedenen Bereichen wie Rheumatologie, Kardiologie und Pulmologie letztlich alle durch kreisende Entzündungsmoleküle im gesamten Körper miteinander verknüpft sind. Durch Langzeit- und vergleichende Untersuchungen verschiedener Patientenkollektive aus diesen Teilgebieten wurde gezeigt, dass entzündlich-rheumatische Erkrankungen ein mindestens gleichwertiger Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall und chronische Lungenerkrankung sind wie Diabetes, hoher Blutdruck und Rauchen.

Es ist daher wichtig, in der Behandlung von Rheumapatienten sämtliche Aspekte zu berücksichtigen und eine Medikation langfristig einzuleiten. Dabei ist die Mithilfe des Patienten, wie sie im „patient- physician-partnership“-Programm gefordert wird, unumgänglich. Ohne den Verzicht auf die Zigarette werden therapeutische Erfolge nur eingeschränkt oder nie zu erreichen sein.Ulf Müller-Ladner

Der Autor ist Ärztlicher Direktor der Abteilung für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben