Zeitung Heute : Rauhe Zeiten auf dem Bau

ANDREAS HOFFMANN

Schwarzarbeit, billige Arbeitskräfte aus Europa, flaue Konjunktur, kein Schlechtwettergeld - die Branche hat es schwer.Und deshalb müssen alle Beteiligten ihre Hausaufgaben machenVON ANDREAS HOFFMANNEs sind unruhige Zeiten, diese ersten Monate des Jahres 1997.Die Verteilungskämpfe nehmen zu.Die Bergarbeiter laufen Sturm gegen den Subventionsabbau, die Bauarbeiter besetzen mitten in der Hauptstadt den Potsdamer Platz.Der Adressat der Proteste, Bundeskanzler Helmut Kohl, muß von den europäischen Wolken immer tiefer in das Getümmel der ihm ungeliebten bundesdeutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik hinabsteigen.Dabei macht er ganz neue Erfahrungen.Ein Kabinettsmitglied gesteht offen einen Fehler der Regierung ein.Bundesbauminister Klaus Töpfer hat die Abschaffung des Schlechtwettergeld als Fehlschlag bezeichnet.Dabei hatte Bonn diese Sonderform des Arbeitslosengeldes aus Sparzwängen abgeschafft und das so begründet: Gewerkschaften und Arbeitgeber sollten über ein Winterausfallgeld die Kosten für die arbeitslosen Bauarbeiter übernehmen, statt alle Beschäftigten über ihre Beiträge zur Arbeitslosenversicherung in die Pflicht zu nehmen.Aber die Firmen hielten sich nicht an die getroffenen Abkommen, und entließen ihre Beschäftigten lieber.Das rechnet sich betriebswirtschaftlich besser.Die volkswirtschaftlichen Folgen kennen wir - die Arbeitslosigkeit schnellte auf knapp 4,7 Millionen Menschen, und jetzt zahlen doch wieder alle Beitragszahler.Natürlich wird die Bauwirtschaft nicht nur durch die Abschaffung des Schlechtwettergeldes gebeutelt.Allein in Berlin-Brandenburg sind über 44 000 Bauarbeiter ohne Job, obwohl die Hauptstadt die größte Baustelle Europas ist.Eindrucksvoller als hier lassen sich die Probleme der Branche kaum zeigen.Da sind die leeren Kassen der öffentlichen Haushalte, die weniger investieren, die flaue Konjunktur, die Strukturprobleme einer Branche und die fortschreitende Globalisierung auf den Baustellen.Immer seltener ist auf den Gerüsten Deutsch zu hören, immer häufiger Portugiesisch oder Polnisch.Die billigen legalen Arbeitskräfte aus der Europäischen Union und die Schwarzarbeiter aus Osteuropa wetteifern um die Jobs - und die Deutschen verlieren.Daß es dennoch kaum offene Aggressionen gibt, zeugt von Vernunft.Freilich läßt sich die globale Baustelle nicht wieder nationalisieren.Im Europa der offenen Grenzen müssen Arbeitnehmer aus anderen Ländern hierzulande arbeiten dürfen.Schwarzarbeit läßt sich trotz umfangreicher Kontrollen kaum verhindern.Dazu sind die Grenzen nach Osteuropa zu durchlässig.Allenfalls die Folgen lassen sich mildern, etwa über das Entsendegesetz und den damit verbundenen Mindestlohn.Nur wer sich an das monatelange Gezerre zwischen Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern erinnert und das magere Ergebnis sieht - die Regelung läuft im August wahrscheinlich wieder aus - der fragt sich, ob die Beteiligten die Probleme überhaupt lösen wollten.Viel wäre schon gewonnen, wenn die Beteiligten die Probleme nicht verschlimmerten.Statt wegen der Maastricht-Kriterien die öffentlichen Investitionen immer stärker zusammenzustreichen, wäre ein weniger drastischer Sparkurs sicher besser.Auch der im Zuge der Steuerreform geplante Wegfall der degressiven Abschreibung im Wohnungsbau schmälert die Auftragsbücher.Ein wenig mehr Stetigkeit der öffentlichen Investitionen wäre hilfreich, statt ständig den Förderhahn auf- oder zuzudrehen.Im Osten lassen sich die Folgen dieser Stop-and-Go-Politik gut bewundern.Erst wuchert die Baubranche mittels großer Finanzhilfen üppig, jetzt stutzt sie Bonn wieder drastisch zurück.Ein Lichtblick ist da allenfalls die Ankündigung, daß der Bund mehr öffentliche Infrastrukturprojekte über privates Kapital fördern will.Aber auch die Firmen müssen ihre Hausaufgaben machen.Jahrelang haben sie die Kosten vernachlässigt.Jahrelang haben Mittelständler und Kleinbetriebe versäumt, sich rechtzeitig auf anspruchsvolle und teuere Arbeiten zu spezialisieren, um die höheren deutschen Löhne zu rechtfertigen.Jetzt holt sie ihr Tiefschlaf ein.Die Firmen müssen Marktnischen suchen.Nicht mehr das einfache Hochziehen von Wänden ist gefragt, sondern die Automatisierung von Teilprozessen oder industrielle Vorfertigung.Zukunftsträchtige Ideen am Bau sind nötig, auch bei den Gewerkschaften.Sie werden ihrer Klientel weitere Zugeständnisse zumuten müssen.Die Zeiten sind zu rauh am Bau.

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