Zeitung Heute : Raus ins Grüne

Hans Monath

Die Grünen wählen am Dienstag eine neue Fraktionsspitze. Inwiefern wird sich dadurch das Gesicht der Partei verändern?

Manchmal steckt ausgerechnet in einer Niederlage die Chance, sich weiterzuentwickeln. Die Grünen werden nach Lage der Dinge nicht in der kommenden Bundesregierung vertreten sein – und beschäftigen sich fröhlich mit dem Gedanken, künftig neue Bündnisse einzugehen und Wähler sowohl aus dem bürgerlichen Milieu als auch aus dem der Linkspartei zu gewinnen. Mit großem Unbehagen verfolgen dieser Tage die Sozialdemokraten diese Pläne: Sie verlieren an Einfluss, wenn sie bald nicht mehr die einzigen Partner der Ökologen sein werden.

Parteichef Reinhard Bütikofer nahm am Wochenende wenig Rücksicht auf die Machtansprüche Gerhard Schröders und erklärte frank und frei, den nächsten Kanzler oder die nächste Kanzlerin stelle wohl die Union. Das Signal des Politikers lautet: Lange genug haben wir Grüne auf unseren Koalitionspartner Rücksicht genommen und gegen unsere Überzeugung geschwiegen. Das tun wir nun nicht mehr, denn wir sind eine eigenständige Kraft.

Der Aufbruch zu neuen Ufern spielt auch eine wichtige Rolle bei der Wahl der zwei Fraktionschefs am morgigen Dienstag. Verbraucherministerin Renate Künast, der von den fünf Kandidaten die besten Chancen zugestanden werden, hat Flexibilität zum Programm erhoben. Sie rechnet künftig auch mit Bündnissen zwischen Grünen, CDU, FDP oder Linkspartei. „Keine Konstellation ist von vornherein ausgeschlossen“, sagte die 49-Jährige dem „Spiegel“. Die vom linken Flügel der Partei gestartete Politikerin hat sich als Ministerin mit ihren „weichen“, aber emotional wichtigen Themen Verbraucherschutz und Ernährung auch jenseits der Parteigrenzen bekannt gemacht.

Freilich entscheiden die Abgeordneten nicht nur danach, wem sie die politische Öffnung zutrauen, sondern fragen auch, wer in der harten Konkurrenz von künftig drei Oppositionsparteien den Grünen im Bundestag Auferksamkeit garantiert – mit guten Reden und Durchsetzungskraft nach außen, Teamgeist und Integrationskraft nach innen. Die 51 Parlamentarier wissen auch, dass Künast mit Fritz Kuhn (50) gut zusammenarbeitete, als beide vor fünf Jahren gemeinsam als Parteichefs die Grünen führten. Mit dem Öffnungskurs hat auch Kuhn keine Schwierigkeiten. Er verhandelte schon 1992 in Baden-Württemberg Schwarz-Grün.

Wenig Chancen werden bei den Grünen Umweltminister Jürgen Trittin (51) und Krista Sager (52) eingeräumt, die noch Fraktionschefin ist. Die Ansprüche der Linken in der Fraktion gelten als erfüllt, wenn Künast durchkommt. Sager hat wenig falsch gemacht, gibt aber inhaltlich kein starkes Zukunftsversprechen.

Genau dies tut Katrin Göring-Eckardt (39), die als Thüringerin für die neuen Länder steht, sich schon lange vom Politikstil der 68er in der Partei abgrenzt und mit ihrer Betonung christlicher Werte eine Brücke zur Union schafft. Die Wiederwahl der Fraktionschefin neben Künast wäre das deutlichste Zeichen der Öffnung der Grünen – freilich nicht für alle Optionen, sondern hin zu mehr Attraktivität für wertkonservative Wähler.

Vieles spricht dafür, dass die künftigen Fraktionschefs die neuen Optionen nutzen wollen, mit klarem Auftrag. Als die Fraktion vergangene Woche beschloss, zuerst mit der Union die Chancen zu sondieren, stimmte niemand dagegen.

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