Zeitung Heute : Raus mit der Sprache!

Marey Grunewald

Es war das perfekte Gastgeschenk. Wohlwollend betrachtete Margret Sandford den deutschen Wein. Früher führte die alte Dame einen Pub - heute bewirtet sie Gastschüler aus aller Herren Länder - und die bringen ihr manchmal köstliche Geschenke mit. "Von jetzt an trinke ich nur noch Whisky und Wein", erklärt sie dem überraschten Sebastian Stolz aus Berlin. Doch sie serviert Fruchtsaft, trinkt selber nur Tee, zur großen Erleichterung ihres Gastschülers. Ihr trockener britischer Humor will eben erst verstanden sein.

Jedes Jahr fallen Scharen von Teenagern an Englands sonniger Südküste ein. Ihre Eltern schicken sie nach Eastbourne, denn dort hat Sprachschule Tradition. Der hübsche, gepflegte Badeort, eingebettet zwischen den berühmten Kreidefelsen von Beachy Head und dem historischen Hastings, hat 60 000 Einwohner und 1,8 Millionen Touristen im Jahr. Hinter der eleganten Strandpromenade mit schicken Hotels und herrschaftlichen Häusern entfaltet sich ein typisch englischer Stadtkern: kleine victorianische, weiß getünchte Fassaden und eine quirlige Fußgängerzone mit wehenden bunten Fahnen und Einkaufsarkaden. Sechs Sprachschulen geben dem Ort einen multikulturellen Flair. Diskothek und Kurkonzert, hier besitzt beides einen hohen Stellenwert.

Die günstige Verkehrsanbindung zum Kontinent, die Nähe zu London und das gesunde Reizklima machen Eastbourne und die angrenzende Region für Sprachschulen sehr attraktiv. Die Schulen sind zentral gelegen, ihre Schüler nicht auf teure öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Kurze Wege ermöglichen den Schulen einen straff organisierten Tagesablauf, denn Eltern wollen die Gewissheit haben, dass ihre Kinder betreut und gefördert werden. Die Jugendlichen sind in ausgesuchten Gastfamilien untergebracht oder wohnen auf dem Schul-Campus. Tagsüber büffeln sie Englisch oder schwitzen beim Sport, abends steht Spaß haben auf ihrem Programm.

Für die meisten der zwölf- bis 20-Jährigen sind die Sprachferien der erste längere Auslandsaufenthalt ohne Eltern. Ihre Erwartungen sind hoch und der Schwerpunkt ihres Interesses liegt nicht unbedingt beim Lernen. "Ein guter Lehrer kann die Schüler trotzdem motivieren", sagt Graham White, Direktor der renommierten 1936 gegründeten "Eastbourne School of English". Er rät zu einem Schulbesuch von mindesten zwei bis vier Wochen, um überhaupt in die Landessprache eintauchen zu können. Vorkenntnisse sind nicht entscheidend, viel wichtiger ist die richtige Kursbelegung des einzelnen Schülers. So müssen sich seine Schüler am ersten Unterrichtstag einem detaillierten Sprachtest unterziehen, denn das umfangreiche Kursangebot der Schule reicht vom Anfängerenglisch bis zum Vorbereitungskurs auf die international anerkannten Sprachprüfungen wie das Toefl- und die Cambridge-Examen. "Wer hier die richtige Auswahl trifft, wird am effektivsten auf seinem Niveau lernen und messbare Ergebnisse erzielen", sagt White.

Viele britische Sprachschulen bieten zusätzlich Computerkurse, Au-Pair Programme, Lehrerweiterbildung, Erwachsenen- oder Seniorensprachkurse und als Bildungsurlaub anerkannte Intensivkurse an. Die Unterbringung der Erwachsenen erfolgt wahlweise in Gastfamilien, bei "Bed and Breakfast" oder Hotels. Auch behindertengerechte Quartiere sind vorhanden. Die Schulen werben mit einem umfangreichen Rahmenprogramm und verweisen auf das hervorragende Freizeit- und Kulturangebot ihrer Städte: Theater, Kino, Ausflüge, Reiten Tennis, Wassersport. So verlockend diese Angebote auch sein mögen, Martin Peters, Sprachreisenveranstalter aus Bonn, rät dennoch, die weniger bekannten Gegenden Großbritanniens zu entdecken. Dazu zählen East Anglia, die Midlands, aber auch Jersey. "Kleine Sprachschulen vor Ort bieten eine individuellere Betreuung an. Hier kennen sich alle, die Einheimischen sind nicht überstrapaziert", sagt Martin Peters. "Der engere Kontakt zur Bevölkerung ermöglicht zudem einen besseren Einblick in den typischen British Way of Life."

Unabhängiger Berater

Erst beraten, dann buchen: Wer seine Sprachreise selbst organisieren will, hat den Vorteil der freien Lehrinstitutauswahl und ist nicht auf Vertragspartner hiesiger Reiseveranstalter angewiesen. Das Risiko, an Ort und Stelle deutschsprachige Mitstudenten anzutreffen, lässt sich dadurch verringern. Über das British Council in Berlin ist die Broschüre "English in Britain" mit Adressen von Sprachschulen, Colleges und Universitäten in Großbritannien gegen eine Schutzgebühr von 2,50 Euro zu beziehen. Alle Institute sind vom British Council anerkannt und werden entsprechend überprüft. Eltern, deren Kinder allein verreisen, schätzen die Betreuung während der Reise und des Aufenthaltes, wie es die Veranstalter von Sprachreisen anbieten. Die British Tourist Authority (BTA) in Frankfurt am Main veröffentlicht eine kostenlose Broschüre "Entdecken Sie Großbritannien", in der 130 ausgesuchte Pauschalreiseveranstalter und Spezialisten aufgeführt sind. Hier ist Daniel Baruch eine gute Adresse. Der unabhängige Berater für Sprachtraining hat über 110 Institute persönlich begutachtet, verfügt über aktuelle "Insider-Informationen" und führt - selbstverständlich kostenlos - durch den Dschungel der Angebote, um den persönlich optimalen Sprachkurs zu ermitteln. Die BTA empfiehlt eine Beratung bei Baruch.

Die Aktion Bildungsinformation e.V. (ABI) in Stuttgart warnt vor schwarzen Schafen unter den Reiseveranstaltern. Seit 25 Jahren prüft die unabhängige Verbraucherschutzorganisation den Sprachschulreisemarkt. Ihre Broschüre "Englisch lernen in Europa", kostet 16 Euro (inklusive Porto und Versand) und ist direkt über die ABI zu beziehen. Die ABI unterhält zudem einen telefonischen Beratungsdienst.

Die Kosten für eine Sprachreise variieren je nach gewählter Stundenanzahl, Begleitprogramm und Unterbringung. An- und Abreise werden auf Anfrage von den Pauschalanbietern ebenfalls organisiert; diese Kosten sind immer noch zusätzlich zu tragen. Die Kosten einer zweiwöchigen Reise liegen zwischen 1000 und 1800 Euro. Die Erwartungen an eine Sprachreise sind dementsprechend oft bei Eltern und Schülern zu hoch.

Zwei- bis vierwöchige Sprachreisen werden schulische Defizite nicht ausgleichen. Sie können jedoch das Verständnis für die fremde Sprache und die Kultur wecken sowie Hemmungen abbauen. Sebastian jedenfalls hat seine Hemmungen überwunden. Sein schönstes Ferienerlebnis: "Das ich nach einer Diskussion mit dem Türsteher in die Diskothek hineingekommen bin." Sebastian grinst - dann kramt er sein Abschlusszeugnis hervor. "He made good progress. Well done, Sebastian." Er hat gute Fortschritte gemacht - gut gemacht, steht am Ende seines Sprachschul-Zertifikats.


Tipps zur Wahl der "richtigen" Sprachreise

Was macht ein gute Sprachreise aus? Die zehn wichtigsten Punkte:

Ganzjährig geöffnete, geprüfte und anerkannte Sprachschulen, zentral gelegen.

Qualifizierte, berufserfahrene, muttersprachliche Lehrkräfte mit einer Zusatzausbildung für das Unterrichten von Ausländern.

Kleine Gruppen von maximal zwölf Schülern in internationaler Zusammensetzung und nach sprachlichen Vorkenntnissen unterteilt.

Am ersten Schultag sollte ein umfangreicher mündlicher und schriftlicher Sprachtest stattfinden.

Angebotene Freizeitaktivitäten sollten im Preis enthalten sein.

Wöchentlicher Unterricht bei Jugendlichen von mindestens 15 und bei Erwachsenen von mindestens 25 Unterrichtsstunden.

Durchgehende persönliche Betreuung während der Freizeit/Reise bei Jugendlichen unter 18 Jahren.

Nach Abschluss des Kurses sollten die Schüler ein Zeugnis oder Diplom erhalten.

Ausgesuchte Gastfamilien, die nicht mehr als drei Schüler aufnehmen.

Allgemein verständliche Vertragsbedingungen, gemäß dem neusten Stand der Rechtsprechung, inklusive Reisepreis-Versicherung.

Adressen: The British Council, Hackescher Markt 1, 10178 Berlin; Telefonnummer: 030 / 311 09 90, Fax: 030 / 31 10 99 20, E-Mail: bc.berlin@britcoun.de , Internet: www.britcoun.de ; Bürozeiten: Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr

British Tourist Authority, Westendstraße 16-22, 60325 Frankfurt am Main; Bestelldienst für allgemeine Broschüren zum Ortstarif: Telefon: 018 01 / 46 86 42, Fax: 069 / 97 11 24 44; im Internet unter der Adresse: www.visitbritain.com/de

Daniel Baruch, Language Training Consultant, Fichardstraße 38, 60322 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 597 04 11, Telefaxnummer: 069 / 95 52 94 61, E-Mail-Adresse: info@business-english.net, im Internet unter: www.business-english.net

ABI Aktion Bildungsinformation e.V., Alte Poststraße 5, 70173 Stuttgart; Bürozeiten: Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr; Freitag von 8 bis 15 Uhr 30. Die Broschüre ist zu bestellen unter Telefon 07 11 / 29 93 35, Fax: 07 11 / 29 93 30; Beratung Sprachreisen werktags von 11 bis 12 Uhr; E-Mail-Adresse: info@abi-ev.de , Internet: www.abi-ev.de

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