Zeitung Heute : Rausschmiß per Videoberatung

JÖRN HASSELMANN

Berliner Firma startet "Teleconsult" für den MittelstandVON JÖRN HASSELMANNJung- und Kleinunternehmer kennen das Problem: Der Polier kommt wieder einmal zu spät zur Arbeit und ist noch dazu schwer angetüddelt.Wutentbrannt den Mann rausschmeissen? Lieber nicht, denn wenn der Mann wieder nüchtern ist, geht er zum Anwalt und man hat den Prozeß vor dem Arbeitsgericht sofort verloren.Was aber tun, wenn der juristische Sachverstand eines Mittelständlers nicht reicht für eine Kündigung, die Bestand hat? Richtig, den Fachmann fragen. An diesem Punkt will das Berliner Unternehmen GefAA jetzt High-Tech ins Spiel bringen, um Ratsuchende online mit Wirtschafts-, Rechts- und Computer-Experten zu vermitteln und damit an eine Vielzahl Datenbanken, Bibliotheken und CD-ROMs.In diesem Monat will das Projekt "Teleconsult" die ersten 10 Leitungen für verschiedene Sachgebiete über die 0190-Service-Nummern der Telekom schalten.Unter 0190-771 07 8 beispielsweise ist dann die Technologie-Vermittlungs Agentur (TVA) in Berlin zu erreichen, die spezialisiert ist auf das weite Feld der Fördermittel in der Europäischen Union.Das kostet wenig: 4,20 Mark Telefongebühren pro Minute, über die sich Teleconsult finanziert.Weitere Honorare oder Kosten fallen nicht an. Wo ist der Haken? Teilnehmen können nur die derzeit etwa 10 000 Besitzer eines "Personal Communication Computers", eines PC mit Videokamera und entsprechender Software also.Solch ein Video-Konferenz-System kostet derzeit etwa 7500 Mark. Wer also seinem besoffenen Maurer kündigen will, aber die juristischen Formalien nicht kennt, ruft 0190-771 07 2 an, für das Fachgebiet "Steuern und Recht".Es erscheint Peter Runge, Berliner Wirtschaftsprüfer und Rechtsbeistand auf dem Bildschirm, dem man im persönlichen Gespräch das Problem schildern kann.Wenn gewünscht, kann Runge in Sekundenschnelle Musterkündigungen oder auch Gesetzestexte durch die Telefonleitung direkt in den Computer des Anrufers senden.Weiß der Steuerberater nicht weiter, kann er den Ratsuchenden an kompetentere Experten weiterschalten.Denn Runge fungiert im "Teleconsult"-System als sogenannter Knoten, hinter dem wiederum viele verschiedene Spezialisten sitzen können.Bei der "Regionalinformation Sachsen" wird der Anrufer an 47 Fachleute mit der entsprechenden Datenbank oder CD-ROM vermittelt."So wird das Informationschaos strukturiert", sagte der GefAA-Geschäftsführer Heinz-Jürgen Haupt bei der Vorstellung des Systems.Auch Dienstleistungen wie Übersetzungen oder Schreibarbeiten sollen demnächst angeboten werden. Noch in diesem Jahr soll sich die Zahl der Knoten auf 20 erhöhen, für die Zukunft seien 100 vorstellbar.Mit an Bord hat die Teleconsult renommierte Firmen wie die Unternehmensberatung Arthur D.Little (ADL), die Telekom und die Computerkonzerne Intel und Olivetti.Die Motivation zum Mitmachen ist unterschiedlich: ADL will schlicht einen potentiellen Beratungs-Markt nicht verpassen, von dem keiner auch nur annähernd sagen kann, wie er sich entwickeln wird.Das Interesse der Telekom ist klar: An jeder 0190-Minute verdient sie 1,29 Mark.Und Intel und Olivetti wollen das nicht gerade rasant wachsende Geschäft mit Videokonferenz-Systemen beleben.

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