Zeitung Heute : REAKTION AUF BLATTERS ZORN: Die "schwarzen Scharfrichter"

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Der funkelnde Zorn des obersten Dienstherren Joseph Blatter hat genügt, um den lammfrommen Spielleiter-Trupp bei dieser Weltmeisterschaft über Nacht in "schwarze Scharfrichter" zu verwandeln: 24 Stunden nach dem markigen Einspruch des FIFA-Chefs, die Regelhüter mißachteten die "strikten Anweisungen" des Weltverbandes, stellten die Pfeifenmänner mit fünf Roten Karten und einer regelrechten Verwarnungsflut einen historischen WM-Tagesrekord auf und lösten in der Fachwelt eine neue scharfe Diskussion um das Für und Wider der veränderten Fußball-Gesetzgebung aus.

Der mexikanische Jurist Arturo Brizio Carter (Frankreich - Saudi-Arabien) und der kolumbianische Industrietechniker John-Jairo Toro Rendon (Dänemark - Südafrika) verkehrten als "kartenschwingende Desperados" ("The Independent") nach dem Eindruck der meisten Beobachter die bisher milde Großzügigkeit auf dem Spielfeld ins andere Extrem um, in eine schiedsrichterliche Hexenjagd ohne das vielbeschworene Fingerspitzengefühl an der Pfeife.ARD-Kommentator Günter Netzer verstand die Fußball-Welt nicht mehr: "Ich fand die Platzverweise für den Franzosen Zidane und den saudi-arabischen Kapitän Amin unbegreiflich.Gelbe Karten hätten es auch getan." Die wiederholte Ermahnung Blatters zu härterem Durchgreifen habe zu einem "unmenschlichen Druck" auf die Referees geführt, meinte Netzer, "die sehen jetzt gar keinen Spielraum mehr, um eine Handlung nach eigenem Ermessen zu beurteilen".

Selbst Brasiliens Fußball-Idol Pelé reihte sich nach dem "Festival in Rot und Gelb" in die Schar der Skeptiker ein, "die ein solches Vorgehen der Schiedsrichter nicht sehen möchten".Werde die Regel gegen unerlaubtes Grätschen in die Beine des Gegners so ausgelegt, daß wie im Spiel Südafrika - Dänemark der Däne Miklos Molnar nach einem unbeabsichtigten Zusammenprall mit einem Gegenspieler des Feldes verwiesen werde, so Pelé, "dann geht der Fußball kaputt".Die drei roten Karten in einem weitgehend fairen Match in Toulouse nannte Pelé "einen Hasardeur-Akt".

Eine "gewisse Überreaktion" erkannte selbst OK-Chef Michel Platini, der in den vergangenen Tagen noch zu den härtesten Anklägern einer "untätigen Schiedsrichter-Mannschaft" gehört hatte.In der Bundesliga mit ihrem traditionell strengeren Maßstab werde das Diktat der FIFA zu einer "Welle von Platzverweisen" und "endlosem Palaver" führen, befürchtete Bayer Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler.Seine Vision: "Das Spielfeld wird ziemlich leer werden."

FIFA-Boß Blatter verteidigte trotz "einiger Zweifel im Detail" das rigide Umschwenken seiner nicht aus den Schlagzeilen kommenden Schwarzkittel: "Mir ist es lieber, wenn die Schiedsrichter zu hart als zu weich reagieren", erklärte der Schweizer, "die Gesundheit der Spieler hat oberste Priorität".Auch in der Schiedsrichterkommision des Weltverbands herrsche "Genugtuung" über die "Zeichen, die gesetzt wurden".

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