Zeitung Heute : REAKTIONEN AUF DEN TOUR-SKANDAL: Olympische Zukunft in Gefahr?

FRANKFURT AM MAIN (sid).Der Doping-Skandal der 85.Tour de France stellt nach Ansicht von Professor Dr.Helmut Digel die olympische Zukunft des Radsports in Frage, solange der Internationale Radsport-Verband UCI keine Trainingskontrollen durchführt.Damit steht der Spitzenfunktionär konträr zu Aussagen von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch."Einem Profi-Radfahrer können und müssen unangemeldete Trainingskontrollen ebenso zugemutet werden, wie einem Dieter Baumann und einer Heike Drechsler", sagte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK)."Verbände, in denen keine unangemeldeten Trainingskontrollen durchgeführt werden, sollten keine Möglichkeit haben, dennoch an Olympischen Spielen teilzunehmen."

Die sogenannten out-of-competition-Kontrollen sind auch für Professor Dr.Wilhelm Schänzer der einzige Weg, um der Leistungsmanipulation Einhalt zu gebieten."Wir brauchen in Zukunft Trainingskontrollen im Radsport, anders sind die Probleme nicht zu lösen", sagt der Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln und ergänzt: "Daß Eythropoietin verwendet wird, überrascht mich nicht, aber daß von einem Team wie Festina systematisch gedopt wird, hat mich schon überrascht."

Unterdessen kritisiert Digel einen "Verdrängungsmechanismus"."Aktuelle Statistiken machen deutlich, daß es noch viel zu viele Spitzenverbände gibt, die keine Trainingskontrollen durchführen.Nicht zuletzt deshalb zeichnet sich die aktuelle Diskussion über die Dopingprobleme bei der Tour de France durch fachliche Inkompetenz, durch Heuchelei und Unglaubwürdigkeit aus.Die aktuellen Probleme sind keine neuen Probleme, sie sind über mehrere Jahrzehnte alt, man hat sie lediglich immer wieder erfolgreich verdrängt", sagte Digel.

NOK-Präsident Walther Tröger nahm das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Schutz: "Durch den Medical Code hat das IOC eine glaubwürdige Grundlage im Kampf gegen das Doping geschaffen, aber jetzt ist ein Punkt erreicht, an dem gehandelt werden muß", forderte Tröger, der die Zukunft des Radsports aber nicht gefährdet sieht."Ich glaube nicht, daß jugendliche Radsportler durch den Dopingskandal eines oder mehrerer Teams bei der Tour de France gefährdet sind."

Tröger verteidigte die Untersuchung des Skandals durch Polizei und Staatsanwalt."Mit der Lösung des Problems ist der Sport allein überfordert.Da müssen die staatlichen Organe helfen." Tröger verteidigte nicht nur das IOC, sondern den Sport insgesamt: "In Europa werden 50 Millionen Mark für den Kampf gegen Doping aufgewendet, mehr kann der Sport nicht tun."

Der Heidelberger Molekularbiologe und Doping-Experte Prof.Dr.Werner Franke hat heftige Kritik an der Tour-de-France-Berichterstattung deutscher Medien geübt."Es ist ja schon seltsam, wie dieses deutsche Volk glaubt, daß die Welschen fälschen, betrügen und sich das Zeug reinpfeifen, aber die deutschen Lichtgestalten von Telekom von allem unberührt sind.Aber die Nation glaubt fest daran und die deutsche Presse und die deutschen Medien auch", sagte Franke am Freitag in einem Interview mit dem Info-Kanal des NDR.Es gebe Beispiele dafür, die zeigten, "wie sehr der Journalismus auch faul ist neben den Radfahrern".

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