Zeitung Heute : Rechnen statt reden

Barbara Bierach

Seit über 25 Jahren diskutieren wir, warum es bei uns immer noch so wenig weibliche Chefs gibt. Die Antwort ist immer dieselbe: Kinder, Küche und Karriere sind schwer zu vereinbaren. Die Schlussfolgerung kommt einem auch irgendwie bekannt vor: Das ist unfair und einer modernen Demokratie unwürdig. Dann folgt in der Regel eine ziemlich moralinsaure Begründung, warum mehr Frauen auf die Karriereleiter müssten: Sie sind Team-orientierter, einfühlsamer, intuitiver. . . kurz emotional intelligenter und überhaupt die besseren Chefs. Gäbe es mehr von ihnen, würde das kalte Klima in den Unternehmen sich ebenso ändern, wie die fiesen Spielregeln der männlichen Chefs.

Nett geschwafelt, aber in der Praxis interessiert das keine Sau. Weder die arbeitswilligen Frauen, die immer noch nicht recht wissen, wo sie ihre Kinder unterbringen sollen, noch die Unternehmenslenker, die in der Regel weniger über Kuschelfaktoren und mehr über Profit nachdenken. Lassen wir die ethischen Argumente mal im Schrank und reden wir über Rendite: Familienfreundlichkeit zahlt sich für den Arbeitgeber aus.

Eine Studie der Prognos AG besagt, dass 50 Prozent der Kosten, die durch unzureichende Vereinbarkeit von Beruf und Baby anfallen – wie Fluktuations-, Bewerbungs- und Wiedereingliederungskosten – durch familienfreundliche Maßnahmen vermieden werden. Ein Betriebskindergarten bringt eine Investitionsrendite von bis zu 25 Prozent. Von dem nicht gerade revolutionären Dieter Philipp, dem ehemaligen Handwerks-Präsidenten, ist folgendes Zitat bekannt: „Familienfreundlichkeit macht sich bezahlt durch geringere Fehlzeiten der Mitarbeiter, niedrigere Fluktuation sowie bessere Arbeitsleitungen.“ Hört! Hört!

Den Wahrheitsgehalt dieser Betrachtung hat die oberpfälzische Firma Anton Schönberger Stahlbau & Metalltechnik erfahren, die kräftig in Familienfreundlichkeit investiert hat. Seitdem bewerben sich auch Mädchen für die Ausbildung zum Metallbauer, die Fluktuation ist gering, 20 Prozent der Belegschaft ist weiblich, die Hälfte davon arbeitet in Führungspositionen – und das in einer klassischen Männerbranche. Das Ganze funktioniert übrigens auch im großen Stil: Kämen dank besserer Kinderbetreuung 1000 Akademikerinnen an ihren Arbeitsplatz zurück, würden die rund acht Millionen Euro Einkommenssteuer bezahlen, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung errechnet. Die Krippenplätze dazu würden hingegen nur zehn Millionen kosten. Kurz: Rechnen statt Reden, der Rest findet sich dann schon.

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