Zeitung Heute : Rechnung eines Patriarchen

Ex-Karstadt-Chef Deuss hat einen Dienstwagen und einen Chauffeur – jetzt will er noch mehr

Dagmar Rosenfeld[Essen]

In der Bibel heißt sie Todsünde, die „Bild“-Zeitung nennt sie Abzocke, und Mahatma Gandhi hat über sie gesagt, die Welt hat nicht genug, um sie befriedigen zu können. Es geht um die Gier. Zu finden ist die Gier überall, manchmal auch in den Chefetagen deutscher Konzerne. Die Millionenabfindungen bei Mannesmann zum Beispiel, oder in Wolfsburg bei Volkswagen, wo sich Manager auf Betriebskosten mit Prostituierten vergnügten. Geradezu gering muten da die 15 000 Euro an, um die ein Vorstandschef im Ruhestand mit seinem ehemaligen Arbeitgeber jetzt vor dem Essener Landgericht streitet. Aber Gier kann auch kleinlich sein.

Es ist 12 Uhr 15, als der Vorsitzende Richter die Verhandlung „Dr. Deuss gegen Karstadt-Quelle wegen Dienstwagennutzung mit Fahrer“ aufruft. Walter Deuss, Pensionär und einstiger Karstadt-Chef, verklagt Karstadt-Quelle, weil der Konzern nicht mehr die Überstunden seines Chauffeurs bezahlen will. Nun kann man natürlich fragen, warum Karstadt seinem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden überhaupt einen Dienstwagen, einen BMW 745i, finanziert. Das kommt so: Als Deuss vor fünf Jahren von seinem Chefposten zurücktrat, ist in seinem Auflösungsvertrag festgelegt worden, dass er Anspruch auf einen Dienstwagen samt Fahrer hat – und zwar bis zu seinem Lebensende. Heute geht es erst einmal nur um die Überstunden des Chauffeurs. Genau gesagt, um 9,84 Überstunden pro Monat, die Deuss pro Jahr rund 5000 Euro kosten würden. So rechnet es zumindest Ferdinand Nielsen vor, der Anwalt von Karstadt-Quelle.

Doch würde es in diesem Verfahren nur um ein paar Überstunden gehen, dann würden jetzt vor Raum 368a des Landgerichts nicht dutzende Journalisten stehen. Dann müsste die Verhandlung nicht in einen größeren Saal verlegt werden, weil in Raum 368a nur Platz für 42 Leute ist. Und dann würden auch Christel Schubert und ihre Kollegen vom Karstadt-Betriebsrat nicht auf den grün gepolsterten Stühlen, dritte Zuschauerreihe links, sitzen. „Eine Frage der Moral ist das“, sagt Schubert, eine mollige Blondine. Was Walter Deuss, sein Chauffeur und die Überstunden mit Moral zu tun haben? „Wir Mitarbeiter haben harte Einschnitte hingenommen, um Karstadt und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten“, sagt Schubert. Vor anderthalb Jahren stand Karstadt-Quelle kurz vor der Insolvenz. Damals vereinbarten Vorstand, Gewerkschaften und Mitarbeiter einen Sanierungsplan und beschlossen zu verzichten. Die Vorstände auf zehn Prozent ihres Gehalts, die Mitarbeiter auf Bezahlung von Überstunden, auf Urlaubsgeld und auf Arbeitsplätze. Seitdem hat Karstadt-Quelle fast 25 000 Stellen abgebaut. „Und Deuss hat in einer solchen Situation nichts Besseres zu tun, als vor Gericht zu ziehen, um seine Pfründe zu verteidigen“, schimpft Christel Schubert. Ihre Wangen sind mittlerweile genauso knallrot wie ihr Kapuzenpulli. Sie arbeitet seit über 30 Jahren bei Karstadt in Gelsenkirchen und hat die Ära Deuss erlebt, die 18 Jahre, die er an der Spitze des Konzerns gestanden hat. Ein Patriarch, der Karstadt nicht geleitet, sondern über Karstadt geherrscht hat. „Er war der Vater der Firma, und wir Mitarbeiter waren seine Kinder“, sagt Schubert.

Walter Deuss ist zum Prozess nicht erschienen. Sein Anwalt, Wilhelm Moll, sitzt alleine auf der Klägerbank. „Ich freue mich, dass wir so viele Zuschauer haben“, sagt der Vorsitzende Richter, „gerade deswegen möchte ich noch einmal erklären, worum es bei einem Zivilverfahren geht“. Er wisse um die Emotionen, die mit diesem Verfahren verbunden seien, aber die hätten vor Gericht nichts verloren. „Hier geht es nur darum, dass ein Kläger einen seiner Meinung nach berechtigten Anspruch geltend machen will“, sagt er. Rein rechtlich dürfte Deuss mit seiner Klage gute Chancen haben. Das Gericht will sein Urteil am 10. Februar verkünden.

Eine Frage freilich wird auch nach dem Spruch bleiben: Warum muss der Fahrer eines 70-jährigen Ruheständlers überhaupt Überstunden schieben? Bei Karstadt erzählen sie sich, der passionierte Jäger Deuss lasse sich von seinem Chauffeur regelmäßig ins Bergische Land fahren, wo er auf die Pirsch gehe. Während Deuss dann auf dem Hochsitz aufs Wild warte, warte sein Fahrer hinterm Steuer am Waldesrand auf seinen Chef. Und das könne manchmal lange dauern.

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