Zeitung Heute : Recht auf Rechtschreibung

HELLMUTH KARASEK

Über die Rechtsprechung zur RechtschreibungVON HELLMUTH KARASEKEinen der "rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" nennt Kleist den Michael Kohlhaas, der der Obrigkeit sein Recht abtrotzt - und sei es um den Preis des Unrechts und des Todes.Was die Rechtshändel betrifft, so wimmelt die Gegenwart nur so von entsetzlich Rechtschaffenden, die gegen sämtliche Widrigkeiten prozessieren; sie pochen, im Rechtsstaat, zu Recht, auf ihr Recht.Und so streiten Mieter gegen Vermieter, Verkehrsteilnehmer gegen ihresgleichen, Nachbarn gegen Nachbarn, Eltern gegen Lehrer, Patienten gegen Ärzte.Ob es um Lärm in der Mittagspause, Blechschäden an der Kreuzung, falsch gelockerte Zahnplomben, herüberhängende Äste, Parklärm in Ruhezonen, die Fünf im Deutschaufsatz geht, um alles wird gestritten, rechtlich gestritten.Das ist in Ordnung, denn zum einen löst das Recht das Faustrecht ab, und es ist besser, daß Anwälte ins Brot gesetzt sind als daß sich Nachbarn die Augen blau und die Köpfe einschlagen.Auch ist das Recht kein Besitz, sondern, laut Definition, ein im ständigen Streit der Parteien zu findender Konsens oder zumindest Kompromiß; das Recht hat man nicht, das Recht will erworben, will erstritten sein.


So darf und kann sich keiner wundern, daß auch die helle Aufregung über die Rechtschreibreform ihren Ärger auf Justitias Waage abladen möchte.Es gibt schon drei anhängige Verfahren gegen das umstrittene Regelwerk.Vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden hatte ein besorgter Vater aus Marburg gegen die Einführung der Reform geklagt, um Schaden von seinem Kind abzuwenden; das Gericht gab ihm Recht und stoppte die Einführung.Die Richter hielten die geplante Reform für eine so wesentliche Änderung von Bildungszielen, daß für deren Einführung ein Gesetz notwendig sei.Nun hat sich das Verwaltungsgericht in Hannover diesem Urteil angeschlossen.Anders in Mainz.Dort wurde ein Eilantrag gegen die Reform abgewiesen; die Einführung der Reform sei rechtlich zulässig.Der Antragsteller, so die Juristen, mache sich unnötige Sorgen um sein Kind.Auch in Weimar wurde der Eilantrag einer Mutter abgeschmettert; es sei, so das Gericht, "nicht erkennbar, daß das Lernen einer in einigen Teilen veränderten Schriftsprache" die Entwicklung eines Kindes beeinflusse.Man sieht an den verschiedenen Urteilen, daß Recht eines nicht garantiert: die gewünschte Objektivität.Auch Richter sagen mit ihren Urteilen "Bravo!" oder "Bäh", sie müssen das nur mit Gesetzesvorschriften und Rechtsgrundsätzen in Einklang bringen.


Ob Kinder künftig auf Schulen "dass" oder "daß", "Halt machen" oder "haltmachen", "Stängel" oder "Stengel" schreiben sollen, das zu klären sind jetzt also die Gerichte aufgerufen.Eltern klagen für ihre Kohlhäschen.Und da sich die Gerichte offenbar in regionaler Vielfalt nicht darüber einig sind, wie "wesentlich" oder "unwesentlich" dergleichen für die Persönlichkeitsentwicklung eines Heranwachsenden ist, steht schon jetzt fest, daß auch die Sprache, jedenfalls die Schriftsprache, da landet, wo alles landet: vor dem Bundesverfassungsgericht.Und so wird aus Rechtschreibung Rechtsprechung.Und das ist rechtschaffen und entsetzlich zugleich, und es ist Recht schaffend.Man darf gespannt sein, in welcher Schreibweise das BVG das endgültige Sprachrecht verkündet.Aber im Ernst: Es ist gut und wünschenswert, daß viele Bürger nicht mit willenloser Hingabe alles akzeptieren, was die Verwaltung, sprich: Obrigkeit über sie verhängt, und seien es neue Kommaregeln.Aber wenn eine Gesellschaft alle Auseinandersetzungen auf den Rechtsweg schiebt, dann werden uns eines Tages nur noch Gerichte sagen können, was wesentlich und was unwesentlich ist.Am Anfang war das Wort, am Ende steht das Urteil.

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