Zeitung Heute : Recht freundlich

Die Zeit von Rot-Grün ist nun endgültig vorbei – das Bild des Anfangs bleibt. Die große Koalition hat neue Bilder. Und die wollen erst mal transportiert sein

Axel Vornbäumen

Der Vertrag ist längst beschlossen, jetzt ist er auch vor aller Augen besiegelt. Was bedeuten die Bilder, von denen manche zu Ikonen werden, für die jeweiligen Bündnisse?


Wenn Sie bitte zunächst noch einmal einen Augenblick nach links oben schauen mögen. Denn dieses Foto ist ja längst eine Ikone. Es hat uns begleitet, in den vergangenen sieben Jahren und es wird diese Republik weiter begleiten, auch wenn das, wofür es stehen sollte, nun zu Ende ist: Schröder, Fischer, Lafontaine, alle drei eine Champagnerschale in der Hand, aufgenommen am Nachmittag jenes 20. Oktober 1998, an dem Geschichte geschrieben wurde. Noch in Bonn übrigens. Kurz zuvor war der erste Vertrag einer rot-grünen Koalition auf Bundesebene unterzeichnet worden.

Rot und Grün, keine „Liebesheirat“ war das – aber das konnte man damals als Betrachter nicht ahnen, der Begriff war dafür auf politischem Parkett auch noch nicht gefunden, und merken sollte es ja auch keiner. Spät erst, als alles dem Ende zuging, hat Gerhard Schröder in einem Gespräch mit der „Zeit“ durchblicken lassen, dass er in der Liaison mit den Grünen eigentlich von Anfang an ein Zeitgeistbündnis gesehen habe, das zur Unzeit, nämlich verspätet, gekommen sei.

An diesem 20.Oktober 1998 aber, das kann man erkennen, war das dem designierten Kanzler herzlich egal. Drei Jahre zuvor hatte er eine Wette abgeschlossen, dass er 1998 Helmut Kohl im Amt des Regierungschefs nachfolgen würde – so war es auch gekommen, und so ist dieses Bild auch die Momentaufnahme eines Mannes, der von ganz unten nach ganz oben wollte, und der dies justament geschafft hat. (Andere Aufsteigerbilder sollten wenig später entstehen, eines zeigte den Kanzler im Brioni-Mantel und es dauerte seine Zeit, bis Schröder begriffen hatte, dass er damit in der Wahrnehmung seiner Klientel das sensible Gleichgewicht von Schein und Sein durcheinander gebracht hatte).

Ein letztes Mal zurück nach Bonn, dem Foto vom 20. Oktober 1998, das historisch geworden ist wegen des Ereignisses, zur Ikone aber, weil es ein bis dahin in dieser Form nie zugelassener Blick auf die Faszination war, die Macht für die, die sie anstreben, verströmen kann (zu sehen auch sehr schön an Fischers glückseeligem Blick auf Schröder). Neue Zeit, auch das. Wenig später schon erhielt das Bild einen weiteren Subtext – nachdem Oskar Lafontaine unter Absingen schmutziger Lieder das Finanzministerium verlassen hatte, sagte es plötzlich auch etwas aus über die zeitliche Begrenztheit von Männerbündnissen in der Politik. Trotzdem stellten sich Schröder und Fischer vier Jahre später, in der Bundestagswahlnacht 2002, im Willy- Brandt-Haus ostentativ vor die Kameras, um gewissermaßen zu historischer Stunde an historischem Ort die nötigen Bilder zu erhalten, die von der Fortsetzung ihres Bündnisses kündeten.

Und diesmal, 18. November 2005? Mehr als 39 Jahre nach Beginn der ersten und bis dato einzigen großen Koalition, die es in der Bundesrepublik gegeben hat? Keine „Liebesheirat“, auch diesmal, ein Zweckbündnis, eingestandenermaßen – aber auch das braucht Bilder, die Anfang, die Neuzeit, die Aufbruch suggerieren sollen – nicht nur dem Volk, auch den eigenen Leuten. Angela Merkel und Franz Müntefering haben schon vor Wochen für erste Bilder in dieser Richtung gesorgt, als sie mit der jeweils anderen Delegation durch ihre Parteizentralen flanierten, vertrauensbildende Maßnahmen waren das, die optisch ins jeweils andere Lager transportiert wurden. Nun also der Vertrag. Angela Merkel hält ihn in den Händen. Es ist das Schriftstück längs dessen sie ihre Richtlinienkompetenz wird ausüben können – wenn’s eng wird: müssen. Eine Ikone ist das Bild noch nicht, wie auch. Aber es liegt seit gestern auf Wiedervorlage, auch deshalb, weil sich an diesem Foto sehr schön heruminterpretieren lassen wird.

Zeigt es die Freude über die errungene Macht? Nicht im Schröder’schen Sinne. Niemand lässt sich gehen im nüchternen Ambiente des Paul-Löbe-Hauses – und doch ist da, in kontrollierter Offensive, eine Erleichterung, die Angela Merkel optisch zu Protokoll gibt. Für sie, die eingerahmt ist von Matthias Platzeck und Edmund Stoiber, ist es ein Siegerfoto. Sie ist am Ziel, das weiß sie – auch wenn erst am Dienstag, dann, wenn sie als Kanzlerin gewählt ist, ihr Anfang folgt.

Die neue Zeit. Ein bisschen weniger spektakulär beginnt sie schon, geschäftsmäßiger eben. Der vollendete Marsch durch die Institutionen muss nicht mehr gefeiert werden, das Ende einer Ära – wie 1998 nach 16 Jahren Kohl – auch nicht. Statt Sekt nur Selters. Merkel und Platzeck halten das für angebracht. Nun gibt es auch die entsprechenden Bilder dazu.

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