Recht und Willkür : Marcos Fall

Von Peter von Becker

Längst gibt es Mahnwachen für den 17-jährigen Marco Weiss, nicht nur im niedersächsischen Heimatort Uelzen. Sein Schicksal hat die Deutschen aufgerührt, bis hin zur Kanzlerin. Nun hat das Gericht in Antalya den Prozess einmal mehr vertagt, und Marco muss nach mehr als einem halben Jahr Untersuchungshaft weiter ausharren in seinem türkischen Gefängnis. In Ungewissheit und Bedrängnis, mindestens bis zum nächsten Verhandlungstermin am 20. November.

Das lässt keinen kalt. Aber diese Ungewissheit über den Ausgang heißt nicht: ausharren in erwiesener Unschuld. Manche deutsche Stimmen, die sofort von einem jungen Justizopfer sprachen, redeten über die vorliegende Anklage hinweg. Marco soll das erst 13-jährige englische Mädchen Charlotte beim Osterurlaub im Hotel am Mittelmeer missbraucht oder gar vergewaltigt haben. Sexuelle Kontakte mit Kindern gelten in allen zivilisierten Ländern als Straftat. Die Türkei hat sich deshalb gegenüber den ersten, frühen Vorwürfen aus Deutschland zu Recht eine politische Einflussnahme verbeten.

Freilich gilt auch nach türkischer Prozessordnung die Europäische Menschenrechtskonvention, die nicht nur bei Jugendlichen eine überlange U-Haft verbietet. Es gelten der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und das Prinzip in dubio pro reo. Im Zweifel für den Angeklagten. Die Zweifel indes sind groß, mittlerweile auch an der rechtsstaatlichen Sensibilität der Richter in Antalya. Nach einem halben Jahr gibt es noch immer keine gerichtsfeste Aussage des Mädchens Charlotte – nur die Abschrift eines englischen Videoprotokolls, und diese nicht einmal übersetzt. Marcos Richter und seine Verteidiger haben die Kronzeugin bisher nicht vernehmen können, und das Gericht hat offenbar weder durch entschiedene Vorladungen noch durch dringliche Rechtshilfeersuchen an die britischen Behörden für die notwendigen Voraussetzungen eines rechtsstaatlichen Verfahrens gesorgt.

Zudem existieren widersprüchliche gerichtsmedizinische Untersuchungen des Mädchens, die immerhin keine Verletzungsspuren ergaben. So ist Marcos Aussage weiterhin unwiderlegt: Er habe die älter wirkende, großgewachsene Charlotte für eine 15-Jährige gehalten, sie sei zudem mit Erlaubnis ihrer Eltern bis nach Mitternacht in der Disko und danach im Hotelzimmer mit sexuellen Zärtlichkeiten durchaus einverstanden gewesen. Angesichts dieser Beweislage wird auch nach türkischem Recht das Verschleppungsverfahren von Antalya inzwischen zu einen Justizskandal. Die Richter hätten Marco gestern zumindest unter Auflagen, etwa einem Ausreiseverbot, vorläufig freilassen müssen. Verdunklungsgefahr besteht jetzt nur, wenn das Gericht weiter nichts zur Erhellung tut.

Der Fall Marco lässt allerdings auch über die bisherigen Grenzen des Jugendstrafrechts hinausdenken. Hier handelt es sich nicht um die Scheußlichkeiten älterer pädophiler Vergewaltiger. Der Tatverdächtige und das angebliche Opfer sind beide minderjährig, auch Marco, den nur die Strafmündigkeit von Charlotte unterscheidet. Mädchen und Jungen besitzen in der Pubertät meist eine sehr verschiedene körperliche und geistige Reife. Beiden aber wird, in Werbung und Medien, immer mehr eine sexuell und aggressiv motivierte Frühreife suggeriert. So wird die Kindheit verkürzt durch eine Scheinerwachsenheit, die im Extremen auch immer jüngere Täter und Opfer produziert. Da hat die Diskussion über unser eigenes Jugendstrafrecht erst begonnen. Denn die Täter-Opfer-Schwelle von 14 Jahren stammt aus anderen Zeiten.

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