Zeitung Heute : Rechtspopulist wurde von "Christiansen" ausgeladen - Warum die ARD-Talk-Show mit einer neuen Formation auflief

Reinhart Bünger

Nach Protesten und Absagen anderer Gäste ist der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider von der ARD-Talk-Show "Sabine Christiansen" ausgeladen worden. Die Sendung sollte nun am Sonntagabend mit leicht veränderter Gästeliste, aber mit demselben Thema "Affären, Skandale, Wählerfrust - Chance für rechte Populisten?" über den Sender gehen. Eine jüdische Organisation hatte zuvor darauf aufmerksam gemacht, dass Haider ausgerechnet am 67. Jahrestag der Machtergreifung Adolf Hitlers - am 30. Januar 1933 - in der Fernsehsendung aufgetreten wäre.

Die Redaktion begründete die Ausladung am Sonntag damit, dass zunächst der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, und danach Bundesinnenminister Otto Schily ihre Zusage für einen Auftritt zurückgezogen hatten. Haider nahm die Absage nach Angaben von "Christiansen"-Pressesprecher Stephan Clausen "überraschend unüberrascht" zur Kenntnis. Nach der Absage an Haider sagte Friedman sein Kommen wieder zu, für Schily wurde der ehemalige SPD-Chef Hans-Jochen Vogel eingeladen. Clausen erklärte auf Anfrage, das Thema der Sendung sei zwar an Michel Friedman "aufgehängt", aber nicht auf ihn zugeschnitten gewesen. Nach der vorübergehenden Absage Friedmans habe die Redaktion mit rund 20 hochrangigen Vertretern jüdischer Organisationen Kontakt aufgenommen, um Ersatz zu finden - vergeblich. Deshalb sei das ursprüngliche Konzept der Sendung nicht zu halten gewesen. Durch die Absagen von Friedman und Schily wäre eine Sendung mit Haider nicht mehr austariert gewesen: Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit wäre als einziger Antipode übriggeblieben.

"Das Problem ist, wenn Sie jemanden wie Haider haben: Der antizipiert in Sekunden, wie die Stimmung in einer Runde ist", so Clausen. Wenn dann nicht die entsprechenden Leute gegenhalten könnten, scheitere die Sendung. Man sei sich bei der Vorbereitung der redaktionellen Verantwortung und auch des Datums sehr bewusst gewesen.

Die Redaktion vertrete die Meinung, es sei besser mit Rechten in "einen kritischen Dialog" einzutreten, als sie zu isolieren. Letzteres habe in Europa nur zum Erstarken der Rechten geführt. Ignoranz bringe den Rechtspopulisten Zulauf, stilisiere sie zu Märtyrern. Indessen sei ein heftiger Streit in der Sendung für die Fernsehzuschauer gar nicht so interessant, sie hätten vor allem Interesse an einer "ergebnisorientierten Diskussion". Auf die Frage, ob Haider vor diesem Hintergrund ein dankbarer Talkshowgast sei, sagte Clausen: "Diese Kategorie würde ich bei ihm nicht gelten lassen".

Die Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die SPD hatten dagegen eine andere Meinung vertreten. Es sei "unverständlich und empörend", dass Christiansen Haider ausgerechnet ein Forum biete, "sich als gewendeter Staatsmann zu profilieren", erklärte der Verband am Sonntag in München. Haider habe sich früher als Bewunderer der "ordentlichen Beschäftigungspolitik Hitlers" dargestellt. Auch die SPD hatte die Einladung für Haider scharf kritisiert. "Ich finde es unverständlich, dass die öffentlich-rechtliche ARD Jörg Haider in Deutschland eine Plattform zur besten Sendezeit bietet", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Wilhelm Schmidt. Der Generalsekretär von Haiders rechtsgerichteter "Freiheitlichen Partei" (FPÖ), Peter Westenthaler, erklärte dagegen dem Münchner Radiodienst, die Verweigerung einer Diskussion durch die beiden deutschen Politiker zeuge "nur von der mangelnden Demokratiefähigkeit der Herrschaften". Offensichtlich seien "Schily, Friedman und noch so einige andere wirklich von der Angst besessen, dass sie gegen Jörg Haider in der Diskussion nicht bestehen könnten."

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