Zeitung Heute : Rechtsruck in Wien lässt Tourismuswirtschaft bangen

AFP

Viel Schnee, schönes Wetter - die österreichischen Wintersportgebiete haben derzeit schlagkräftige Argumente gegen politische Boykottaufrufe. Fast alle Tourismusbüros melden gute Buchungszahlen. Stornierungen im Zusammenhang mit der Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders Freiheitlicher Partei (FPÖ) kennen die meisten nur vom Hörensagen. "Wir sind sehr gut gebucht und haben zum Glück gar keine Zeit, uns mit solchen Fragen zu beschäftigen", sagt etwa Heinz Prugger vom Tourismusverband Ramsau am Dachstein. Doch es gibt auch Befürchtungen.

In Saalbach-Hinterglemm, dem zusammen mit Sölden übernachtungsstärksten Skiort Österreichs, kann man die Aufregung um den Regierungswechsel nicht nachvollziehen. "Ich habe null Verständnis, wenn der belgische Außenminister Urlaub in Österreich als unmoralisch bezeichnet. Ein Regierungswechsel ist doch ein ganz normaler Vorgang", findet Tourismusobmann Wolfgang Haider, mit dem gleichnamigen Politiker weder verwandt noch verschwägert.

"Starke Hysterie"

Zwei bis drei Anrufer hätten am Servicetelefon ihrem Ärger Luft gemacht, was bei 800 bis 1000 täglichen Anfragen nach Zimmern oder der Schneesituation in Saalbach-Hinterglemm aber kaum ins Gewicht falle. "Wenn wir über das Internet Live-Bilder von schlechtem Wetter übertragen, hat das schlimmere Folgen", so Wolfgang Haider.

Für ein umfassendes Bild der Lage sei es noch zu früh, heißt es indes bei der Zentrale der Österreich Werbung in Wien. "Im Moment herrscht eine starke Hysterie, und es ist schwierig abzuschätzen, was von den Befürchtungen tatsächlich eintritt", sagt Sprecherin Sabina Köppl. Zwar gebe es bislang tatsächlich nur vereinzelte Stornierungen. Die eigentliche Rechnung werde aber erst in der bevorstehenden Sommersaison aufgemacht, wenn Boykottabsichten nicht mehr mit den Mühen eines kostenträchtigen Reiserücktritts verbunden sind.

Köppl zufolge ist die Stimmung in den einzelnen europäischen Ländern höchst unterschiedlich. Während beim Servicetelefon in München auf 500 bis 1000 tägliche Anrufe bisher nur "zwei Beschimpfungen" gekommen sind, verzeichneten die österreichischen Tourismusvertreter in Frankreich und Belgien massivere Reaktionen.

Einen prestigeträchtigen Treuebeweis verzeichnet Lech am Arlberg: Begleitet von starkem Medieninteresse, hat Königin Beatrix der Niederlande am vergangenen Wochenende dort planmäßig ihren Urlaub angetreten - "wie seit 35 Jahren", betont der örtliche Tourismuschef Armin Egger. "Es ist doch schön zu sehen, dass die Urlauber fair mit uns umgehen und uns nicht wie eine heiße Kartoffel fallen lassen."

Bezogen auf das ganze Bundesland Vorarlberg ist von zwei Stornierungen die Rede. "Ein Urlauber erklärte per Fax, es habe ihm eigentlich immer gut bei uns gefallen. Er sehe sich jetzt aber gezwungen, ein Zeichen zu setzen", zitiert Miriam Bergmann von Vorarlberg-Tourismus in Bregenz aus dem Absageschreiben.

Bei manchen Hoteliers herrscht allerdings schlechte Stimmung: Seit die FPÖ in Wien mit an der Macht ist, fürchten sie um ihre Gäste. Der Rechtsruck und vor allem die negativen Schlagzeilen darüber seien für die Tourismusbranche der Alpenrepublik so schlimm wie andernorts ein Erdbeben, meint Karl Seidlinger vom Tourismusbüro in Wien. Seine Befürchtungen scheinen sich bereits zu bewahrheiten: Noch am Tag der Vereidigung des rechtsgerichteten Kabinetts sagten zwei belgische Schulen ihre Klassenfahrten in die Alpen ab. Alle anderen Schulen in Belgien erhielten die Anweisungen, ihre Buchungen für Österreich zu stornieren.

Haider selbst hat kein Verständnis für die Sorgen der Tourismusindustrie, von der immerhin eine halbe Million Österreicher leben. Auch als er Landeshauptmann von Kärnten geworden sei, hätte es schlimme Befürchtungen gegeben, die dann doch nicht eingetroffen seien, beruhigt der FPÖ-Chef. Otto Hartmann von der Hotelkette "Österreich" ist da anderer Meinung. Die Regierung eines Landes spiele bei der Wahl des Urlaubsortes sehr wohl eine Rolle, sagt Hartmann. "Das haben wir bei Waldheim gesehen." Unter der Präsidentschaft von Kurt Waldheim Ende der achtziger Jahre war Österreich international isoliert.

"Haider ist ein Idiot"

"Wir sind beunruhigt", sagt auch Bernd Kesten vom Hotel "Stockinger" in Leogang in der Nähe von Salzburg. Eine israelische Reisagentur hat allein in dieser Ortschaft bereits 15 000 Übernachtungen für den Sommer abgesagt. Schuld an der Misere seien jedoch allein die Medien, meint der Hotelier. "Jeder empfängt inzwischen 30 Fernsehkanäle und die übertreiben total", sagt Kesten. Ähnlich denkt auch Kurt Gartbauer vom Hotel "Adlerhof" in Salzburg. Er befürchtete vor allem Einbußen bei den Urlaubern aus Israel.

Sollten durch den Rechtsruck in Wien tatsächlich die Gäste ausbleiben, wäre das ein schwerer Schlag für die österreichische Tourismusbranche. Bereits im vergangenen Jahr verzeichnete der Sektor, der 6,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet, Einbußen durch das Lawinenunglück von Galtür. Horst Wagner vom "Hof Hotel" im schicken Skiort Galtür lassen die düsteren Prognosen jedoch unbeeindruckt. "Haider ist ein Idiot, das ist klar", sagt Wagner. "Aber solange gutes Essen auf den Tisch kommt, Schnee auf den Bergen liegt und die Betten bequem sind, kümmert es niemanden, ob Haider an der Regierung ist."

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